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Meryem Uzerli : Einmal Istanbul – und zurück

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„Es hieß, ich hätte mir die Augen vergrößern lassen. Absurd!“

Der schnelle Einstieg in die Arbeit ließ ihr keine Zeit, die Kultur besser zu durchblicken. „Innerhalb von sechs Tagen haben wir einen hundertzwanzigminütigen Blockbuster gedreht“, sagt sie, als wundere sie sich noch immer darüber. Sie habe nicht viel geschlafen, arbeitete von morgens bis in die Nacht. Nach der Arbeit lernte sie den türkischen Text auswendig und feilte an ihren Sprachkenntnissen.

Unter dem Stress aß sie mehr. Schon zu Beginn hätte man sich bei einer Größe von 1,72 Metern und einem Gewicht von über 60 Kilogramm gefreut, wenn sie dünner gewesen wäre. Meryem aber kam beim Publikum so gut an, dass die Produzenten ihr äußeres Erscheinungsbild nicht zum Problem machten. Mit wenigen Ausnahmen sind türkische Schauspielerinnen nicht so schlank wie die Stars in Hollywood. Dafür scheut aber kaum eine der weiblichen Darstellerinnen vor einer Nasenoperation zurück. Dass Meryem Uzerli mit ihrer fast stupsigen geraden Nase und ihren vollen Lippen nach europäischem Schönheitsideal unoperiert war, konnte das türkische Publikum nicht so leicht hinnehmen. Im Fernsehen wurde über ihre meeresblauen Kulleraugen diskutiert: „Es hieß, ich hätte mir etwas in die Augen machen lassen, damit sie größer wirken. Absurd!“

Der Sultan und seine Frauen: In „Muhteşem Yüzyıl“ bezirzte Meryem Uzerli als Hürrem (ganz rechts) erfolgreich den Herrscher.

Eine Operation kam für sie nie in Frage, sie konzentrierte sich ohnehin auf ihre Arbeit. „Man wird dann irgendwann zum Roboter. Man funktioniert nur noch. So etwas habe ich vorher nicht erlebt.“ Plötzlich hatte sie Verantwortung. Wegen ihrer Bekanntheit konnte sie nicht einmal mehr auf die Straße – an manchen Tagen erwarteten sie vor Restaurants bis zu 30 Paparazzi. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie darüber nachgedacht, groß rauszukommen.“ Obwohl sie in der Ära der Boybands aufwuchs, waren ihr Stars fremd: Nicht ein Poster hing an ihrer Wand. Jetzt war sie selbst ein Star, dem über Facebook, Instagram und Twitter Tausende folgen. Aber sie sieht das relativ: „Groß werden bedeutet auch wieder klein werden.“ Mit Demut immunisiert sie sich gegen Höhenflüge. Denn sie erinnert sich gut an das Leben davor. Bis zu ihrem 28. Lebensjahr versuchte sie, ihren Weg zu finden. Der größte Job, den sie vorher hatte, war eine Rolle in „Der Staatsanwalt“. Lange schlug sie sich mit freien Theaterproduktionen, Kurzfilmen und Nebenrollen im Fernsehen durch – viele unbezahlt. Während viele deutsche Schauspieler unter die Armutsgrenze fallen, verdiente sie nun mit einer Folge in der Türkei, was sie in Deutschland nicht in einem Jahr hätte verdienen können.

In Talkshows wurde über ihre Zukunft spekuliert

Als sie die Serie verließ, geriet Meryem Uzerli in die Kritik. In einem Land, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich größer ist als in Deutschland, träumen besonders viele junge Menschen davon, ein Star zu werden. Da stieß ihr Abschied auf Unverständnis. „Der Megastar will nicht mehr Megastar sein. Es ist großartig, berühmt zu sein. Wie kann das jemand freiwillig hergeben?“ So fasst sie die Schlagzeilen zusammen. Dabei sei ihr Leben nicht glamourös gewesen. „Das ist ein Knochenjob. Das Star-Image wird ja nur nach außen verkauft mit perfekt gestylten und gephotoshoppten Covern auf Zeitschriften, mit Paparazzi-Bildern, wenn man einkauft, mit zusammengedichteten Nachrichten und mit Events, zu denen ein roter Teppich ausgerollt wird. Das sind aber nur Mini-Momente gegen den Rest der Zeit, in der man seinen Job macht oder im Hotel im Schlabberpyjama mit Freunden aus Deutschland skypt. Es ist oft eine Art Scheinwelt.“

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