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Meryem Uzerli : Einmal Istanbul – und zurück

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Istanbul kannte sie nur aus dem Urlaub: Meryem Uzerli hatte 24 Stunden Zeit, in Berlin ihre Koffer zu packen und anzufangen. Bild: Urban Ruths

Meryem Uzerli aus Kassel wurde in der Türkei über Nacht zum Serien-Star. Dann stieg sie aus. Nun ist die Schauspielerin in Berlin – und startet neu.

          Rote Hollywoodlocken fallen auf eine hochgeschlossene weiße Seidenbluse. Ein Arm lehnt auf der Schulter eines britischen Hairstylisten, der andere Arm ist in die Hüfte gesetzt. Ein goldener Gürtel schmückt die eng anliegende Jeans. Rot geschminkte Lippen tragen das Lächeln. Als Gesicht der Marke Elidor wirbt Meryem Uzerli, auf die Straßen der Millionenmetropole Istanbul blickend, für Haarprodukte.

          Denn mit dem Haarton ihrer Rolle setzte sie den Trend der letzten drei Jahre. Mit ihrer Persönlichkeit sorgt sie für die besten Verkaufszahlen, die das Unternehmen mit einem Produkt je hatte. Von der türkischen „Instyle“ bis zur „Marie Claire“ wurde sie zum Titelthema. In der türkischen „GQ“ war sie „Woman of the Year“ 2012. Meryem Uzerli ist aber in dem Land, dem sie ihren Erfolg verdankt, nicht anzutreffen. Die Hauptdarstellerin der türkischen Fernsehserie „Muhteşem Yüzyıl“ („Das großartige Jahrhundert“) hat die Rolle der Hürrem Sultan abgegeben.

          Mit der erfolgreichsten Serie der Türkei, die in 52 Ländern ausgestrahlt wird, wurde sie über Nacht zum Star. Aus dem Zentrum des orientalischen Hollywoods, in dem jährlich bis zu 60 Serien produziert werden, dominierte ihr Gesicht die Boulevardpresse. Die deutsch-türkische Schauspielerin hatte die Rolle unter 2000 Bewerberinnen bekommen – obwohl sie die türkische Sprache nicht beherrscht. Innerhalb eines Tages entschied sie sich, Berlin zu verlassen, um nach Istanbul zu ziehen.

          Die schöne Herrscherin, so klug wie intrigant: Meryem Uzerli in der Serie „Muhteşem Yüzyıl“.

          Die Serie basiert auf der Geschichte des Osmanisches Reichs. In ihrer Rolle als Roxelane, einer versklavten Priestertochter aus der heutigen Ukraine, verführt sie, nun mit dem Namen Hürrem Sultan, im Harem den Sultan. Um sich am Tod der Eltern zu rächen, bezirzt sie den Sultan, bis sie – als Gattin und als Mutter von drei Söhnen und einer Tochter – zur mächtigsten Frau des Reiches aufsteigt. Um sich selbst am Leben zu erhalten, müsse man töten, erklärte die echte Hürrem einst. Für ihre Kinder und sich selbst wird sie so weit gehen, dass sie den Sohn ihrer Rivalin Mahidevran, der ersten Frau des Sultans, vom eigenen Vater erdrosseln lässt.

          Hürrem prägt die Weiberherrschaft, die noch heute herrscht

          Die schöne Herrscherin ist so klug wie intrigant. Es ist ein Überlebenskampf der Frauen des Sultans, der heute in ähnlicher Konstellation in vielen türkischen Haushalten herrscht. In einer Welt, von der man im Westen annimmt, sie sei von Männern dominiert, spielt sie die Rolle jener Frau, die als erste Haremsdame an der Seite des Sultans Macht ausübt. Damit prägt sie die Weiberherrschaft, die heute noch unter türkischen Dächern dominiert. Wer die Hosen anhat, wird im Türkischen als osmanische Frau bezeichnet. Ihre Popularität zeigt, dass sich viele Frauen mit ihrer Rolle als kämpfende Frau identifizieren. Mit ihrer Ausstrahlung und Schauspielleistung lockte sie jede Woche mehr als 20 Millionen Zuschauer vor den Fernseher.

          Mag die Türkei auch ein Vielvölkerstaat sein, in dem Kurden, Armenier, Griechen, Araber, Lasen und Zazas leben – die Serie erzählt die Geschichte der Vorfahren vieler Türken, die sich als Söhne und Töchter der Osmanen begreifen. Die promiskuitive Inszenierung des Sultans und die Sklaverei des Osmanischen Reichs verärgerten Ministerpräsident Erdogan so sehr, dass er die Serie verbieten wollte. Weder Proteste noch Morddrohungen brachten die Schauspielerin dazu, abzubrechen. Ende Mai kehrte sie dennoch nach Deutschland zurück. Die Finalsendung fand ohne sie statt. Ein ganzes Land spekulierte, ob sie je wieder zurückkommen würde.

          Meryem Uzerli lebt nun wieder in Berlin. Ihr Lächeln legt sie auch ohne Kamera nicht ab. Das rote Haar hat sie eingetauscht gegen Natürlichkeit: Unter der orangefarbenen Mütze schimmert braunes kurzes Haar hervor. „Ich fühle mich gut, weil mir die Rolle, die ich über drei Jahre gespielt habe, morgens nicht mehr aus dem Spiegel entgegenschaut“, sagt sie. „Jetzt kann ich Meryem sehen.“

          Sie trägt natürliches Make-Up. Grauer Mantel und braune Stiefel passen zum Wetter. Anders als viele türkische Stars, die glamourös wirken wollen, folgt sie keinen Modetrends. „Für mich ist Berlin gerade nach diesen Jahren der schönste Zufluchtsort“, sagt sie in ihrem liebsten asiatischen Restaurant in Prenzlauer Berg. Lieber als im Berghain verbringt sie den Abend auf der Couch. Ihr Lachen ist im ruhigen Dezember-Berlin laut. Freunde müssten ihr die Stadt zeigen, von der sie noch nicht viel gesehen habe.

          Istanbul kannte Meryem nur vom Urlaub

          Als sie nach Istanbul zog, vor gut drei Jahren, hatte sie gerade erst wenige Monate in der deutschen Hauptstadt verbracht. 1982 geboren als Tochter einer deutschen Lehrerin und eines türkischen Gesellschaftswissenschaftlers, wuchs sie mit ihrer Schwester und ihren zwei Brüdern in Kassel auf. Dort besuchte sie Waldorf-Kindergarten und Waldorfschule, wo die Schauspielerei gefördert wurde. „Seit ich denken kann, ist ein Weg vorgegeben, ohne den Einfluss meiner Eltern.“

          Als sie mit 14 Jahren im Krankenhaus ihr Zimmer mit einer Kasseler Dramaturgin teilte, habe sie nach der Blinddarmoperation unter halber Narkose formuliert, Schauspielerei sei ihre Berufung. Die Dramaturgin meinte, sie solle erst die Schule abschließen und sich dann an sie wenden. Sie hörte nur auf den zweiten Rat. Nach einem sozialen Jahr in der elften Klasse kehrte sie nicht mehr in die Schule zurück. Von den 700 Mark, die sie im Monat auf der Krebsstation eines Krankenhauses verdiente, leistete sie sich Schauspielunterricht bei der Dramaturgin. Mit 17 Jahren begann sie als jüngste Schülerin an der Hamburger Schauspielschule Frese.

          Zu ihrer deutsch-türkischen Identität hat sie ein entspanntes Verhältnis. Ihre Eltern beschreibt sie als weltoffen. „Es wurde genauso vom Koran erzählt wie von der Bibel.“ Die Familie väterlicherseits besuchten sie jedes Jahr für wenige Wochen, Istanbul kennt sie vom Urlaub. Durch das deutsche Umfeld lernte sie Türkisch nie sprechen, trotz der Bemühungen ihres Vaters. Als sie in einer Novembernacht vor drei Jahren einen Anruf einer türkischen Schauspielkollegin bekam, entschied sie sich dennoch vorzusprechen. Es handele sich um eine große Produktion, die seit acht Monaten trotz Tausender Bewerber aus aller Welt noch immer auf der Suche nach der Hauptdarstellerin sei. Weder kulturelle Kompetenzen noch Türkischkenntnisse wurden vorausgesetzt, ein Akzent war sogar wünschenswert. Das Millionen-Projekt stand unter Zeitdruck.

          Und wirklich: Sie bekam die Rolle, sollte innerhalb von 24 Stunden nach Deutschland, ihre Sachen holen und am Abend den Flieger zurück nehmen, um am nächsten Tag zu beginnen. Sie erinnert sich daran, wie sie in der Nacht vor dem Rückflug am Fenster stand und dem Gebetsruf lauschte, den sie sich als Kind auf eine Kassette spielen ließ, um einschlafen zu können. „Es war, als würde die Hälfte meines Blutes, die bisher in der Tiefkühltruhe lag, sich aufwärmen und zu kochen beginnen.“

          „Es hieß, ich hätte mir die Augen vergrößern lassen. Absurd!“

          Der schnelle Einstieg in die Arbeit ließ ihr keine Zeit, die Kultur besser zu durchblicken. „Innerhalb von sechs Tagen haben wir einen hundertzwanzigminütigen Blockbuster gedreht“, sagt sie, als wundere sie sich noch immer darüber. Sie habe nicht viel geschlafen, arbeitete von morgens bis in die Nacht. Nach der Arbeit lernte sie den türkischen Text auswendig und feilte an ihren Sprachkenntnissen.

          Unter dem Stress aß sie mehr. Schon zu Beginn hätte man sich bei einer Größe von 1,72 Metern und einem Gewicht von über 60 Kilogramm gefreut, wenn sie dünner gewesen wäre. Meryem aber kam beim Publikum so gut an, dass die Produzenten ihr äußeres Erscheinungsbild nicht zum Problem machten. Mit wenigen Ausnahmen sind türkische Schauspielerinnen nicht so schlank wie die Stars in Hollywood. Dafür scheut aber kaum eine der weiblichen Darstellerinnen vor einer Nasenoperation zurück. Dass Meryem Uzerli mit ihrer fast stupsigen geraden Nase und ihren vollen Lippen nach europäischem Schönheitsideal unoperiert war, konnte das türkische Publikum nicht so leicht hinnehmen. Im Fernsehen wurde über ihre meeresblauen Kulleraugen diskutiert: „Es hieß, ich hätte mir etwas in die Augen machen lassen, damit sie größer wirken. Absurd!“

          Der Sultan und seine Frauen: In „Muhteşem Yüzyıl“ bezirzte Meryem Uzerli als Hürrem (ganz rechts) erfolgreich den Herrscher.

          Eine Operation kam für sie nie in Frage, sie konzentrierte sich ohnehin auf ihre Arbeit. „Man wird dann irgendwann zum Roboter. Man funktioniert nur noch. So etwas habe ich vorher nicht erlebt.“ Plötzlich hatte sie Verantwortung. Wegen ihrer Bekanntheit konnte sie nicht einmal mehr auf die Straße – an manchen Tagen erwarteten sie vor Restaurants bis zu 30 Paparazzi. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie darüber nachgedacht, groß rauszukommen.“ Obwohl sie in der Ära der Boybands aufwuchs, waren ihr Stars fremd: Nicht ein Poster hing an ihrer Wand. Jetzt war sie selbst ein Star, dem über Facebook, Instagram und Twitter Tausende folgen. Aber sie sieht das relativ: „Groß werden bedeutet auch wieder klein werden.“ Mit Demut immunisiert sie sich gegen Höhenflüge. Denn sie erinnert sich gut an das Leben davor. Bis zu ihrem 28. Lebensjahr versuchte sie, ihren Weg zu finden. Der größte Job, den sie vorher hatte, war eine Rolle in „Der Staatsanwalt“. Lange schlug sie sich mit freien Theaterproduktionen, Kurzfilmen und Nebenrollen im Fernsehen durch – viele unbezahlt. Während viele deutsche Schauspieler unter die Armutsgrenze fallen, verdiente sie nun mit einer Folge in der Türkei, was sie in Deutschland nicht in einem Jahr hätte verdienen können.

          In Talkshows wurde über ihre Zukunft spekuliert

          Als sie die Serie verließ, geriet Meryem Uzerli in die Kritik. In einem Land, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich größer ist als in Deutschland, träumen besonders viele junge Menschen davon, ein Star zu werden. Da stieß ihr Abschied auf Unverständnis. „Der Megastar will nicht mehr Megastar sein. Es ist großartig, berühmt zu sein. Wie kann das jemand freiwillig hergeben?“ So fasst sie die Schlagzeilen zusammen. Dabei sei ihr Leben nicht glamourös gewesen. „Das ist ein Knochenjob. Das Star-Image wird ja nur nach außen verkauft mit perfekt gestylten und gephotoshoppten Covern auf Zeitschriften, mit Paparazzi-Bildern, wenn man einkauft, mit zusammengedichteten Nachrichten und mit Events, zu denen ein roter Teppich ausgerollt wird. Das sind aber nur Mini-Momente gegen den Rest der Zeit, in der man seinen Job macht oder im Hotel im Schlabberpyjama mit Freunden aus Deutschland skypt. Es ist oft eine Art Scheinwelt.“

          Ehemalige Kollegen diskutierten in Talkshows über ihre Zukunft. Medien schrieben, sie sei abgehauen, es gehe um Geld, sie habe Bedingungen gestellt. Dabei begann Meryem nach drei Jahren, am Burnout-Syndrom zu leiden. Man hätte ihr eine Million vor die Füße legen können – sie konnte nicht mehr. Das habe sie schon Monate zuvor zu verstehen gegeben. Die Produktion kam ihr in den Arbeitszeiten weit entgegen. Was bis Sonntag gedreht wurde, war als 120-Minüter schon am Mittwoch im Fernsehen zu sehen. Man hatte nicht – wie in Deutschland – weitere Folgen zur Sicherheit bereits abgedreht. „Das ist ein Druck, den man in Deutschland gar nicht kennt, weil hier alles geplant und systematisch ist.“

          Sie wollte also nach Deutschland, um sich behandeln zu lassen. Aus einem dreiwöchigen Urlaub in Berlin wurde eine Heimkehr. Sie sei nicht mehr arbeitsfähig gewesen, habe an psychosomatischem Schwindel gelitten und konnte in den ersten Wochen nur noch im Bett liegen.

          „Wir arbeiten doch auch 18 Stunden und müssen eine Familie ernähren“, entgegneten ihr andere, wie sie erzählt. Bis zu diesem Zeitpunkt war Burnout noch kein Thema in der Türkei. Nun dringt das Syndrom sogar bis in die Werbung für Chips vor. Die gesellschaftskritische Comedy-Serie „Yalan Dünya“ („Falsche Welt“) machte es zum Thema einer Folge. Und als Meryem bei den „Antalya Televizyon Awards“ in der Kategorie „Beste weibliche Schauspielerin – Drama-Serie“ ausgezeichnet wurde, machte sie in ihrer Rede in gebrochenem Türkisch auf die Situation türkischer Schauspieler aufmerksam. Sie kritisierte die Länge der Serienfolgen von meist mehr als 100 Minuten und bat um Verkürzung für menschlichere Arbeitsbedingungen. Sie hatte den Mut und die Macht, offen auszusprechen, was viele belastet, aber in Kauf nehmen.

          Die neue Besetzung wirkt wie eine Mutter statt einer Geliebten

          Ihr Ersatz in der Serie ist die Schauspielerin Vahide Perçin. Nachdem Meryem die Hürrem Sultan von deren 17. bis zum 40. Lebensjahr gespielt hatte, begann die Saison nach dem Sommer mit einer Zeitverschiebung von 15 Jahren. Neben dem Hauptdarsteller Halit Ergenç wirkt die 48 Jahre alte Neubesetzung nicht wie eine Geliebte des Sultans, sondern wie seine Mutter. Die stark gesunkenen Einschaltquoten sprechen für sich und für sie.

          Das Talent von Meryem wird sich die Türkei nicht entgehen lassen. Fans aus aller Welt flehen bereits über Youtube und Facebook nach ihrem Comeback. Die Produktionsfirma Tims will wieder mit ihr zusammenarbeiten. Produzent Timur Savci besuchte sie sogar in Berlin. Für den Sommer steht ein Projekt in der Türkei an.

          Im August gab sie der Zeitung „Hürriyet“ nach langem Schweigen ein Interview und verkündete, sie werde das Kind, das sie erwarte, ohne Vater erziehen. Das rief wieder Debatten hervor, dieses Mal über alleinerziehende Mütter, Abtreibung, Verhütung. Wieder füllte Meryem die Schlagzeilen. „Dabei bin ich glücklich, wenn sich kein Mensch nach mir umdreht. Ich bin doch ganz normal“, sagt sie lachend. Meryem ist hochschwanger. Ihr Kind soll im Februar zur Welt kommen, „als Geschenk Gottes“.

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