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Meryem Uzerli : Einmal Istanbul – und zurück

  • -Aktualisiert am

Meryem Uzerli lebt nun wieder in Berlin. Ihr Lächeln legt sie auch ohne Kamera nicht ab. Das rote Haar hat sie eingetauscht gegen Natürlichkeit: Unter der orangefarbenen Mütze schimmert braunes kurzes Haar hervor. „Ich fühle mich gut, weil mir die Rolle, die ich über drei Jahre gespielt habe, morgens nicht mehr aus dem Spiegel entgegenschaut“, sagt sie. „Jetzt kann ich Meryem sehen.“

Sie trägt natürliches Make-Up. Grauer Mantel und braune Stiefel passen zum Wetter. Anders als viele türkische Stars, die glamourös wirken wollen, folgt sie keinen Modetrends. „Für mich ist Berlin gerade nach diesen Jahren der schönste Zufluchtsort“, sagt sie in ihrem liebsten asiatischen Restaurant in Prenzlauer Berg. Lieber als im Berghain verbringt sie den Abend auf der Couch. Ihr Lachen ist im ruhigen Dezember-Berlin laut. Freunde müssten ihr die Stadt zeigen, von der sie noch nicht viel gesehen habe.

Istanbul kannte Meryem nur vom Urlaub

Als sie nach Istanbul zog, vor gut drei Jahren, hatte sie gerade erst wenige Monate in der deutschen Hauptstadt verbracht. 1982 geboren als Tochter einer deutschen Lehrerin und eines türkischen Gesellschaftswissenschaftlers, wuchs sie mit ihrer Schwester und ihren zwei Brüdern in Kassel auf. Dort besuchte sie Waldorf-Kindergarten und Waldorfschule, wo die Schauspielerei gefördert wurde. „Seit ich denken kann, ist ein Weg vorgegeben, ohne den Einfluss meiner Eltern.“

Als sie mit 14 Jahren im Krankenhaus ihr Zimmer mit einer Kasseler Dramaturgin teilte, habe sie nach der Blinddarmoperation unter halber Narkose formuliert, Schauspielerei sei ihre Berufung. Die Dramaturgin meinte, sie solle erst die Schule abschließen und sich dann an sie wenden. Sie hörte nur auf den zweiten Rat. Nach einem sozialen Jahr in der elften Klasse kehrte sie nicht mehr in die Schule zurück. Von den 700 Mark, die sie im Monat auf der Krebsstation eines Krankenhauses verdiente, leistete sie sich Schauspielunterricht bei der Dramaturgin. Mit 17 Jahren begann sie als jüngste Schülerin an der Hamburger Schauspielschule Frese.

Zu ihrer deutsch-türkischen Identität hat sie ein entspanntes Verhältnis. Ihre Eltern beschreibt sie als weltoffen. „Es wurde genauso vom Koran erzählt wie von der Bibel.“ Die Familie väterlicherseits besuchten sie jedes Jahr für wenige Wochen, Istanbul kennt sie vom Urlaub. Durch das deutsche Umfeld lernte sie Türkisch nie sprechen, trotz der Bemühungen ihres Vaters. Als sie in einer Novembernacht vor drei Jahren einen Anruf einer türkischen Schauspielkollegin bekam, entschied sie sich dennoch vorzusprechen. Es handele sich um eine große Produktion, die seit acht Monaten trotz Tausender Bewerber aus aller Welt noch immer auf der Suche nach der Hauptdarstellerin sei. Weder kulturelle Kompetenzen noch Türkischkenntnisse wurden vorausgesetzt, ein Akzent war sogar wünschenswert. Das Millionen-Projekt stand unter Zeitdruck.

Und wirklich: Sie bekam die Rolle, sollte innerhalb von 24 Stunden nach Deutschland, ihre Sachen holen und am Abend den Flieger zurück nehmen, um am nächsten Tag zu beginnen. Sie erinnert sich daran, wie sie in der Nacht vor dem Rückflug am Fenster stand und dem Gebetsruf lauschte, den sie sich als Kind auf eine Kassette spielen ließ, um einschlafen zu können. „Es war, als würde die Hälfte meines Blutes, die bisher in der Tiefkühltruhe lag, sich aufwärmen und zu kochen beginnen.“

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