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Meret Becker im Interview : „Normal ist bei mir immer anders“

„Leider bin ich kein Zirkus“, sagt Meret Becker, wenn sie darüber spricht, wie schlecht das System Schule und ein künstlerischer Beruf zusammenpassen. Bild: Jens Gyarmaty

In „Babylon Berlin“ spielt sie eine eigensinnige Schauspielerin mit einem Hang zur Dekadenz. Im Interview spricht Schauspielerin Meret Becker über ihren Abschied vom „Tatort“, Geld, Telefonsex – und Otto Sander, den sie Vater nennt.

          6 Min.

          Können Sie wirklich Spagat?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja. In drei Richtungen.

          Noch so beweglich – mit 51?

          Nicht mehr ganz so beweglich. Früher hat man sich fünf Minuten warm gemacht, heute braucht man zwei Stunden. Das ist schon anders.

          Erwachsen werden fanden Sie immer doof. Wie ist das jetzt mit dem Älterwerden?

          Das finde ich nur doof, weil der Körper nachgibt. Jetzt geht’s noch. Aber beim Drehen nervt es mich schon. So wie ich denke, dass sich etwas anfühlt, sieht es nicht mehr aus. Man altert einfach. Was schön ist am Älterwerden, ist diese Großzügigkeit und Nachsicht. Das wächst: dass man menschliche Fehler genießen kann.

          Jetzt läuft die dritte Staffel „Babylon Berlin“ im Ersten. Sie spielen eine eigensinnige, selbstbewusste Schauspielerin mit einem Hang zur Dekadenz, verheiratet mit Mišel Matičević als Unterweltboss, Ronald Zehrfeld ist Ihr Liebhaber. Hat man diese Rolle speziell für Sie geschrieben?

          Nein, ich musste zum Casting.

          Das mögen Sie nicht, oder?

          Casting ist immer ein Test, man muss sich irgendwie beweisen. Das macht unsicher. Deshalb bin ich bei Castings oft nicht gut. Aber in diesem Fall hat es viel Spaß gemacht. Und die Rolle ist natürlich toll. So facettenreich und mit zwei der tollsten Kerle an meiner Seite.

          Wie muss ich mir einen ganz normalen Tag im Leben von Meret Becker vorstellen?

          Ganz normal ist bei mir immer anders. Zurzeit bereite ich verschiedene Musikauftritte vor, das heißt, ich muss musikalisch arbeiten, ich muss aber auch die Conférencen vorbereiten, die müssen ein gewisses Timing haben, die müssen das beinhalten, was ich gerne sagen möchte, was derzeit oft politisch ist, und ich möchte dabei trotzdem entertainen, also diese Grätsche.

          Spagat?

          Genau. Ich muss auch erstaunlich viel Büroarbeit machen, was man gar nicht so glaubt. Und mein Training aufrechterhalten.

          Die Rolle als Schauspielstar in der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ wirkt wie Meret Becker auf den Leib geschrieben. Aber sie musste zum Casting.
          Die Rolle als Schauspielstar in der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ wirkt wie Meret Becker auf den Leib geschrieben. Aber sie musste zum Casting. : Bild: ARD/Sky

          Warum haben Sie beschlossen, 2022 beim „Tatort“ aufzuhören?

          Es gibt ja Menschen, für die ist der „Tatort“ der Traum. Für mich war oder ist das Kino ein Traum. Musik machen. Platten. Der „Tatort“ ist eine Institution, die großen Respekt verdient, und ich bin dankbar, dass ich das machen durfte. Ich hab’ wahnsinnig viel gelernt. Finanziell ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich regelmäßig, gleichmäßig Geld hatte. Das bedeutet aber auch, dass man an die Leine genommen wird.

          Das ist nichts für Sie?

          Da tue ich mich schwer. Deshalb hat es mich eher gewundert, dass ich nicht früher weggelaufen bin. Wenn ich jetzt gehe, nach 15 Filmen, sieben Jahren, ist das doch anständig. Natürlich ist es auch dusselig in meinem Alter, ich könnte auch auf Sicherheit fahren. Aber das ist nicht mein Naturell. Und ich habe noch viel vor.

          Nämlich?

          Ich schreibe gerade an einem Skript, das zweite in meinem Leben, und ich möchte beide noch verfilmen. Eine Idee will ich verfilmen und vorher auf die Bühne bringen. Und ich möchte meine nächste Platte machen. So. Und ich möchte einen Lkw-Führerschein, einen Bootsführerschein...

          Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin mit ihrem Kollegen Mark Waschke in ihrem jüngsten „Tatort“.
          Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin mit ihrem Kollegen Mark Waschke in ihrem jüngsten „Tatort“. : Bild: rbb/Stefan Erhard

          Ich finde das ja schade mit dem „Tatort“. Am Anfang dachte ich, ich mag vor allem Mark Waschke und Berlin. Inzwischen guck’ ich vor allem wegen Ihnen: weil Ihre Kommissarin privat so angenehm unperfekt und überfordert ist. Und trotzdem im Job so professionell, selbstbewusst, klug.

          Oh, danke schön. Das freut mich. Wir haben da alle dran gearbeitet. Aber gerade als Frau war das oft auch anstrengend. Ich finde es als Frau zum Beispiel viel anstrengender, Kritik zu üben, gerade Männern gegenüber. Wobei die MeToo-Debatte da sehr geholfen hat. Seitdem darf ich Sätze zu Ende sprechen. Mir wird zugehört. Und es wird nicht mehr so empfunden, als wäre ich eine eitle Zicke. Das tut gut.

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