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Mercedes in Russland : Stern des Ostens

Noch setzt Putin auf den Pullmann statt auf „Vaterländische Produktion“. Bild: Picture-Alliance

In Russland fährt nicht nur Präsident Putin auf Modelle von Mercedes ab. Die Verkehrsregeln kommen da schon mal unter die Räder.

          8 Min.

          Für ihr Autohaus, einen runden Bau aus Glas und Stahl bei Kilometer 50 des Autobahnrings um Moskau, haben die Mitarbeiter von Panavto einen Namen: Reaktor. Weil er rund, stark und groß sei, „der größte Showroom eines privaten Händlers in Europa“, wie Leonid Borodkin stolz sagt. Der Leiter der Verkaufsabteilung von Panavto, schlank, groß, 37 Jahre alt, kann über Ausstattung, Lackierung und Motoren seiner Ware, Personenkraftwagen der deutschen Marke Mercedes-Benz, so überzeugend sprechen, dass man zu rechnen beginnt - und verzagt. Denn natürlich stehen da vergleichsweise günstige Modelle, und zwar rechts im Saal. Von „Eintrittskarten in die Modellpalette für jeden Kunden“ spricht Borodkin, verspricht Finanzierungshilfen, Inzahlungnahme. Aber er hebt mit Panoramablick auf Dutzende Personenwagen auch das Offensichtliche hervor: dass die Autos, je weiter man im Saal nach links schaut, teurer, exklusiver, verlockender werden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wer wollte sich da bei „kompakteren“ Modellen aufhalten; wenn schon, denn schon, wo doch halb Moskau im Luxus schwelgt und fährt. Gut, nur gefühlt im Luxus schwelgt und fährt, aber wer wollte Gefühle kleinreden, umso mehr in Moskau, der Hauptstadt einer gefühlten Weltmacht, in der, so eine Studie des Forschungsinstituts der Credit Suisse, ein Prozent der Bevölkerung über drei Viertel des nationalen Reichtums gebietet - was Russland unter den 38 reichsten Ländern der Welt zum Champion der Ungleichheit macht. Innerhalb des Landes ist der Wohlstand dann noch einmal sehr ungleich verteilt, auf Moskau nämlich und ein bisschen noch auf Sankt Petersburg.

          In die beiden Metropolen verkauft Borodkin denn auch nicht nur die meisten, sondern auch durchschnittlich um rund ein Drittel teurere Autos - und womöglich bald auch den giftgrünen Rennwagen, der in Testfahrten auf dem Nürburgring entwickelt wurde und der sich nun im Showroom auf einer Plattform dreht, bis er auf die Straßen entlassen wird. Die sind, ein Wermutstropfen, vielerorts nur mit einer Geschwindigkeit zu befahren, die seiner schlicht unwürdig ist. Und zwar nicht in erster Linie wegen leidiger Begrenzungen wie der von 100 Kilometern pro Stunde auf dem Moskauer Autobahnring, sondern vor allem wegen allfälliger Staus, Baustellen, Schlaglöcher. Umgerechnet mehr als 220.000 Euro kostet der Rennauto-Traum in, so die Herstellerbezeichnung, „Green Hell“.

          Rundumpaket der Macht mit brachialem Charme

          Gediegener wird es in einer abgetrennten „S-Lounge“. Dort scheint das Licht auf zwei schwarze Limousinen, die schon für knapp unter 200.000 Euro zu haben sind. Links ein Maybach mit 367 PS und, unter anderem, einer eindrücklichen Musikanlage. Der Wagen sei, heißt es, für Fahrten mit Chauffeur ausgelegt; bis zu zehn Maybach-Limousinen verkaufen sie hier im Monat. Rechts daneben lockt, für Leute mit mehr Eigeninitiative, ein Wagen mit AMG-Sportmotor, 612 PS und einem Lenkrad, das mit seinen Schaltern und Knöpfchen wie ein Joystick aussieht. Wer sich jetzt nur noch entscheiden muss, in welcher Farbe die Ledersitze seiner künftigen Limousine gehalten sein sollen, setze sich in die dunkle Ledergarnitur hinter die Regale mit Dekorationsbüchern, höre Musik über eine Anlage des Herstellers, der auch den Maybach ausstattet, und stelle an einem Flachbildschirm seine personalisierte Einrichtung zusammen.

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