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Meister im Hirschrufen : „Sich mit Hirschen zu unterhalten macht einfach Spaß“

  • -Aktualisiert am

Meisterhaft: Hans-Günter Schärf aus St. Andreasberg in Niedersachen 2016 in Dortmund. Bild: dpa

„Rööööööh“: In Dortmund steigt am Freitag die Deutsche Meisterschaft der Hirschrufer. Titelverteidiger Hans-Günter Schärf spricht im Interview über Platzhirsche, Weizenbiergläser als Lockinstrumente und das Üben auf der Autobahn.

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          Herr Schärf, an diesem Freitag wollen Sie bei den Deutschen Meisterschaften der Hirschrufer Ihren Titel verteidigen – und treten dazu in drei Disziplinen an: „Stimme eines alten, suchenden Hirschs“, „Stimme des Platzhirschs beim Kahlwildrudel“ und „Rufduell zweier gleich starker Hirsche auf dem Höhepunkt der Brunft“. Wie haben Sie sich vorbereitet?

          Gar nicht so intensiv. Wenn man zu viel übt, kann man leicht die Stimme überziehen und die Stimmbänder zu sehr strapazieren. Ich werde aber die Stimme auf der Autobahn nach Dortmund noch einmal – Rööööööh – so ein bisschen rauh machen.

          Wie reagiert so ein Platzhirsch beim Kahlwildrudel, wenn Sie röhren?

          Im Augenblick würde er mich blöd angucken. Das wirkt nur in der Brunftzeit – im September und Oktober. Im Grunde dient der Ruf ja der Revierabgrenzung und Kampfvermeidung. Schreie ich wie ein junger unerfahrener Hirsch, könnte es aber passieren, dass ein Platzhirsch, der Kahlwild dabei hat, auf mich zukommt und versucht, mich anzugreifen – wenn er mich denn als Mensch nicht erkennt. Andersherum könnte ich einen jungen Hirsch verschrecken, indem ich zu laut, zu intensiv und aggressiv schreie. Er würde sich mir dann nicht nähern und sagen: Dieser Platzhirsch ist mir zu stark. Was das Röhren auslöst, hängt auch immer von der Gemütslage des jeweiligen Hirschs ab.

          Jäger ahmen den Hirsch bei der Jagd nach. Sie aber sind gar kein Jäger. Wie kamen Sie zum Röhren?

          Ich bin in der Nähe von Wäldern aufgewachsen und da haben die Hirsche früher schon am helllichten Tag geschrien. Als Kinder machten wir uns einen Spaß daraus, dann gelegentlich zurück zu schreien. Dadurch haben wir auch immer wieder Hirsche angelockt, was ich faszinierend fand. Als Jugendlicher bin ich dann auch gerne mit den Damen zum Hirschröhren gegangen, weil das ja auch unheimlich ist, so alleine im Dunkeln, und aufregend, wenn dann plötzlich ein Hirsch hinter den Bäumen hervorkommt. Im Herbst in den Wald zu gehen und sich mit Hirschen zu unterhalten, macht einfach Spaß.

          Wie setzen Jäger die Hirschrufe ein?

          Erst einmal gehen sie in den Wald und horchen nach. Höre ich zum Beispiel zu Beginn der Brunft einen jungen, suchenden Hirsch und will ich ihn sehen, ahme ich einen Platzhirsch nach, der Kahlwild dabei hat – schließlich sucht so ein junger Hirsch weibliche Tiere. Ich würde aber nicht zu aggressiv rufen, sondern so, dass er neugierig wird. Wenn ich es mit einem starken Hirsch zu tun habe und ich ihn zu Gesicht bekommen will, imitiere ich auch mal einen starken Hirsch – so einer wird schließlich nicht gleich weglaufen. Man muss sich auf jedes Tier einstellen, wie auch auf die verschiedenen Phasen während der Brunft.

          Ein Hirsch röhrt im Wisentgehege in Springe in der Region Hannover.

          Lässt sich sagen, wann sich die Lockjagd in Europa etabliert hat?

          Das ist eine uralte Kunst. Ich denke mal, dass unsere Vorfahren schon zur Steinzeit ähnliche Tricks bei der Jagd angewendet haben, um nah genug an das Wild ranzukommen. In riesigen Revieren, wie es sie in Polen gibt, sind die Jäger auf solche Techniken bis heute angewiesen, wollen sie Hirsche jagen. In Deutschland ist die Lockjagd noch in unzugänglichen und großen Revieren in den Alpen verbreitet.

          Welche Lockinstrumente gibt es?

          Im Grunde wird alles verwendet, was die Luftröhre verlängert und eine Verstärkung des Tons herbeibringt. Das kann ein Weizenbierglas, ein Plastikrohr oder eine Holzröhre sein. Gerne werden Tritonmuscheln und Ochsenhörner genutzt.

          Klingen Hirsche regional verschieden?

          Ich selbst habe es noch nicht so rausgehört. Ich bin allerdings im Herbst auch nur selten in anderen Gebieten. Aber von Experten habe ich mir sagen lassen, dass es Unterschiede gibt. Jeder Hirsch schreit ja sowieso anders. Ich weiß von einem alten Hirsch, der mehr muhte als röhrte. Er war Platzhirsch und hatte sein Rudel – obwohl er diese komische Stimme hatte.

          Duett: Hans-Günter Schärf (rechts) und der zweitplatzierte Tasso Wolzenburg bei der Meisterschaft 2016.

          Als deutscher Meister durften Sie zur Europäischen Meisterschaft fahren. Haben Sie teilgenommen?

          Ja, aber nur mit mäßigem Erfolg. Ich hatte einen schlechten Tag. Man muss dazu sagen, dass die Deutschen – wie im Übrigen alle Westeuropäer – international keine so große Rolle spielen. Die Tschechen, die Slowenen und Polen sind sehr gut. Das Problem in Deutschland ist, dass wir nicht so eine große Auswahl haben wie die Osteuropäer. Bei denen ist die Kunst des Hirschrufens Teil der Jägerausbildung. Es gibt dort Bezirks- und Landesmeisterschaften. Ich sage immer: Wir singen Schlager, die schwingen Opern.

          Rechnen Sie sich Chancen auf den diesjährigen Titel aus?

          Ich bin etwas erkältet, was dazu führen kann, dass man beim Röhren ein Kratzen im Hals bekommt oder hüsteln muss. Also mal sehen, ob ich wirklich – im wahrsten Sinne des Wortes – aus vollem Hals werde schreien können. Es wird auch davon abhängen, wie mir der Sprengruf gelingt. Bei dem folgen mehrere Laute in Stakkato aufeinander. Mit dem Ruf bringt der Platzhirsch gegenüber einem weiblichen Tier seine Missbilligung zum Ausdruck, wenn dieses das Rudel verlassen und sich anderem Kahlwild anschließen wollte. Der Sprengruf fällt mir schwer. Von ihm kriege ich immer fast einen Schluckauf.

          Die Fragen stellte Matthias Hertle.

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