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Mein Großvater, der Täter

Von LORENZ HEMICKER

20. März 2021 · Ernst Hemicker starb, bevor ich auf die Welt kam. Doch seine Beteiligung am Holocaust lässt mich nicht los.

Mein Vater hat die Massengräber nie gesehen. Er starb, plötzlich und unerwartet, keine zwei Wochen vor unserer geplanten Reise in den Wald von Rumbula – wo die SS Ende 1941 gemeinsam mit ihren Helfern an zwei Tagen rund 27.500 Menschen jüdischen Glaubens ermordete, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Dass mein Großvater Ernst an diesem unfassbaren Verbrechen beteiligt war, weiß ich seit meiner Kindheit. Mein Vater erzählte mir das erste Mal davon, als wir auf der Autobahn 4 nach Hause unterwegs waren. Die Sonne ging unter, im Radio lief WDR 4. Wir unterhielten uns über den Zweiten Weltkrieg, so wie wir es häufiger taten. Der Krieg interessierte mich. Schon damals schaute ich mir häufig seine Bücher über den Zweiten Weltkrieg an. Besonders angetan hatte es mir eine „Time Life“-Reihe, die in unserem Wohnzimmer stand. Es war wohl eine Mischung aus Faszination und Grauen, die mich antrieb; die schwarz-weißen Aufnahmen von Soldaten in tadellosen Uniformen und Panzern in voller Fahrt, dazwischen zerstörte Städte – und entstellte Opfer, die mir Albträume bereiteten.

Wie wir auf dieser Fahrt auf Ernst kamen, weiß ich nicht mehr. Aber ein Satz ließ mich zwischen Schlagermusik und den Erzählungen meines Vaters über Frontverläufe aufhorchen: „Dein Großvater hat sich verdient gemacht.“ Was sollte das bedeuten?

Häufig in Gesellschaft, gern im Mittelpunkt: Ernst Hemicker 1963 mit dem ersten Amtsdirektor seiner Heimatstadt Kierspe
Häufig in Gesellschaft, gern im Mittelpunkt: Ernst Hemicker 1963 mit dem ersten Amtsdirektor seiner Heimatstadt Kierspe Foto: Frank Röth

Ich verstand nicht direkt, was er meinte, auch wenn ich die Ironie, die sein liebster Schutzschild war, in seiner Stimme wahrnahm. Ich fragte nach. Der „alte Ernst“, so nannte er seinen Vater meist, wenn er mit mir sprach, sei angeklagt gewesen auf Beihilfe zum Mord in mehr als 25.000 Fällen. Von der Anklage sollte ich noch häufig hören. Mein Vater erzählte von ihr an Weihnachten unter Verwandten genauso wie im Sommer in den Gärten unserer Nachbarn. „Peter, lass gut sein“, sagte dann irgendwann der ein oder andere.

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