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Meg Ryan im Interview : „Ich wollte einfach raus aus diesem Business“

  • -Aktualisiert am

Ich habe nicht bewusst nach Wegen gesucht, um dieses Image zu zerstören. Aber ich habe mir immer vor Augen geführt, dass man als Mensch aus Fleisch und Blut stets mehr ist als ein wandelnder Archetyp, ganz egal wie die Außenwahrnehmung ist. Und entsprechend habe zumindest ich selbst immer versucht, mich nicht in meiner Rollenauswahl festlegen zu lassen. Nach einer Komödie habe ich gerne in einem Drama mitgespielt, nach einer großen Produktion in einer kleinen. Aber ich hatte nie ein konkretes Ziel, sondern habe einfach auf Gelegenheiten reagiert, die sich boten.

Der Film „In the Cut“ von Jane Campion, in dem Sie 2003 zu sehen waren, wirkte allerdings fast wie eine gezielte Provokation gegen dieses Image der Niedlichen: ein düsterer, erotischer Thriller, Nacktszene inklusive...

Für Jane und mich war dieser Film vor allem eine feministische Dekonstruktion jenes Mythos von Romantik, der in anderen Filmen immer perpetuiert wird. Diese Idee vom heldenhaften Ritter, der die Frau aus ihrer Notlage befreit, ist nicht nur uralt, sondern auch gefährlich. Weil er nicht der Realität entspricht und damit sowohl Männer als auch Frauen an dieser Vorstellung nur scheitern können. Wie Jane dabei vorging, war unglaublich intelligent und komplex, doch als der Film dann in die Kinos kam, wurden leider all die Aspekte, die wir dazu diskutiert hatten, weitestgehend ignoriert. Stattdessen ging es sensationsheischend um meinen nackten Körper.

Fast scheint es, als sei der Film damals seiner Zeit voraus gewesen und bedürfe dringend der Wiederentdeckung...

Das würde mich freuen, denn in der Tat hat „In the Cut“ damals manches vorweggenommen, worüber dieser Tage in Sachen Film viel diskutiert wird, etwa den weiblichen Blick. Wenn man als Schauspielerin mit Männern hinter der Kamera arbeitet, dann ist man das Objekt der Geschichte, nicht das Subjekt. Die Perspektive des Films ist nicht deine, sondern sie ist auf dich gerichtet. Das war mit Jane Campion vollkommen anders, was mir als Schauspielerin eine viel subtilere Darstellung erlaubte. Für mich fühlte sich die Arbeit allerdings nicht wie etwas Revolutionäres an, sondern ganz natürlich. Der nächste logische Schritt. Umso geschockter war ich dann von den Reaktionen. Wobei man wohl sagen muss, dass die Leute nicht zwingend den Film nicht mochten. Sie mochten nur mich in dem Film nicht. Und zwar so gar nicht.

Insgesamt steht die Branche vor einem Umbruch, weil offen über Themen wie Belästigung, Gleichberechtigung und Vielfalt gesprochen wird. Wie erleben Sie das, Jahrzehnte nachdem Sie so manchen Missstand sicherlich mitbekommen haben?

Tja, das Filmgeschäft war immer enorm männerdominiert und ist es sicherlich heute auch noch größtenteils. Deswegen war die Zeit wirklich reif für etwas wie #MeToo. Und nicht umsonst hat sich die Sache ja verbreitet wie ein Lauffeuer. Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass die Enthüllungen um Harvey Weinstein bekannt wurden und diese Sache ihren Lauf nahm. Aber schon heute ist #MeToo Schulthema bei meiner 13 Jahre alten Tochter. Diese Kinder lernen jetzt, was „Nein heißt nein“ bedeutet und dass gegenseitige Einwilligung nötig ist. Das ist wichtig – und zwar für beide Seiten.

Fürchten Sie eine Einseitigkeit der Diskussion?

Ich bin eine Anhängerin der buddhistischen Denkerin Marion Woodman, für die es die Aufgabe der Zivilisation ist, das Maskuline reifen zu lassen und das Feminine zu vertiefen. Und ich bin unbedingt dafür, dass sich das bisherige Machtgefüge verschiebt. Aber dazu müssen eben beide Seiten beitragen, gemeinsam. Den Anfang davon sehen wir gerade. Allerdings sollte man auch nie vergessen, dass nicht alle Männer böse und nicht alle Frauen gut sind. Derzeit gehen mitunter die Subtilitäten in unseren Diskussionen verloren. Doch ich bin überzeugt davon, dass wir uns auch wieder in der Mitte einpendeln und sehr produktive Gespräche darüber führen werden, wie wir Menschen uns gegenseitig behandeln und gemeinsam in die Zukunft gehen können.

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