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Meeresbiologie : Der Jäger der Riesenkalmare

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Tsunemi Kubodera Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Vorsicht, jetzt stinkt's“: Ein unappetitlicher, aufgequollener, fünfeinhalb Meter langer Tentakel ist der ganze Stolz von Tsunemi Kubodera. Der Meeresbiologie hat den mythischen Giganten der Tiefe, einen Riesenkalmar, entdeckt.

          „Vorsicht, jetzt stinkt's“, warnt Kubodera, bevor er den Deckel hebt. In der Kiste liegt seine Trophäe, ein unappetitlicher, aufgequollener Tentakel, des Forschers ganzer Stolz. Er hat nicht übertrieben, der Geruch ist scheußlich und der Anblick, offen gesagt, ein wenig enttäuschend. Der zusammengerollte, schlaffe Muskel in der Kühlbox hat so ganz und gar nichts von dem kraftvollen, sagenumwobenen Meeresungeheuer, das seit Jahrhunderten die Phantasie von Seeleuten und Schriftstellern beflügelt, und er kommt auch nicht an die präzisen Beschreibungen des Wissenschaftlers heran, der den Riesenkalmar in der ewigen Dunkelheit der Tiefsee aufspürte.

          Als der Fangarm auf das Deck seines Fischerboots gehievt wurde, ahnte Tsunemi Kubodera, daß er sein Ziel endlich vor Augen hatte. Die Saugnäpfe griffen noch im letzten Reflex kräftig nach Fingern und Planken, der abgetrennte Tentakel war wohl fünfeinhalb Meter lang. Es mußte ein riesiges Tier ein. Doch Gewißheit hatte der Meeresbiologe erst, als die Fotos der an einer Leine versenkten, ferngesteuerten Kamera vor ihm lagen. Was er auf 550 Einstellungen zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache: „Der Architeuthis galt als träge und schwerfällig, aber das hier war ein aktives Raubtier.“ Die digitalen Bilder, zusammen mit Kuboderas Erläuterungen im britischen Fachblatt „Proceedings of the Royal Society“, lieferten den ersten Nachweis eines lebendigen Riesenkalmars in freier Natur. Eine Sensation, die im September nicht nur die Wissenschaft aufrüttelte. Seither kann sich der verschlossen wirkende Forscher in seinem Tokioter Naturkunde-Institut der Anfragen nicht erwehren, er vermittelt den Eindruck, daß ihm die ganze Aufregung ziemlich lästig ist.

          „Architeuthis“: Herrscher der Tintenfische

          In zahllosen Mythen und Schauermärchen ist der Riesentintenfisch lebendig. Jules Vernes Kapitän Nemo machte mit dem U-Boot Nautilus in „20 000 Meilen unter dem Meer“ seine Bekanntschaft, Herman Melville verewigte ihn in Moby Dick. Expeditionen von Abenteurern und Wissenschaftlern durchforschten vergeblich die Weltmeere. Aber niemand kam dem größten Kopffüßer nachweislich lebend auf die Spur, und selbst die Wissenschaft wußte die längste Zeit nur, was Fischer ihnen zu Seemannsgarn versponnen berichteten, von Monsterkraken, die ganze Schiffe auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe rissen. In Norwegen hielt man die Riesenkalmare gar für Wassergeister. Erst 1854 untersuchte der dänische Professor Japetus Steenstrup Reste eines gestrandeten Exemplars, verglich sie mit den Organen kleinerer Kalmararten und gab ihm den bis heute gültigen Namen Architeuthis, Herrscher der Tintenfische. Die erste wissenschaftliche Studie führte 1880 ein Professor der Yale-Universität aus. So viele Geheimnisse der Natur sind seither gelüftet worden, doch der Riesenkalmar widersetzte sich dem Menschen und allen Mitteln der Technik, blieb unnahbar und rätselhaft in der Tiefe der Weltmeere verborgen. Was man von ihm weiß, stammt fast ausnahmslos von toten oder sterbenden Tieren, die angeschwemmt oder in Treibnetzen gefangen wurden, insgesamt nicht mehr als 100 Exemplare in aller Welt.

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