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Sieben Jahre warten : Fernziel: Doktor sein

  • -Aktualisiert am

Mehr Bewerber als Plätze: Medizinstudenten in einem Hörsaal in Leipzig. Bild: dpa

Wer Arzt werden will und kein sehr gutes Abi hat, muss immer länger auf einen Studienplatz warten. Ob das rechtens ist, verhandelt gerade das Bundesverfassungsgericht. Ein junger Mann erzählt, wie es ist zu warten.

          5 Min.

          Ich habe 2010 Abitur gemacht, mit der Note 2,0. Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich studieren will, hätte ich nicht nur das Nötigste gemacht. In der Oberstufe wusste ich aber noch nicht, was ich nach der Schule machen will. Deshalb hat mir die Note gereicht. Mit 2,0 standen mir schließlich die meisten Studiengänge offen – nur die wenigen mit einem besonders hohen NC nicht, darunter auch Medizin. Über ein Medizinstudium hatte ich aber nie nachgedacht.

          Nach der Schule wollte ich meinen Zivildienst bei einer Tierauffangstation machen. Der Träger hat mir aber kurzfristig abgesagt. Dann habe ich erfahren, dass eine Klinik in meiner Heimatstadt Zivis sucht. Tatsächlich konnte ich dort sofort in der Hautklinik anfangen. Zunächst habe ich nur das Essen ausgeteilt. Ein glücklicher Zufall war, dass mich eine Oberärztin gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, mit zu einer Operation zu kommen. Da war ich natürlich dabei. Erst einmal habe ich nur zugeschaut. Bei weiteren Operationen durfte ich dann in steriler Kleidung mit an den OP-Tisch kommen. Das war ziemlich abgefahren. In diesen Momenten hat sich mir die Welt der Medizin eröffnet: In den Körper zu schneiden, um den Menschen zu helfen – das fand ich faszinierend.

          Keine Chance mit diesem Abischnitt

          Trotz der stressigen Arbeit war das Klima unter den Kollegen immer ziemlich gut. Es war auch ein befriedigendes Gefühl zu wissen, dass das, was man tut, etwas Gutes ist. Ich hatte vorher Probleme, etwas zu finden, was ich ein Leben lang beruflich machen will. Nach dem Zivildienst war das anders. Als Arzt zu arbeiten, das konnte ich mir vorstellen. Noch während des Zivildienstes habe ich mich daher für das Wintersemester 2010/11 zum ersten Mal für ein Medizinstudium beworben. Mit meinem Abi bin ich natürlich nicht genommen worden.

          20 Prozent der Studienplätze werden an die Absolventen mit den besten Abiturnoten vergeben. Es bis in diesen Bereich zu schaffen, ist in den vergangenen 20 Jahren immer schwerer geworden. Mittlerweile sind das fast immer Leute mit einem 1,0-Abitur. Weitere 20 Prozent werden an Interessenten vergeben, die eine bestimmte Wartezeit absolviert haben. Die Note spielt dann nur noch eine Rolle, wenn innerhalb einer Warte-Kohorte zu viele sind.

          Nicht alle Plätze werden nach der Note vergeben

          Das Problem ist, dass die Anzahl der erforderlichen Wartesemester immer weiter angestiegen ist. 13 Semester sollte ich damals nach dem Abitur auf einen Platz warten. Ich bin dann erst einmal für ein Work-and-Travel ins Ausland gereist und habe mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland mit einem Nebenjob etwas dazuverdient.

          Die restlichen 60 Prozent der Plätze werden in einem Auswahlverfahren von der jeweiligen Hochschule vergeben. Dabei spielt die Abiturnote zwar eine wichtige Rolle, aber sie ist nicht der einzige Faktor. Eine Ausbildung und Berufserfahrung im medizinischen Bereich fließen auch mit ein. Deshalb habe ich im Herbst 2011 eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen. Danach Medizin studieren zu können, war meine Hoffnung.

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