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Maximilian Schell im Gespräch : „Ich bin ja nichts geworden“

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Ja, ich fand mich immer heimatlos. Nur nicht auf der Alm, da bin ich zu Hause. Ich empfinde die deutsche Literatur als meine eigene. Ich finde den deutschen Film des Anfangs, Fritz Lang und Zeitgenossen, sehr gut und sehr klar. Die Filme der Nachkriegszeit, auch von Helmut Käutner, finde ich in Ordnung, aber auch nicht mehr. Außer „Die letzte Brücke“: ein sehr schöner Film. ANTWORT: In jüngerer Zeit fand ich „Das Leben der anderen“ sehr gut. Auch die Sachen von Michael Haneke, den ich leider nicht kenne, sind gut.

Schauen Sie Fernsehen?

Ja.

Was schauen Sie? In einem Interview sagten Sie mal: „Sturm der Liebe“.

Ja.

Eine Telenovela aus dem Nachmittagsprogramm. Was gefällt Ihnen daran?

Die Dummheit. Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit wie die Dummheit, sagt Horváth. Es ist sinnlos und nicht einmal unterhaltend. Aber es ist Ersatz einer Familie. Man kennt die Figuren alle. Ich muss nicht jede Sendung sehen, aber man kennt sie und findet sie nett oder gemein, und das Böse wird irgendwann gerächt, meistens zu spät.

Sie sind jetzt 81. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mit 21 dachten, dass Sie mit 81 mal sein würden?

Ja. Da machte ich katholische Exerzitien in Zug auf dem Berg in einem Kloster. Das war wunderschön. Ich kniete an einer Wand in einem Betstuhl und dachte darüber nach, was ich werden will. Ich sah mich merkwürdigerweise immer wie Tizian hinter einem Bild stehen als Achtzig- oder Fünfundachtzigjähriger und malen. Dann sagte ich, also ist das die richtige Wahl. In diesem Moment bekam ich einen Schlag auf den Kopf, und ich schaute auf. Da hatte sich der Korpus vom Kreuz gelöst und war mir auf den Kopf gefallen.

Die Jesus-Figur?

Ja. Ich ging sofort zu dem Jesuiten, der das Kloster leitete, einem ganz vernünftigen Menschen, der schaute sich das an und sagte: Da wird ein Nagel locker gewesen sein. - Das war sehr gescheit.

Was hat Sie am Älterwerden am meisten überrascht?

Die Müdigkeit.

In „Marlene“ sagt die Dietrich zu Ihnen: „Sie sind ein Träumer.“ Stimmt das? Oder kam das von der Dietrich, die sehr prosaisch reden konnte?

Das kam von ihr. Aber ja, ich bin ein Träumer, ich bin auch immer ein Romantiker gewesen, ich kenn’ nichts anderes. Was soll man denn sonst tun als träumen? Jeder Film ist ein Traum, jedes Bild ist ein Traum, jede Bibliothek ist ein Traum, jeder Freund ist ein Traum.

Da spricht der Hamlet aus Ihnen. Zu dem haben Sie eine besondere Beziehung, Sie haben ihn mehrfach gespielt.

Ja, eine grandiose Figur. Ich mache auch noch einen Film über ihn. Über einen achtzigjähriger Schauspieler, der noch einmal in seinem Leben den Hamlet auf Englisch spielen will. Er nimmt seine gesamten Ersparnisse, fährt nach London oder New York, engagiert sich junge Schauspieler und fängt an zu proben. Die Proben sind der eigentliche Film. Alle sagen: Der ist doch zu alt. Und er sagt: Schau, das Alter. Shakespeare selbst hat gesagt, Hamlet kommt aus Wittenberg. Dort aber wurde das Studium mit 16 abgeschlossen; also müsste Hamlet jünger als 16 sein. Der Totengräber dagegen sagt: Ich bin seit 30 Jahren Totengräber, seit dem Tag, an dem Hamlet geboren wurde. Erst 16, dann 30: Wenn Shakespeare sich nicht darum kümmert, warum soll ich mich darum kümmern?

Ein Mann mit vielen Passionen: Maximilian Schell

Schell, Jahrgang 1930, kann einen noch immer mit einem Blick anschauen, der einem durch und durch geht. Und einen im nächsten Moment hemmungslos charmieren. Sein Vater war der Schweizer Schriftsteller Hermann Ferdinand Schell, seine Mutter die Wiener Schauspielerin Margarethe Noé von Nordberg.

Schell, älterer Bruder der ebenfalls im Darstellergewerbe berühmt gewordenen Maria Schell, spielte Theater (u.a. in Hamburg unter Gustav Gründgens den Hamlet, in London, in Salzburg 1978 bis 1982 den Jedermann) und im Film (u.a. „Das Urteil von Nürnberg“, Oscar als bester Hauptdarsteller; „Topkapi“, 1964; „Die Brücke von Arnheim“, 1977; „Little Odessa“, 1994). Auch im Fernsehen war er zu sehen, etwa als „Peter der Große“, 1986, oder Präsentator der historischen Reihe „Imperium“. Als Regisseur machte er Filme wie „Erste Liebe“, 1970, „Der Fußgänger“, 1974, und „Der Richter und sein Henker“, 1975. Eine vielbeachtete Dokumentation widmete er 1984 Marlene Dietrich; 2003 folgte „Meine Schwester Maria“. Als Darsteller wie als Regisseur wurde er vielfach ausgezeichnet.

Von 1985 bis 2005 war er mit der russischen Schauspielerin Natalja Andreitschenko verheiratet. Aus dieser Verbindung stammt Tochter Nastassja (die während des spätnachmittäglichen Besuchs ebenso bei ihm anrief wie seine Freundin, die Opernsängerin Iva Mihanovic, 34). Zu Schells Passionen gehören die Musik und seine Kunstsammlung.

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