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Maximilian Schell im Gespräch : „Ich bin ja nichts geworden“

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Sie haben Montgomery Clift erwähnt. In „Das Urteil von Nürnberg“ ist für mich die ergreifendste Szene die zwischen Ihnen und ihm, der einen Zwangssterilisierten spielt. Wie war er?

Er war für mich der Maßstab für Menschen. Wenn Leute gut über den Montgomery Clift gesprochen haben, waren sie in Ordnung. Wenn sie schlecht über ihn gesprochen haben, konnte man sie gleich vergessen. Ich habe ihn sehr verehrt, denn er war einfach großartig, in „Ein Platz an der Sonne“ oder „Verdammt bis in alle Ewigkeit“. Der Monty Clift war für mich immer ein Vorbild. Von ihm habe ich auch sehr viel gelernt.

Und Marlon Brando?

Der war ein Freund.

In „Die jungen Löwen“, Ihrem ersten internationalen Film, 1957, spielte er einen deutschen Offizier, weswegen man ihm die Haare ganz blond gefärbt hatte.

Ja, die Leute in Hollywood sind oft sehr primitiv. Er sollte ein sozusagen repräsentativer Deutscher sein, also machte man ihn blond.

Sie hatten eine Nebenrolle als deutscher Offizier; hätten Sie gerne Brandos Rolle gespielt?

Mir war das egal. Ich war froh, dass ich da überhaupt eine Rolle bekommen hatte. Immerhin schrieb die amerikanische Kritik damals, nicht die Stars des Films - neben Brando noch Clift und Dean Martin - hätten die beste Leistung geliefert, sondern: „Maximilian Schell turned a small part into a leading role.“ So gute Kritiken hatte ich in Deutschland nie.

Wie haben Sie und Brando sich verständigt, keiner beherrschte doch die Sprache des anderen?

Zu Beginn, als wir uns am Set kennenlernten, noch nicht, aber ich habe dann schon Englisch gelernt, durch ihn eigentlich. Es ist immer ein großer Lacher, wenn Leute fragen: Wer hat Ihnen Englisch beigebracht? Und ich antworte: Marlon Brando. Ein Riesenlacher, weil er den Ruf hatte, so undeutlich zu sprechen. Als wir den Film drehten, habe ich alles phonetisch gelernt. Wir hatten einen dialog coach, der immer betrunken war, aber wahnsinnig nett. In einer Szene verweigert Brando mir als seinem Vorgesetzten einen Befehl; er wollte nicht auf Gefangene schießen. Ich sollte zu ihm sagen: „You know I could have shot you for what you just have done.“ Tatsächlich aber sagte ich erst mal: „I should have could you for what you just have done.“ Da bekam er vor der Kamera einen Lachanfall. Das war schön. Aber auch leidvoll. Ich bin ja nicht gern Schauspieler gewesen.

Was war daran schwer erträglich?

Sich vor anderen Leuten zu produzieren.

Das mögen Sie nicht?

Nein.

Warum sind Sie es trotzdem geworden?

Geld verdienen.

Sie wären eigentlich lieber Regisseur?

Wurde ich dann ja auch.

Was wären Sie überhaupt lieber geworden?

Das weiß ich gar nicht. Ich bin ja nichts geworden. Ich suche immer noch nach meinem Beruf. Ich bin nichts geworden.

Deswegen habe ich gefragt, ob Sie jemanden beneiden. Leute vielleicht, die genau wissen, was sie werden wollen?

Schauen Sie mal, die Fichte dort drüben. Die hat ganz hellgrüne Zweige, daraus kann man wunderbaren Fichtenhonig machen. Jetzt sind sie schon fast ein bisschen zu groß, und ich überlege mir ständig: Soll ich die nehmen für den Honig, oder soll ich die nehmen ein Stück weiter den Berg hinauf? Das ist genau wie: Walderdbeeren. Wenn Sie mich fragen: Walderdbeerensucher - das wäre ich gerne geworden. Im ersten Kapitel des Buches schreibe ich ja, wie ich Ulrich Mühe . . .

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