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Martin Sonneborn über Vater : „Mehr als Steinmeier täte er schon“

Martin Sonneborn stellte seinen Vater im Februar in Berlin als Kandidaten der Piratenpartei für die Bundespräsidentenwahl vor. Bild: dpa

Frank-Walter Steinmeier reist als Bundespräsident durch die Welt, aber was macht eigentlich Engelbert Sonneborn, der von seinem Sohn im Februar ins Rennen um das Amt geschickt wurde? Ein Interview mit dem Satiriker Martin Sonneborn.

          Herr Sonneborn, Sie wollten Ihren knapp 80 Jahre alten Vater Anfang des Jahres zum Bundespräsidenten wählen lassen. Engelbert Sonneborn war einer von fünf Kandidaten in der Bundesversammlung im Februar und bekam 0,8 Prozent der Stimmen. Wie geht es ihm heute?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Vielen Dank, es geht ihm sehr gut. Er hat eine ausgedehnte Australien-Reise hinter sich. Ich hatte damals getwittert, dass wir das Wahlergebnis zu 100 Prozent anerkennen würden, wenn mein Vater die Wahl verliert. Das war derselbe Tweet, den Donald Trump abgesetzt hatte. Hätte mein Vater die Wahl gewonnen, hätten wir sie allerdings angefochten. Das hatte seinen Grund, denn mein Vater hatte ja bereits sein Air-Berlin-Ticket nach Australien und zurück und hätte das Amt deswegen gar nicht antreten können. Jetzt ist er zurück, gut erholt, braungebrannt, und man hört eigentlich ähnlich wenig von ihm wie von Frank-Walter Steinmeier. Es scheint beiden gut zu gehen.

          Das Schloss Bellevue hatten Sie auch als Alternative zum Altersheim „Bellevue“ in Berlin-Köpenick gedacht.

          Ja, genau. Jetzt müssen wir den Scheiß leider selbst bezahlen. Aber das mache ich natürlich gerne.

          Was wäre heute anders, wenn Ihr Vater die Abstimmung gewonnen hätte?

          Ich habe gelesen, dass Steinmeier fast 20 Vertraute in gut dotierte Positionen im Schloss Bellevue gebracht hat. Das führte wohl zu Unruhe unter den Bediensteten und auch zu Ärger mit der Gewerkschaft. So etwas kann ich für meinen Vater ausschließen, der kennt überhaupt keine 20 Leute. Das wäre also besser gelaufen. Außerdem ist mein Vater sehr fleißig. Es ist nicht so, dass man mit knapp 80 Jahren jeden Tag noch große Reden vom Balkon schwingen muss. Aber ich glaube, etwas mehr als Steinmeier täte er schon. Wir haben kurz überlegt, zur Bundestagswahl ein Plakat zu machen mit einem Bild von Steinmeier, dazu die Zeile: „Faulpelz! Arbeitslager!“ Einfach weil er beruflich weniger tut als seine Kollegen Ex-Bundespräsidenten.

          Die Idee, Ihren Vater zum Kandidaten zu machen, soll an dem Tag aufgekommen sein, als Donald Trump seinen Sohn zu seinem Berater machte. Hatten Sie sich auch eine Position unter Ihrem Vater erhofft?

          Nein, vielen Dank. Ich bin in Brüssel ganz gut situiert als Europaabgeordneter und arbeite erfolgreich an der Verkleinerung der Europäischen Union. Mit meinem gut dotierten Mandat teste ich seit drei Jahren das bedingungslose Grundeinkommen und konnte bisher absolut noch keinen Nachteil dingfest machen. Meine Arbeit ist auch noch nicht beendet. Die Engländer fliegen jetzt raus, das habe ich geschafft. Aber ich arbeite natürlich weiter an der Verkleinerung. Ich will, dass die ganzen unzurechnungsfähigen osteuropäischen pseudodemokratischen Gebilde die Union verlassen, und ich säge gerade am Ast der Polen, Ungarn und natürlich auch der Iren, weil sie die Steuermillionen von Apple nicht annehmen wollen. Damit wird der Eindruck erweckt, es gehe um ein Europa der Konzerne und nicht der Bürger, und das ist natürlich fatal in solchen Zeiten.

          Sie haben vor der Bundesversammlung fast nichts über Ihren Vater erzählt außer dieser Anekdote: „Als mein Bruder und ich erstmals wählen durften, beantragte er Briefwahlunterlagen, zitierte uns an den Küchentisch und erklärte uns, wie man CDU wählt.“ Stimmt das?

          Ja, er kam mit zwei Briefumschlägen ins Esszimmer und hat uns die Wahlzettel erklärt. Das war in den Achtzigern, da gab es noch politische Positionen und Alternativen. Da konnte man noch überlegen, ob man zum Beispiel die SPD wählt. Selbst die Grünen waren ja mal wählbar, als sie jung und idealistisch waren und noch keine Partei der Besserverdienenden, also die FDP des kleinen dummen Manns und seiner Frau. Jedenfalls hat er damals erzählt, dass man SPD und CDU wählen könne. Er wolle uns zwar nicht beeinflussen, aber solange wir die Füße unter seinen Tisch stellten, müssten wir CDU wählen.

          Was hat ihm an der CDU gefallen?

          Mein Vater war über lange Jahrzehnte hinweg Angestellter im öffentlichen Dienst. Ich wundere mich immer darüber, dass in diesem Land, in dem Merkel eine Politik der Besserverdienenden und der Konzerne betreibt, nach wie vor Leute gegen ihre eigenen Interessen stimmen und CDU wählen. Das war bei ihm genauso. Aber es ist ja auch alles ziemlich unübersichtlich geworden. Kürzlich habe ich mit meinem Vater über das Gesetz zur Privatisierung der Autobahnen gesprochen. Er war der festen Überzeugung, dass durch dieses Gesetz verhindert wird, dass Autobahnen privatisiert werden. Ich war der Meinung, dass im Gegenteil ermöglicht wird, dass Abschnitte privatisiert werden. Und jetzt lesen wir, dass amerikanische Hedgefonds der schlimmeren Sorte in Deutschland auf der Matte stehen. Aber so ist das heute: Es gibt verschiedene Interpretationen zu Sachverhalten, und wer an der Macht ist, setzt eben seine Interpretation durch.

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