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Martin Luther King : An einem glücklichen Tag seines Lebens

Bild: reuters

Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis von einem weißen Attentäter erschossen. Er war damals schon eine Ikone des zivilen Ungehorsams und des Kampfes um Gleichberechtigung und Versöhnung.

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          Die letzten Worte seiner letzten Rede, gehalten im „Bishop Charles Manson Temple“ in Memphis (Tennessee) am Vorabend des Mordes, waren von geradezu gespenstischer Prophetie. Von einem langen Leben, das er sich wünsche wie jederman, sprach er: „Langlebigkeit hat ihren Platz. Aber daran denke ich jetzt nicht“, sagte Martin Luther King, damals 39 Jahre alt, er wolle vorerst „nur Gottes Willen erfüllen“. Der Herr aber habe ihn schon „auf den Berggipfel“ geführt, und von dort habe er „das Gelobte Land“ gesehen, in welches „wir, als ein Volk, gelangen werden“. Und er schloss: „Ich fürchte keinen Menschen, denn meine Augen haben die Herrlichkeit des Herrn geschaut.“ Abermals, zum letzten Mal erfüllte donnernder Applaus das mit 11.000 Menschen zum Bersten gefüllte Gotteshaus.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          King hatte mit anderen Führern der schwarzen Bürgerrechtsbewegung den streikenden Arbeitern der Wasserwerke von Memphis Mut zugesprochen. Denn auch dies gehörte im April 1968, kaum vier Jahre nach der Unterzeichnung des „Civil Rights Act“ – eines Marksteins in der wesentlich von King vorangetriebenen Emanzipationsgeschichte der Schwarzen in den Vereinigten Staaten – durch Präsident Lyndon B. Johnson vom Sommer 1964 und nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an King vom Dezember 1964 zur Wirklichkeit der Schwarzen in Amerika: Ausbeutung, Benachteiligung, Verachtung.

          „Es war einer der glücklichsten Tage seines Lebens“

          Am Tag nach der Rede, die der wortmächtige Baptistenprediger aus dem Stegreif und ohne Manuskript gehalten hatte, war King, so berichteten seine Weggefährten später, außergewöhnlich heiter und gelöst. „Es war einer der glücklichsten Tage seines Lebens“, erinnert sich Andrew Young, Kings Wegbegleiter der ersten Stunde, der später Abgeordneter, UN-Botschafter und Bürgermeister von Kings Heimatstadt Atlanta im Bundesstaat Georgia werden sollte. Als sich King mit seinen Mitstreitern eine Minute nach sechs Uhr abends vom „Lorraine Motel“ in Memphis, wo die Gruppe die Nacht verbracht hatte, auf den Weg zum Abendessen aufmachen wollte, krachte ein einziger Schuss. Das Projektil durchschlug Kings Hals unmittelbar unter dem Kinn, durchtrennte das Rückenmark. Dr. Martin Luther King Jr., geboren am 15. Januar 1929 im Stadtteil „Sweet Auburn“ von Atlanta, stirbt am 4. April 1968 um 18.18 Uhr auf dem Operationstisch des Krankenhauses von Memphis.

          Martin Luther King hat die Emanzipation der Schwarzen in den Vereinigten Staaten vorangetrieben

          Binnen dreizehn Jahren, vom legendären Busboykott in Montgomery (Alabama), angestoßen im Dezember 1955 von der schwarzen Näherin Rosa Parks, die ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen Weißen räumen wollte und dafür verhaftet wurde, über Dutzende Protestmärsche, bei denen King selbst dreißig Mal festgenommen wurde und manche Nacht im Gefängnis verbrachte, über den Titel „Mann des Jahres“ im Jahre 1956 der Wochenzeitung „Time“, den Protestmarsch von 250.000 Menschen nach Washington mit Kings historischer Rede „Ich habe einen Traum“ vom August 1963 und die große Rede in der Riverside Kirche von New York gegen den Vietnam-Krieg vom April 1967 bis schließlich zum jähen Tod im April 1968 war King zur Jahrhundert-Ikone des gewaltlosen Widerstands, des zivilen Ungehorsams und des Kampfes um Gleichberechtigung und Versöhnung geworden.

          James Earl Ray wurde zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt

          Und seine Ermordung wurde zum verhängnisvollen Jahrhundertereignis. In 125 amerikanischen Städten brachen Rassenunruhen aus, bei denen 46 Menschen starben und 2600 verletzt wurden. Zwei Monate nach dem Mord an King wurde der Berufskriminelle und weiße Suprematist James Earl Ray, der das Zimmer im Haus schräg gegenüber vom „Lorraine Motel“, von welchem aus der tödliche Schuss abgefeuert wurde, gemietet hatte und dessen Fingerabdrücke auf dem am Tatort sichergestellten Gewehr gefunden worden waren, auf dem Londoner Flughafen Heathrow festgenommen. Ray gestand beim Prozess vom März 1969 die Tat, widerrief sein Geständnis wieder, wurde zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt; er starb im April 1998 im Alter von 70 Jahren in einem Gefängnis in Nashville. Wie beim Mord an Präsident John F. Kennedy vom November 1963 gibt es bis heute Zweifel an der durch Gerichte und Untersuchungskommissionen bekräftigten These von der Alleintäterschaft Rays. Kings Witwe Coretta, die im Januar 2006 starb und neben ihrem Mann im King-Zentrum in Atlanta begraben liegt, glaubte bis zuletzt nicht, dass Ray der Mörder war.

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