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Wachkoma : Sag doch wieder was!

  • -Aktualisiert am

„Möchtest du...?“, fragten die Therapeuten: Marlies heute in ihrem Zimmer zu Hause in Bayern. Bild: Müller, Andreas

Marlies lag im Wachkoma. Ihre Augen waren offen, aber sie nahm nichts wahr. Ein Zustand, über den auch Mediziner noch viel rätseln. Doch der Zehnjährigen konnten sie helfen. Besuch bei einem Teenager.

          Auf dem Tisch steht Orangenkuchen. Es ist ihr Lieblingskuchen, Marlies hat ihn selbst gebacken. Sie hat Mehl und Zucker abgewogen, die Eier untergerührt, die Masse in den Backofen geschoben. Nichts Besonderes für eine Sechzehnjährige. Ein Wunder für Marlies. Vier Monate ihres Lebens sind in ihrem Gedächtnis ausgelöscht und eine Menge von dem, was ein Mensch in seiner Kindheit lernt, mit dazu. Marlies schaute in diesen vier Monaten mit offenen Augen in die Welt, aber ihr Gehirn konnte nicht verarbeiten, was dort passierte. Sie lag im Wachkoma.

          Als sie zehn Jahre alt war, stand das Mädchen nachts im Schlafzimmer ihrer Eltern in einem idyllischen oberbayerischen Bergdorf und schrie. Kopfweh, sie habe solches Kopfweh. Am Nachmittag war Marlies noch bei der Plattlerprobe ihres Trachtenvereins über die Bühne gesprungen, jetzt stammelte sie abgehackte Sätze, sprach Minuten später gar nicht mehr.

          Marlies Vater wählte die 112, gleich drei Mal hintereinander. „Gott sei Dank, so kam der Notarzt gleichzeitig mit dem Rettungswagen“, sagt Agnes Heibler. Die Dankbarkeit klingt noch heute aus der Stimme von Marlies’ Mutter, sechs Jahre nach diesem Abend im April 2008.

          Sie atmete zwar selbst, zeigte aber keine Reaktion

          Als die Ärzte in dem Dorf ankamen, schrie ihre Tochter nicht mehr. Eine Hirnblutung wohl, die Sanitäter zogen die Haltegurte auf der Trage fest und fuhren das Mädchen die Serpentinen hinunter in die Schön-Klinik Vogtareuth.

          Es gibt rund ein Dutzend Krankenhäuser in Deutschland, die sich spezialisiert haben auf Kinder im Wachkoma. Vogtareuth ist eines davon. Rund 50 Fälle behandelt die neuropädiatrische Abteilung jedes Jahr; wer hier nach Marlies fragt, bekommt auch nach sechs Jahren noch leuchtende Augen als Antwort: „Hach ja, die Marlies!“ Für Ergotherapeutin Melanie Hessenauer ist das Mädchen ein Paradebeispiel. Sogar Chefarzt Martin Staudt kennt die Details des Falls fast auswendig, obwohl er erst Monate nach Marlies’ Einlieferung hier anfing.

          Das Mädchen kam nun in diese Klinik, deren Flure hell und bunt sind und in der an jeder Tür eine andere kindergroße Comicfigur klebt. Neurochirurgen sägten Marlies Kopf auf, stillten die Blutung, nähten die Wunde wieder zu. Stunden vergingen, Tage, Marlies blieb bewusstlos. Sie lag im Koma, atmete zwar selbst, zeigte aber keinerlei Reaktionen.

          Verletzungen am Gehirn sind eigentlich endgültig

          Wer diesen Zustand verstehen will, muss zuerst das Gehirn verstehen. Für Grundfunktionen wie das Atmen ist der Hirnstamm verantwortlich, alle komplexeren Dinge übernehmen die anderen Bereiche. Selten ist die Diagnose Koma nicht. Kinder, deren Köpfe auf den Asphalt schlagen, die fast ertrinken oder ersticken, solche Unfälle passieren jeden Tag, deutschlandweit.

          Genau das sind die Dinge, die dem Gehirn etwas anhaben können: zu starke Erschütterungen und zu wenig Sauerstoff. Bei Ersterem zerreißen die Nervenbahnen zwischen den Gehirnzellen. Fehlt den Zellen der Sauerstoff, sterben sie ab. Wird zu viel auf einmal zerstört, schwillt das Gehirn an, wie bei einem Bluterguss, und schaltet vor lauter Druck die meisten Teile erst einmal ab.

          Verletzungen im Gehirn sind eigentlich endgültig, hier wächst keine Zelle nach und keine Bahn wieder zusammen. Aber das Gehirn kann etwas anderes. Etwas, weshalb Marlies jetzt Kuchen backen kann und nur beim Aufschlagen der Eier noch Hilfe von ihrer Mutter braucht.

          Wie eine Puppe

          Der Übergang zum Wachkoma war bei Marlies fließend, ihre Mutter kann sich nicht einmal mehr an den genauen Tag erinnern. Drei oder vier Wochen nach der Operation kam Agnes Heibler ins Krankenzimmer, und ihre Tochter hatte die Augen geöffnet. Dieser Zustand ist ein Meilenstein - und er ist keiner. „Die Patienten atmen, sie können die Augen öffnen und haben einen Schlaf-Wach-Rhythmus, aber das ist auch schon alles“, sagt Chefarzt Staudt. Es gebe keinerlei Zeichen für bewusste Wahrnehmung.

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