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Mark Waschke im „Tatort“ : Der Neue ist ein arrogantes Ekel

„In raren Momenten liegt in diesem Tun eine Utopie“: Mark Waschke beim Fotoshooting im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg Bild: Jens Gyarmaty

Mark Waschke, schönster Mann der Berliner Schaubühne, ist der Neue beim Berliner „Tatort“. Dort wird Kommissar Karow die nächste Rolle sein, der er eine finstere, abgründige Seite abgewinnt. Schon ein Mittagessen mit Waschke gleicht einer Performance.

          7 Min.

          Schon nach wenigen Minuten am Set ist klar: Der Neue im Berliner „Tatort“ ist kein weiterer sympathischer Kumpelkommissar.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Durch die geöffnete Tür des Nebenraums, in dem sich Kamera, Ton, Regie und Maske drängen, sieht man vor allem einen Hinterkopf und Schultern, eine schräge Rückenpartie in grauen Nadelstreifen. An den Wänden, karamell und vanillegelb gestrichen, hängen Plakate mit Slogans darauf wie „Prävention verbindet“. Vorsintflutliche Computer, zusammengewürfeltes Mobiliar. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat angekündigt, neben Meret Becker und Mark Waschke die Hauptstadt selbst zum Protagonisten seines neuen Sonntagabend-Krimis zu machen. Das angeranzte Polizeipräsidium, das in der ehemaligen Zigarettenfabrik Reemtsma eingerichtet worden ist, wirkt da doch angenehm authentisch.

          Ein deutscher Jude Law

          Klappe, siebenundzwanzig-drei, die zweite: Eigentlich gehört diese Einstellung der Praktikantin, einer rehäugigen Kindfrau mit Schmolllippen (Carolyn Genzkow), die sich weigert, Kriminalhauptkommissar Robert Karow Kaffee zu holen. Die Nadelstreifenschultern zucken kaum. Dann aber legt Waschke los. Erst kanzelt er die junge Frau ab. Dann lässt er sie auflaufen. Er rattert einen kleinen Vortrag herunter, um anschließend ihre Fähigkeiten im Kopfrechnen zu prüfen. Ständig pendelt er zwischen Chauvinismus und arrogantem Spott. Was für ein Kotzbrocken, denkt man belustigt. Smart, aber mies.

          Auch nach neunzig „Tatort“-Minuten - im Kampf gegen skrupellose Drogenhändler ist ein kleiner Erfolg geglückt - wird das Publikum am nächsten Sonntag nicht wissen, was es von diesem Mann zu halten hat. Das ist Teil des Konzepts.

          Und es passt. Waschke, 43 Jahre alt, schönster Mann der Berliner Schaubühne, würde als deutscher Jude Law durchgehen, wenn er nicht in seinen besten Rollen diese finstere, abgründige Seite hätte. Er war ein zerrissener Thomas Buddenbrook in der Verfilmung von Heinrich Breloer und der nur halbwegs zuverlässige Geliebte von Nina Hoss in „Fenster zum Sommer“ und „Barbara“. Die brutale Kälte seines SS-Mannes in dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ lässt einen noch in der Erinnerung schaudern. In seinem jüngsten Theaterstück, „Die kleinen Füchse“, wird ein geschmeidiger Anzugträger zum Berserker.

          Dagmar Reim, Intendantin des rbb, hält ihren neuen Kommissar für einen der besten Schauspieler seiner Generation: „Er zeichnet flirrende Charaktere, nicht einfach einzuordnen. Charming sein kann er so gut wie böse. Wer ihn je in der Schaubühne gesehen hat, vergisst ihn nicht.“ Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, der seit bald zwanzig Jahren mit Waschke arbeitet und ihn einst an das renommierte Haus geholt hat, charakterisiert ihn so: „Er ist ein gutaussehender, viriler Schauspieler, der voll und ganz die Verantwortung für sein Spiel und die emotionale Vielfalt seiner Figuren übernimmt. Auf der Bühne kann er von einem adrenalingeschwängerten Furor sein, den man selten so bekommt. Wenn Mark ausrastet, kommt immer alles raus.“

          Ambivalente Charaktere haben es ihm angetan

          Drehpause. Waschke, der sein Gesicht so ruhig in die Kamera halten kann, dass das Geschehen hinter den meerblauen Augen zu liegen scheint, hat plötzlich die Energie eines Flummis. Er federt den Flur entlang, einen Ingwertee in der Hand. Den Edelstahlbecher hat er sich mitgebracht, Plastikmüllvermeidung am Set. Mit einem Kollegen spielt er Ball. Meret Becker massiert er die Schultern.

          Zwischendrin sagt er Dinge, die komplex und grundsätzlich klingen. Dass er Figuren möge, die - ganz im Stil amerikanischer Serien wie „The Wire“ - sich nicht den Kategorien gut und böse zuordnen lassen. Ambivalente Geschichten, die weniger unmittelbar plausibel seien als widerspruchsvoll und verstörend. „In großen Krimis bleibt ein tiefes, grundlegendes Unbehagen. Das ist am Ende vielleicht noch größer als am Anfang“, sagt er. Oder: „Man sollte den ,Tatort‘ nutzen, um viel mehr von einer Gesellschaft zu erzählen, die sich selbst nicht versteht.“

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