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Musik-Produzent Ronson : „Für meine Neurosen war ich stets dankbar“

„Ich mache Musik und bin offensichtlich ziemlich gut darin“: Mark Ronson im Mai in einem Berliner Hotel. Bild: Jens Gyarmaty

Neben fast jeder starken Frau im Pop steht dieser Typ mit Gitarre: Ein Gespräch mit Songschreiber und Produzent Mark Ronson über Lady Gaga und Amy Winehouse, sein aus Trennungsschmerz geborenes Album und einen DJ-Einsatz für Donald Trump.

          7 Min.

          Seinen kommerziell erfolgreichsten Song „Uptown Funk“ hat Mark Ronson mit einem Mann hingelegt, mit Bruno Mars. Auf Ronsons neuem Album „Late Night Feelings“ hingegen sind ausschließlich Sängerinnen zu hören, und das passt auch gut zu einem Musiker, der mit vielen der größten weiblichen Popstars zusammengearbeitet hat, von Amy Winehouse über Adele und Lady Gaga bis zu Miley Cyrus; sie prägt mit ihrer Stimme den Hit „Nothing Breaks Like a Heart“, der seit Monaten im Radio läuft. Es ist eine Vorab-Single aus „Late Night Feelings“, das laut seinem Urheber traurige und doch tanzbare Stücke enthält; inspiriert dazu wurde Ronson durch seine unlängst zerbrochene Ehe.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Gespräch empfängt der Sänger in einem Hotel in Berlin. Statt sich, wie man es von einem langjährigen DJ erwarten dürfte, ins Nachtleben zu stürzen, ist er am Vorabend nur gediegen essen gegangen. Doch Ronson, auch wenn man es diesem schlanken, lässigen Mann mit seiner Grease-Tolle nicht ansieht, ist inzwischen auch schon 43.

          Mr. Ronson, im Video zu „Nothing Breaks Like a Heart“ wird Miley Cyrus von mehreren Polizeiautos verfolgt. Gegen Ende des Videos springen Sie zu ihr in den Wagen im Stile eines Actionhelden. Normalerweise übernimmt der dann das Steuer und bringt alles zu einem guten Ende, Sie aber lehnen sich auf dem Beifahrersitz zurück und lassen den Dingen ihren Lauf. Für die Rolle, die Sie bei der Musikproduktion spielen, wäre das eine ziemlich schlechte Metapher, oder?

          Ich würde nicht sagen, dass ich mich im Studio zurücklehne und einfach warte, was passiert. Wenn du aber als Produzent mit sehr talentierten Menschen zusammenarbeitest, dann kommt es tatsächlich manchmal darauf an zu wissen, wann man zur Seite tritt. Während ich mit Lady Gaga an ihrem Album „Joanne“ arbeitete, stellte ich ihr Josh Homme von Queens of the Stone Age vor. Ich dachte: Lady Gaga und Josh Homme treffen sich zum ersten Mal im Studio – sie werden etwas Großartiges machen, egal ob ich hier bin oder nicht; ich könnte jetzt auch ein paar E-Mails beantworten gehen.

          Und wie ist es bei Ihren eigenen Alben wie dem jetzt erscheinenden „Late Night Feelings“?

          Da packe ich etwas mehr mit an. Nicht aufgrund meines Egos, sondern weil ich dann ein Leitmotiv habe und möchte, dass es von Anfang bis Ende durchgehalten wird. Ich sorge dafür, dass genug von mir selbst drin ist. Und mit dem Video war es so: Nachdem ich mit Miley oder mit Bruno Mars zusammengearbeitet habe, mit einigen der spektakulärsten, charismatischsten Performer, weiß ich wirklich, dass ich selbst nicht lang im Video auftauchen muss. Ich kann nicht singen, supercool aussehen oder hin und her tanzen. Ich habe die Regisseure nur gefragt, ob ich, wenn ich im Bild bin, etwas Verrücktes tun dürfe, wie von einem Auto ins andere zu springen. Sie haben geantwortet, dass das Budget dafür grade noch reiche.

          Auch auf der Bühne sind Sie meist der Kerl mit der Gitarre neben der Sängerin oder dem Sänger im Rampenlicht. Ist das für Sie eine dankbare Position: nahe am Ruhm, doch nicht in Gefahr, dessen Irrsinn erleben zu müssen?

          Das hat einfach mit meinen begrenzten Mitteln zu tun. Ich hatte einen Auftritt von Miley im Fernsehen gesehen und mich über die Show gewundert, die ihr Gitarrist da veranstaltete: Alles, was wir wollen, ist doch Miley. Andererseits habe ich sicher Glück: Ich darf erfolgreich sein, ohne dass mir vierzig Leute hinterherrennen. Wenn ich auf das Album „Back to Black“ angesprochen werde, das ich mit Amy Winehouse gemacht habe, empfinde ich zwar nicht direkt Schuld, doch schon gemischte Gefühle: Ich verdanke diesen unglaublichen Erfolg, im Grunde den Start meiner Karriere einer Sache, bei der es sehr stark um jemandes Schmerz ging. Ich liebe Amy, und sie liebte es, was ich auf diesem Album gemacht habe, doch es bleibt dabei: Es ist ihre Geschichte, ein Teil ihres Lebens. Und wenn auch ihre schlimmsten Probleme, als ich sie traf, überwunden waren und sie einen gesunden Blick auf ihre Beziehung hatte, war es immer noch eine Riesensache – und sie allein hatte die Erfahrungen durchleiden müssen, die zu „Back to Black“ führten. Ich musste nur dafür sorgen, dass die Arrangements stimmten, dass die Band gut klang und die Streicher.

          Mit „Late Night Feelings“ verarbeiten Sie nun Ihre eigene Geschichte: Ihre zerbrochene Ehe.

          Auf meinen Alben habe ich bislang meine Emotionen zwar nicht versteckt, aber auch nicht den Antrieb verspürt, sie auszudrücken oder davon zu erzählen, was ich durchgemacht habe. Auf diesem Album habe ich das zum ersten Mal getan. Ich fühle mich nicht unbehaglich oder entblößt – jeder weiß nun mal, was mir passiert ist. Viele der Künstler, mit denen ich gearbeitet habe, etwa Lady Gaga, stecken ihre Emotionen und ihre Verletzlichkeit in ihre Songs, und das habe ich nun auch getan.

          Ist es leichter, seinen Schmerz zu zeigen, wenn es nicht die eigene Stimme ist, die ihn besingt?

          Ich weiß nicht. Ich habe einfach nie versucht, ein Sänger zu sein. Würde ich singen, wäre es schmerzhaft in vielerlei Hinsicht – für die Hörer, für mich selbst... – ich habe immer so gearbeitet. Als ich mit Lykke Li das Lied „Late Night Feelings“ geschrieben habe, war da eine solche Energie. Dieser Song entstand, noch bevor ich wusste, dass ich ein Break-up-Album machen würde, aber die Melancholie war schon da. Und wir haben nicht versucht, nach den traurigsten Zeilen zu suchen, die wir finden konnten. Daher glaube ich, das selbst dieser Song, der vermutlich mehr zum Album beigetragen hat als alle anderen, immer noch stark auf einer geteilten Erfahrung beruht. Es sind nicht allein meine Worte.

          Die Stimmen, die auf diesem Album ertönen, sind allesamt weiblich. Arbeitet es sich an so persönlichen Songs besser mit Frauen, vielleicht, weil diese in der Regel einfühlsamer sind?

          Dass auf dem Album nur Frauen singen, ist keine Absicht gewesen. Als ich gerade nach L.A. gezogen war, habe ich diese Songschreiberin namens Ilsey entdeckt, die mit Lykke Li gearbeitet hatte. Dann habe ich Yebba getroffen. Meine Mutter ist für mich immer eine wundervolle, sehr interessante, extrem komplizierte Figur gewesen – und heute werde ich angezogen von diesen überlebensgroßen, sehr starken, ebenfalls sehr komplizierten weiblichen Künstlern. Es scheint in meiner Natur zu liegen.

          Und wie kommen Sie klar mit all diesen so talentierten wie exzentrischen Frauen? Wie wichtig für Ihre Arbeit ist Psychologie?

          Psychologie ist immer dabei. Wenn du Texte schreibst, versuchst du zum Kern menschlicher Emotionen vorzudringen. Wie kann man etwas ausdrücken, das persönlich ist, sich aber universell anfühlt für jeden, der zuhört? Und wenn man mit anderen Künstlern kooperiert, schaut man stets, wie weit man mit ihnen gehen kann, wie man sie zu einer besonderen Leistung treiben kann.

          Liebling der Weltstars: Ronson bei der Oscar-Verleihung 2019 mit Lady Gaga.

          Man erfährt ja stets nur von Ihren erfolgreichen Projekten. Kommt es auch mal vor, dass eine Zusammenarbeit komplett scheitert?

          Nicht wirklich. Ich glaube, ich habe inzwischen einen Instinkt dafür, mit wem ich auskommen werde, üblicherweise weiß ich das nach einem zwanzigminütigen Treffen. Wenn es sich bei diesem ersten Date gut anfühlt, dann weiß ich, dass wir etwas zustande bringen werden. Aber natürlich habe ich sehr viele beschissene Songs gemacht, auf die ich gar nicht stolz bin, etwa 2016 einen Song für den „Ghostbusters“-Film oder den Coca-Cola-Song für die Olympischen Spiele. Doch man lernt aus seinen Fehlern.

          Wie einschüchternd muss man sich die Zusammenarbeit mit Paul McCartney bei dessen Album „New“ vorstellen? Er ist nicht nur ehemaliger Beatle, sondern auch der Mann, der Sie vor dem Ertrinken gerettet hat, als Sie sechs waren.

          Ich dachte mir: Du musst gut sein, sonst wird er es bald bereuen, dir das Leben gerettet zu haben. Es war sehr einschüchternd für mich, weil ich großen Respekt vor der gesamten Musikgeschichte habe, und ich habe im Raum den Geist jedes Produzenten gespürt, mit dem Paul McCartney je zusammengearbeitet hat, von George Martin über Nigel Godrich bis Elvis Costello. Man muss sich jedoch sagen: Er hätte jeden haben können, doch er wollte genau dich, und dafür muss es einen Grund geben. Er weiß natürlich, dass am ersten Tag jeder die Kabel falsch einstöpselt, vor Aufregung, weil es Paul McCartney ist. Am zweiten Tag reißt du dich dann besser zusammen und verschaffst ihm einen coolen Sound. Normalerweise höre ich mir nicht so oft an, woran ich früher gearbeitet habe, es sei denn, ich bin betrunken und möchte angeben. Kürzlich habe ich aber den Song „New“ wieder gehört und gedacht: Das ist cool – in dreißig Jahren, wenn ich in Rente oder auf dem Totenbett bin, werde ich mir sagen, das ist ein Song, den ich mit Paul McCartney gemacht habe, und er hat diesen Vibe.

          Als vergangenes Jahr Miley Cyrus’ Haus in Malibu abbrannte, hat sie das gefasst aufgenommen – und nur ihrem darin aufgebauten Elvis-Schrein nachgetrauert. Welchen Besitz würden Sie unbedingt vor den Flammen retten wollen?

          Ich besitze ein Gemälde des Malers Moise Kisling aus den dreißiger Jahren, das mich in seiner Schönheit tief bewegt; das wäre vermutlich das, was ich retten würde. Nach den Hunden. Mileys damaliger Freund Liam Hemsworth hat zwanzig Tiere aus ihrem Haus gerettet, und danach habe ich sie gefragt: Jetzt wirst du ihn heiraten, stimmt’s? Und sie hat es getan.

          Mitch Winehouse glaubt, für seine Tochter sei der Erfolg ihrer traurigen Songs vergiftet gewesen, da sie so ständig an die schlimme Zeit erinnert worden sei. Haben Sie schon genug Distanz zu Ihrer Vergangenheit, um sich unbeschwert „Late Night Feelings“ anhören zu können? Können Sie das Album genießen?

          Manchmal ja, manchmal nein. Als ich in London an dem Song „Don’t Leave Me Alone“ arbeitete, hörte ich immer wieder eine bestimmte Stelle, um die Drums perfekt zu kriegen. Ich ging gerade durch die verrückteste Form einer Auf-und-Ab-Beziehung und hörte Yebba immer wieder singen: „Only you can hurt me, because you’re the only one I want“. So etwas kann einen aus der Bahn werfen.

          Ihr Plattenlabel „Zelig“ haben Sie nach einem Film von Woody Allen benannt...

          Nicht nur nach dem Film. Mein Großvater benutzte das auch als Spitznamen für alle meine Onkel.

          In Allens Film ist Zelig eine chamäleoneske Type, die sich stets ihrer Umgebung anpasst und keine eigene Handschrift hat. Ihr Label so zu nennen, scheint einer der typischen selbstironischen Mark-Ronson-Späße zu sein.

          Ich habe definitiv an den Film gedacht, schließlich arbeite ich ständig mit neuen Leuten in den verschiedensten Genres, bin mit acht Jahren von England in die Vereinigten Staaten gezogen. Es kommt aber auch aus einem Überlebensinstinkt – ich brauche es, gemocht zu werden. Damit kämpfe ich im Moment und sage mir: Vielleicht sollte ich es nicht so verdammt hart versuchen.

          Sie haben häufiger Ihre Angst erwähnt, sich allen Erfolgen zum Trotze binnen Tagen in einem Trailerpark wiederzufinden. Wie weit entfernt sehen Sie sich heute vom Dasein im Wohnwagen?

          Ich bin immer dankbar gewesen für meine neurotischen Eigenheiten, die mich angetrieben haben, für meinen Perfektionismus, der mich nächtelang an kleinen Details feilen ließ wie damals, als wir uns mit „Uptown Funk“ abgeplagt haben. Ich bin sicher, dass sich das in der Musik ausgezahlt hat. Gleichzeitig versuche ich, nicht verrückt zu werden. In unserer heutigen Kultur gelten Selbstironie und Demut als entzückend, aber ein wenig bin ich damit durch. Ich mache Musik seit einer ganzen Weile und bin offensichtlich ziemlich gut darin, hoffentlich werde ich also noch etwas länger im Geschäft bleiben.

          Als begehrter DJ in New York sind Sie mal von Donald Trump für eine Party engagiert worden. Der Mann ist berüchtigt für seinen schlechten Geschmack, wie kam er nur auf Sie?

          Es war Mitte oder Ende der Neunziger. Trump sah schon damals aus wie ein James-Bond-Bösewicht, doch er war noch recht harmlos. Er hing ab mit Puffy und den anderen Typen, bei denen ich als DJ auftrat, und er wollte cool sein. Ich erinnere mich nur vage daran, wie er mit seiner damaligen, vermutlich 25 Jahre jungen Freundin hereinkam, als ich gerade Rap spielte, und sofort wieder den Raum verließ.

          Was müsste er Ihnen heute anbieten, damit Sie den Auftritt wiederholen?

          Seinen Rücktritt vom Amt. Das wäre die Bedingung.

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