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Gitarrenstar Knopfler : „Ich spiele wie ein Klempner“

Hendrix hat er nie spielen sehen, bei der Aufnahme seiner Band Dire Straits in die Hall of Fame war er nicht dabei: das bodenständige Gitarren-Ass Mark Knopfler. Bild: Getty

Gitarren-Ass Mark Knopfler im Gespräch über Virtuosität, einen Autogrammjäger namens Rüdiger und die Frage, warum er schwänzte, als seine alte Band Dire Straits in die Rock’n’Roll Hall of Fame kam.

          Mr. Knopfler, in Ihren Londoner Aufnahmestudios, den British Grove Studios, könnten Sie ein ganzes Orchester aufmarschieren lassen. Nutzen Sie diesen Platz für echte Musiker, oder verwenden Sie Klänge aus dem Computer?

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein ganzes Symphonieorchester hätte hier zwar keinen Platz, aber ein fünfzig- bis sechzigköpfiges Orchester schon. Und für die Aufnahmen der Filmmusiken, die ich schreibe, lasse ich die auch kommen. Ich habe früher die string machines verwendet, dann aber gemerkt, dass es besser ist, mit richtigen Streichern zu arbeiten. Nun würde ich es immer tun, obwohl ich gar nicht weiß, was diese kleinen Punkte auf den Notenblättern eigentlich bedeuten. Ich mache alles nur nach Gehör.

          Heißt das, Sie summen den Musikern die Melodien vor? Oder verwenden Sie dafür ein Keyboard? Oder notieren Sie doch?

          Ich stolpere eigentlich von einer Krise zur nächsten. So lange, bis es fertig ist. Ich weiß, dass an dieser Arbeitsweise eigentlich alles falsch ist. Vermutlich wäre es auch besser, wenn ich anstelle von Guy Fletcher (Knopflers Produzent und Keyboarder, d. Red), der ein notentechnischer Analphabet wie ich ist, einen Pianisten beschäftigte, der meine Ideen dem Orchester übersetzen und die Musik gleich orchestrieren könnte. Doch mag ich diese amateurhafte Herangehensweise. Da kommen oft erfrischende, manchmal auch kindliche Sachen dabei heraus, und das ist mitunter effektvoller als ein zu anspruchsvoller Ansatz. Im Musikgeschäft gibt es ja jede Menge Menschen, die alles über Musik wissen, aber keine Melodie schreiben können, mit der sie über den Tag kommen oder gar überleben. Das gelingt dann doch eher mir.

          Für Ihr neues Album „Down the Road Wherever“ haben Sie sich drei Jahre Zeit genommen. Was inspirierte Sie zu den Songs? Sammeln Sie noch immer Eindrücke auf den Straßen, in Cafés oder im Pub?

          Genau. So saß ich etwa in einem Café, als ich einen Mann, so einen Brexit-Typen, fragen hörte: „Have you got my roll? My bacon roll?“ Für mich klingt das wie Poesie. Vermutlich bin ich daher kein Dichter, aber als Songwriter gefällt mir diese Szene, weil sie mir etwas über den Menschen sagt und ich sie für den Einstieg in einen Song verwenden kann. Der heißt dann auch „My Bacon Roll“ und ist auf dem neuen Album. Solche Momente gibt es immer wieder. Zumindest geht es mir so. Aber man braucht das Gespür, die Empathie oder das Mitgefühl, damit der Songwriter einen dieser Momente bemerkt. Es ist nicht das Gleiche wie bei einem Bühnen- oder Romanautor oder gar einem Lyriker. Der verwendet Wörter, die poetisch sind, aber niemals für einen Song genutzt werden könnten.

          Ein Mann und seine Gitarre, mehr braucht es manchmal nicht: Mark Knopfler 1992 in Oakland

          Notieren Sie sich in solchen Momenten dann gleich Wörter oder Sätze? Und erklingt in Ihrem Kopf gleich eine mögliche Melodie?

          Eine Melodie nicht. Aber als ich die Sätze schrieb „Have you got my roll“, Fragezeichen, „My bacon roll“, Fragezeichen, hatte ich mit der Betonung durch das Satzzeichen auch die Musik in diesen Fragen abgespeichert, die ich nicht vergessen wollte. Auch „Money for Nothing“ ist so entstanden, weil ich diesen Ausspruch von einem Mann hörte, mich gleich hinsetzte und die Wörter hinschrieb – auch, weil dieser Mann ein Charaktertyp war, kein sehr angenehmer allerdings.

          Wenn Sie nicht gleich auch eine Melodie parat haben, wie gehen Sie dann vor? Schnappen Sie sich die Gitarre, schrammeln herum?

          Exakt. Ich arbeite die Idee irgendwie aus. Wenn ich eine Formel wüsste, würde ich Sie Ihnen verraten, doch solch eine Formel gibt es nicht. Manchmal geht es mit einem Song sehr schnell, dann kann es wieder ganz schön lang werden. Die Musik mag sich dann einfach nicht zeigen. Ich erinnere mich an ein Lied über einen deutschen Autogrammjäger names Rüdiger. Der sah etwas furchterregend aus in seinem langen Regenmantel und mit seiner dunklen Brille. Er kam auf mich zu just in jenen Tagen nach der Ermordung John Lennons (am 8. Dezember 1980, d. Red.), und ich schrieb gleich einen Text, an dem ich danach kein einziges Wort mehr geändert habe. Doch es sollte 16 Jahre dauern, bis mir dann die Musik zu „Rüdiger“ einfiel.

          Wenn Sie einen Text fertig haben, versuchen Sie dann stets, ihn in einen Song umzuformen, selbst wenn das viele Jahre dauern sollte?

          Das mache ich. Ich behalte den Song sozusagen im Auge. Ich habe eine ganze Halde voller Fragmente, und wenn ich einen Tag frei von Verpflichtungen habe, denn nehme ich mir ein, zwei Sachen vor und arbeite daran, bis ich nicht mehr weiterkomme. Das entmutigt mich aber nicht. Dann geht es eben beim nächsten Mal weiter. Manchmal dauert es halt, und wenn man später darauf zurückkommt, öffnen sich plötzlich die Türen. Kennen Sie das nicht auch von Ihrer Arbeit?

          Nun gut, im Journalismus hat man ja oft den täglichen Druck, wie Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung als Zeitungsreporter wissen.

          Aber dieser Druck kann ja auch etwas Gutes sein. Er ist auf jeden Fall eine wichtige Erfahrung für einen jungen Menschen. Jedenfalls war es das für mich. Ich wäre ohne diese Erfahrung nicht der Songwriter, der ich bin. Der Journalismus schärft die Sinne; man lernt, etwas zusammenzufassen, mit Wörtern umzugehen, einem Text einen Sinn zu geben. Der Journalismus ist eine gute Schule, und ich bin mir sicher, dass er mir als Songwriter geholfen hat. Ich weiß sogar noch meine letzte Geschichte, die ich schrieb, bevor ich dann aufhörte, um mein Universitätsstudium zu beginnen. Der Redakteur fragte ganz aufgeregt, ob ich „Jimmy Henderson“ kenne, der sei nämlich gestorben und ich solle darüber schreiben. Nun, dieser Henderson war Jimi Hendrix, und mein letzter Zeitungsartikel handelte also von dessen Tod.

          Hatten Sie Jimi Hendrix denn noch live erlebt?

          (Bedauernd) Nein, nie.

          Brauchen Sie den Druck auch heute noch, um ein Album fertigzustellen? Oder sagen Sie sich: egal, dauert es eben vier Jahre, bis genügend passende Songs beisammen sind?

          Diesmal hatte ich sogar viel zu viele Songs. Daher habe ich vielleicht auch die falschen ausgewählt. Ich meine auch, dass das Album zu lang ist. Aber mir wurde gesagt, das sei gut, weil man so auch Extended Versions und Box-Sets anbieten könne. „Deluxe“ ist das Wort. Aber dafür ist das Management zuständig. Ich kümmere mich nicht sehr ums Musikbusiness. Das ist die Aufgabe meines Mangers Paul Crockford. Ich kann nichts Aufregendes daran finden. Es ist Geschäft, und Musik ist für mich grundverschieden davon. Einmal im Jahr treffe ich mich mit meinem Buchhalter, und er sagt mir, auf was ich ein Auge haben soll. Allerdings weiß ich eigentlich gar nicht, wovon er spricht, weil ich so uninteressiert an diesem Business-Jargon, bin. Aber ich habe ja die Verantwortung für meine Mitarbeiter, meine Familie, meine Kinder. Und daher bin ich verantwortungsbewusst und höre mir das alles an, obwohl ich es nicht verstehe. Das ist wie beim Uhrmacher. Der fertigt wundervolle Sachen, doch wenn er die Uhr öffnet, um mir das Werk zu zeigen, könnte ich genauso gut auf die Oberfläche des Mondes starren. Ich verstehe es einfach nicht.

          Sie würden sich also nie für einen Kurs anmelden, bei dem man lernt, seine eigene Uhr zusammenzubauen, wie es das in der Schweiz gibt?

          Niemals. Meine Hände fühlen sich einfach hilflos an. Ich bin froh, dass ich problemlos den obersten Hemdknopf schließen kann, doch mit den Kragenknöpfen fängt es schon an, schwierig zu werden. Ebenso mit Reißverschlüssen (nestelt am Reißverschluss seiner Wolljacke herum). Eigentlich ein simples Ding (nestelt und nestelt). Doch es klappt nicht. In der Armee könnten sie jedenfalls Leute wie mich nicht gebrauchen.

          Dafür sind Sie ein großartiger Musiker. Sie gelten als Gitarrenheld.

          Nein, absolut nicht. Liederschreiben und Liederspielen entfernt einen von seinem spielerischen Können. Würde man nur Instrumentalmusik spielen, dann würde auch das spielerische Vermögen wachsen. Ich spiele dagegen wie ein Klempner. Gewiss habe ich einen besonderen Anschlag. Das kann man nicht kaufen. Und ich habe auch einen Zugang zur Gitarre. Doch in theoretischen Fragen wäre ich keine Hilfe. Ein Bekannter von mir spielt als Gitarrist in einer Bigband, und er gab mir schon konstruktive Tipps, was ich alles wissen sollte. Und das ist eine lange Liste.

          Üben Sie noch viel?

          Ich übe, ja. Spiele in anderen Tunings, arbeite mit dem Slide. Aber für mich ist es ja viel einfacher als etwa für einen klassischen Musiker. Ich stehe da, muss mich an all die Texte erinnern und die Abläufe der Songs. Das ist wie ein Abfragetest. Und dann sollte ich auf jene Momente achten, in denen sich ein Solo anbietet, doch wenn man den verpasst, wird eben nicht improvisiert. Das ist schon luxuriös. Allerdings ist es meine Identität, ein Songwriter zu sein, nicht ein Gitarrist. Mein Wunsch ist es, gute Songs zu schreiben und gute Alben aufzunehmen. Zu versuchen, ein guter Musiker zu sein, ist ein ganz anderer Berg, den es zu bewältigen gilt. Man kann versuchen, als Musiker okay zu sein, aber gut zu sein verlangt viele, viele Stunden Arbeit. Als ich vor vielen Jahren für einige Zeit in New York lebte und mich musikalisch erweitern wollte, Sessions für andere Künstler spielte und anfing, Filmmusiken zu schreiben, nahm ich mir diese Zeit, allerdings ohne Lehrer. Den hätte ich damals nehmen sollen. Aber ich will noch einmal betonen, dass ich mich als Songwriter sehe und nicht als virtuosen Musiker.

          Haben Sie daher dieses Jahr die Feierlichkeiten zur Aufnahme der Dire Straits in die Rock’n’Roll Hall of Fame geschwänzt, weil Sie ja eigentlich in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen werden möchten?

          Ja, das wäre mein Ding. Das gefiele mir. Die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame ist eine tolle Auszeichnung, sehr liebenswürdig, doch ich war zum Zeitpunkt der Feier sehr beschäftigt. Ich arbeitete noch am aktuellen Album und außerdem am Musical „Local Hero“, für das ich alles schreibe und das im Januar Premiere in Schottland haben wird. Ich steckte also mitten in der Arbeit, als Paul mit der Nachricht von der Zeremonie kam und er nicht gerade glücklich wirkte, weil die Veranstalter allerhand wollten.

          Denen schwebte der Dire-Straits- Reunion-Auftritt vor?

          Genau, und danach müsse man hierhin und dorthin, und eine große Pressekonferenz habe man auch zu bestreiten. Das klang schon einigermaßen arrogant. Und da dachte ich mir, dass mir niemand sagen muss, was ich zu tun habe.

          Zur Person

          Als Sänger und Gitarrist der britischen Band Dire Straits ist der am 12. August 1949 in Glasgow geborene Mark Knopfler weltberühmt geworden. Die Gruppe hat rund 120 Millionen Platten verkauft und ist mit Hits wie „Sultans of Swing“ und „Money for Nothing“ noch immer Dauergast im Radio. Des Tourens müde, legte Knopfler 1995 die Dire Straits auf Eis und konzentrierte sich auf seine Solokarriere. Er ist ein gefragter Filmkomponist und Produzent, veröffentlicht aber auch regelmäßig Alben mit neuen Songs, geprägt von seinem markanten Gitarrenstil. Der vierfache Vater betreibt seit dem Jahr 2005 die angesehenen British Grove Studios im Londoner Stadtteil Chiswick. Auf Tour ist Knopfler von Mai bis Juli 2019 in deutschen Arenen.

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