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Gitarrenstar Knopfler : „Ich spiele wie ein Klempner“

Exakt. Ich arbeite die Idee irgendwie aus. Wenn ich eine Formel wüsste, würde ich Sie Ihnen verraten, doch solch eine Formel gibt es nicht. Manchmal geht es mit einem Song sehr schnell, dann kann es wieder ganz schön lang werden. Die Musik mag sich dann einfach nicht zeigen. Ich erinnere mich an ein Lied über einen deutschen Autogrammjäger names Rüdiger. Der sah etwas furchterregend aus in seinem langen Regenmantel und mit seiner dunklen Brille. Er kam auf mich zu just in jenen Tagen nach der Ermordung John Lennons (am 8. Dezember 1980, d. Red.), und ich schrieb gleich einen Text, an dem ich danach kein einziges Wort mehr geändert habe. Doch es sollte 16 Jahre dauern, bis mir dann die Musik zu „Rüdiger“ einfiel.

Wenn Sie einen Text fertig haben, versuchen Sie dann stets, ihn in einen Song umzuformen, selbst wenn das viele Jahre dauern sollte?

Das mache ich. Ich behalte den Song sozusagen im Auge. Ich habe eine ganze Halde voller Fragmente, und wenn ich einen Tag frei von Verpflichtungen habe, denn nehme ich mir ein, zwei Sachen vor und arbeite daran, bis ich nicht mehr weiterkomme. Das entmutigt mich aber nicht. Dann geht es eben beim nächsten Mal weiter. Manchmal dauert es halt, und wenn man später darauf zurückkommt, öffnen sich plötzlich die Türen. Kennen Sie das nicht auch von Ihrer Arbeit?

Nun gut, im Journalismus hat man ja oft den täglichen Druck, wie Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung als Zeitungsreporter wissen.

Aber dieser Druck kann ja auch etwas Gutes sein. Er ist auf jeden Fall eine wichtige Erfahrung für einen jungen Menschen. Jedenfalls war es das für mich. Ich wäre ohne diese Erfahrung nicht der Songwriter, der ich bin. Der Journalismus schärft die Sinne; man lernt, etwas zusammenzufassen, mit Wörtern umzugehen, einem Text einen Sinn zu geben. Der Journalismus ist eine gute Schule, und ich bin mir sicher, dass er mir als Songwriter geholfen hat. Ich weiß sogar noch meine letzte Geschichte, die ich schrieb, bevor ich dann aufhörte, um mein Universitätsstudium zu beginnen. Der Redakteur fragte ganz aufgeregt, ob ich „Jimmy Henderson“ kenne, der sei nämlich gestorben und ich solle darüber schreiben. Nun, dieser Henderson war Jimi Hendrix, und mein letzter Zeitungsartikel handelte also von dessen Tod.

Hatten Sie Jimi Hendrix denn noch live erlebt?

(Bedauernd) Nein, nie.

Brauchen Sie den Druck auch heute noch, um ein Album fertigzustellen? Oder sagen Sie sich: egal, dauert es eben vier Jahre, bis genügend passende Songs beisammen sind?

Diesmal hatte ich sogar viel zu viele Songs. Daher habe ich vielleicht auch die falschen ausgewählt. Ich meine auch, dass das Album zu lang ist. Aber mir wurde gesagt, das sei gut, weil man so auch Extended Versions und Box-Sets anbieten könne. „Deluxe“ ist das Wort. Aber dafür ist das Management zuständig. Ich kümmere mich nicht sehr ums Musikbusiness. Das ist die Aufgabe meines Mangers Paul Crockford. Ich kann nichts Aufregendes daran finden. Es ist Geschäft, und Musik ist für mich grundverschieden davon. Einmal im Jahr treffe ich mich mit meinem Buchhalter, und er sagt mir, auf was ich ein Auge haben soll. Allerdings weiß ich eigentlich gar nicht, wovon er spricht, weil ich so uninteressiert an diesem Business-Jargon, bin. Aber ich habe ja die Verantwortung für meine Mitarbeiter, meine Familie, meine Kinder. Und daher bin ich verantwortungsbewusst und höre mir das alles an, obwohl ich es nicht verstehe. Das ist wie beim Uhrmacher. Der fertigt wundervolle Sachen, doch wenn er die Uhr öffnet, um mir das Werk zu zeigen, könnte ich genauso gut auf die Oberfläche des Mondes starren. Ich verstehe es einfach nicht.

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