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Mark Benecke : Der tätowierte Kriminalbiologe

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Stich ohne Schmerzen: Kriminalbiologe Mark Benecke erklärt beim Tätowieren, worauf es ankommt Bild: Matthias Lüdecke

Mark Benecke hat mehr Tattoos, als er zählen kann. Trotzdem warnt er Jugendliche auch vor den möglichen Risiken.

          3 Min.

          Der Körper Mark Beneckes ist übersät von Tätowierungen. Wie viele Motive er insgesamt hat, weiß er nicht. Sein erstes Tattoo hat er sich vor 24 Jahren stechen lassen, „aus Spaß“. Alleine sein linker Unterschenkel ist schon eine kleine Galerie. Dort sind das Kölner Stadtwappen, eine Stewardess und eine Katze abgebildet. Jedes Bild hat eine Bedeutung. In Köln sitzt seine Alma Mater, dort hat der freiberufliche Kriminalbiologe sein Labor. Eigentlich „gurkt“ er aber um die Welt, wie er sagt. Dafür steht die Flugbegleiterin. Und die Katze, sagt Benecke, sei „eine Freundin, die sich manchmal als Kätzchen sieht“. An diesem Tag kommt ein neues Tattoo hinzu. Es sind nur drei Buchstaben: BfR - die Abkürzung für das Bundesinstitut für Risikobewertung.

          Die Einrichtung in Berlin-Marienfelde veranstaltet einen Schülerworkshop. Etwa 120 Schüler sind gekommen und sitzen in dem großen Hörsaal des Instituts. Sie schauen zu, wie sich Benecke den Schriftzug von Daniel Krause, einem Berliner Tätowierer, stechen lässt. „Das wird mich an euch und den heutigen Tag erinnern“, ruft Benecke den Jugendlichen zu. Er weiß natürlich, welche Klientel ihm gegenübersitzt und dass es „coolere“ Tattoos gibt als „BfR“. Zur Not könne er ja immer noch sagen, das heiße „Belafarinrod“, was ein anderer Name für „Die Ärzte“ ist. Einige Schüler klatschen.

          Schriftsteller, Musiker, Tierschützer

          Es kommt selten vor, dass das im Süden Berlins gelegene Institut von Paradiesvögeln wie Benecke besucht wird. Normalerweise ist es ein Hort der seriösen Wissenschaften und des Verbraucherschutzes, gegründet vor rund zehn Jahren als Reaktion auf die BSE-Krise. Die Forscher beschäftigen sich mit Cumarin in Zimtsternen oder Ehec-Erregern auf Sprossensamen - und warnen vor den Risiken. Nun ist Benecke zwar auch Wissenschaftler, die Wissenschaft ist aber nur eine seiner Professionen. Der Zweiundvierzigjährige ist Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbands der Partei „Die Partei“. Er ist Schriftsteller, Musiker, Tierschützer und seit vergangenem Jahr auch Vorsitzender des Vereins „ProTattoo“.

          Als die Leitung des BfR ihn im Mai auf einem Science-Slam zu ihrem zehnjährigen Bestehen in der Berliner Charité traf, kam man ins Gespräch. Der Gedanke an einen gemeinsamen Workshop reifte. Schließlich hatte das Institut einige Monate zuvor noch vor den gesundheitlichen Risiken von Tätowierungen gewarnt: Sie könnten „mit unerwünschten Wirkungen wie Infektionen, Narbenbildung oder allergischen Reaktionen verbunden sein“. Auch seien gesundheitliche Langzeitwirkungen der unter die Haut gehenden Mittel möglich. Wer sich für ein Tattoo oder dessen Entfernung entscheide, solle sich vorher möglichst umfassend informieren, mahnten die Verbraucherschützer. Wer, wenn nicht Benecke, dachten sich die BfR-Leute, könnte also besser aufklären? Schließlich ist er nicht nur tätowiert, er ist auch ein wenig ausgeflippt und spricht die Sprache der Jugend.

          Risikoreich: Auch das Rauchen einer Wasserpfeife, Shisha, birgt Gefahren

          Wer ihn im Institut in Marienfelde erlebt, der hört und sieht einen hochgebildeten Selbstdarsteller, dem Konventionen wenig bedeuten. Er trägt eine schwarze Trainingsjacke, eine schwarze Lederhose, dazu Hosenträger und schwarze Schuhe. Auf seiner Nase sitzt eine Nickelbrille, die Haare sind abrasiert. Mit den Jugendlichen versucht er, auf Augenhöhe zu reden. Formulierungen wie „echt, ey“ kommen ihm im Minutentakt über die Lippen. Dem Vortrag über seine Tätigkeit als Kriminalbiologe folgen sie aufmerksam. Mark Benecke zeigt Bilder von verwesenden Toten und Maden, von deren Untersuchung er sich Rückschlüsse auf die Todesumstände erhofft, zum Beispiel den genauen Todeszeitpunkt.

          Doch sein Hauptthema sind nicht Leichen, sondern Tätowierungen. Sie bilden auch den Schwerpunkt des Workshops, der zudem zeigt, wie gesundheitsschädlich Energydrinks, Bubble Tea und Shisharauchen sein können. Benecke will bei all dem nicht moralisieren. „Mir ist vollkommen egal, ob die Jugendlichen das tun, ob sie saufen oder rauchen, aber sie sollen genau hingucken und nicht immer nur alles googeln.“ Sein Credo lautet: Hingucken und miteinander reden!

          „Wählt euren Tattooladen gut aus“

          Auch die Schüler interessieren sich am meisten für die Tattoos. Viele Mädchen lassen sich mit Beneckes Tätowierer fotografieren, als handele es sich um einen Prominenten. Mit 14 bis 16 Jahren kommen sie gerade in ein Alter, in dem sie über ein Tattoo nachdenken. Ohnehin, erzählt Benecke, sei die Tätowierszene in den vergangenen Jahren „absolut explodiert“. Berlin habe wohl die höchste Tätowierstudio-Dichte auf der Welt. Zudem sei die Qualität der Bilder immer besser geworden. Die seien bisweilen besser gestochen, als sie ein Zeichenlehrer malen könne. Womöglich wird also der Anteil der Sechzehn- bis Neunundzwanzigjährigen in Deutschland, die ein Tattoo tragen - nach BfR-Angaben sind es etwa 25 Prozent -, weiter zunehmen.

          „Wählt euren Tattooladen gut aus“, sagt Benecke, während er das „BfR“ in den Schenkel gestochen bekommt. Schmerzen hat er kaum: „Das ist so, als würdet ihr euch mit frisch geschnittenen Fingernägeln über die Haut streichen.“ Bei Benecke ist bislang immer alles glatt gelaufen. Auch auf den BfR-Schriftzug wird er wohl nicht allergisch reagieren.

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