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Am Herd: Mutter Beimer Bild: WDR/Thomas Kost

Marie-Luise Marjan wird 80 : Fernsehmutter der Nation

Marie-Luise Marjan, die gute Seele der „Lindenstraße“, wird 80 Jahre alt. Schon mit 19 Jahren spielte sie ihre erste Fernsehmutter. Mutter Beimer wurde dann zur Rolle ihres Lebens.

          3 Min.

          Mutter Beimer brät ein Spiegelei. Das kann nichts Gutes bedeuten. Wer die „Lindenstraße“ kennt, weiß um die Bedeutung der Spiegelei bratenden Helga Beimer und ihren dazugehörenden Gemütszustand. Hunderte Spiegeleier hat sie in gut 34 Jahren gebraten, immer dann, wenn ihr Leben aus den Fugen geraten war oder geraten schien. Das letzte Ei schlug sie im März in die Pfanne. Es hatte einen Toten gegeben. „Auf Wiedersehen“ hieß die allerletzte Folge der Dauerserie, und sie war ganz auf eine Person zugeschnitten, die fast als einzige von Anfang an dabei war: Mutter Beimer.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es war die Rolle ihres Lebens. Marie-Luise Marjan focht es nicht an, dass der künstlerische Wert der ersten Seifenoper im deutschen Fernsehen eher mager war. Die schauspielerischen Leistungen des Ensembles waren oft ebenso hanebüchen wie viele der Geschichten, die uns erzählt wurden. Eine aber ragte in 1758 Folgen doch heraus, schon gar, nachdem Else Kling, gespielt von Annemarie Wendl, eines „Lindenstraßen“-Abends für immer die Augen geschlossen hatte: Mutter Beimer.

          Die von Hans W. Geißendörfer erfundene und vom WDR produzierte Serie war angeblich so konzipiert, dass sie zwar das Alltagsleben an einer fiktiven Münchner Straße zeigte, aber dennoch stets nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern ihr sogar voraus war. Tatsächlich ging es in der ersten Folge schon ums Thema Datenschutz, Else Kling schnüffelte einem unverheirateten Paar hinterher. Aber gerade Helga Beimer gerierte sich schon in „Herzlich Willkommen“ als die Spießigkeit in Person: Sie ist das brave Hausmütterchen, das sich um den Einkauf und den an Masern erkrankten Sohn zu kümmern hat und am Weihnachtsabend zur Blockflöte greift. Das Rollenbild der dreifachen Mutter und am Ende dreifachen Großmutter änderte sich auch im Lauf der Jahre kaum, trotz Scheidung von ihrem Mann Hans, der Arbeit in einem Reisebüro und ihrer zweiten Ehe mit Erich Schiller.

          Da wurde sie 70: Marie-Luise Marjan 2010
          Da wurde sie 70: Marie-Luise Marjan 2010 : Bild: WDR/Martin Eggert

          Marjan selbst sah ihre Rolle durchaus auch kritisch und bezeichnete sie einmal als „viel zu einfach gestrickt“. Trotzdem wurde ausgerechnet sie, die unverheiratet und kinderlos blieb, zur „Fernsehmutter der Nation“, ein Ehrentitel, den sie von Inge Meysel (vor allem als Anni Wiesner in „Das Fenster zum Flur“ aus dem Jahr 1960) übernahm.

          Marjan, die eine gediegene Schauspielausbildung an der Staatlichen Musikhochschule Hamburg bei Eduard Marks vorweisen kann, war schon lange vor der „Lindenstraße“ auf vor allem eine Rolle festgelegt. Schon mit 19 Jahren spielte sie ihre erste Fernsehmutter, die Anni Schippers in dem Fernsehspiel „Untergang der Freiheit“. Größere Bekanntheit erlangte sie als Mutter Elvira Rykalla in Wolfgang Petersens Fernsehfilm „Smog“ (1973). Die Mutter Beimer war angeblich schon ihre 25. Fernsehmutterrolle. Und auch danach blieb Marjan sich treu und lieh der Frau Waas, Jim Knopfs Adoptivmutter, Anfang der nuller Jahre in der Animationsserie „Jim Knopf“ ihre wohlvertraute Mutter-Beimer-Stimme.

          Selbst war Marjan, die als Marlies Wienkötter 1940 in Essen geboren wurde, von ihrer Mutter gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden. Ihre Adoptivmutter starb, als Marjan 19Jahre alt war, ihr Adoptivvater im Jahr 1967. Erst danach machte sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter, die sie in Kanada fand, die aber nur wenig von ihrer Tochter wissen wollte. Fast 30 Jahre später sollte sie schließlich auch vom Schicksal ihres leiblichen Vaters erfahren, der schon 1942 als Offizier im Krieg gefallen war. Während der Recherchen für die ARD-Sendereihe „Das Geheimnis meiner Familie“ lernte die damals schon fast Siebzigjährige dann auch 2008 ihren fünf Jahre jüngeren Halbbruder kennen, der mit seiner großen Familie im Allgäu lebt.

          Marjan hat die Mutterrolle verinnerlicht. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich für Kinder in aller Welt, unter anderem als Unicef-Patin für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Dass sie keine eigenen Kinder hat, weil es dafür nie ein „Zeitfenster“ gegeben habe, bereut sie angeblich nicht. Dass sie nicht mehr Mutter Beimer sein darf, stört sie hingegen schon. Helga Beimer war ihr bis zuletzt immer ein paar Schritte voraus: So ging sie schon 2010 in Rente und feierte in der letzten Folge „Lindenstraße“ ihren 80. Geburtstag – natürlich im Restaurant „Akropolis“ von Gastwirt Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides), der wie sie schon in der ersten Folge mitspielte. Marie-Luise Marjan selbst wird an diesem Sonntag 80.

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