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Schriftsteller sind das Home-Office gewohnt: Jasmin Schreiber bei der Arbeit Bild: privat

Bestsellerautorin Schreiber : Willkommen im Dschungel

Sie lebt mit Schnecken und Asseln, macht das Internet zum besseren Ort und ist Expertin für Nähe und Distanz: Warum Jasmin Schreiber die Autorin der Stunde ist.

          7 Min.

          Wer noch immer nicht kapiert hat, wie das mit dem Social Distancing so läuft, mit dem rücksichtsvollen Abstandhalten in einer verängstigten Gesellschaft, dem würde Chloé gewiss weiterhelfen. Chloé ist die Schäferhündin von Jasmin Schreiber, und sie mag keine fremden Männer. Will man also vermeiden, misstrauisch angeknurrt oder angebellt zu werden, dann hält man im Zweifelsfall noch etwas mehr Distanz als die allseits empfohlenen anderthalb bis zwei Meter, wenn man Chloés Frauchen interviewt.

          Schreiber ist das nur recht, sie zählt zur Corona-Risikogruppe und ist jetzt besonders auf der Hut. Also treffen wir uns nicht irgendwo auf einen Kaffee, sondern zu einem zwar entspannten, doch sozial distanzierten Spaziergang durch Schreibers Frankfurter Wohnviertel. Nur ab und an kommt es zwischen uns zu einem kleinen Ausweichmanöver, wenn Chloé einen verlockenden Duft auf der anderen Gehwegseite erspürt.

          Erstaunlich zahlreich sind die Menschen, die an diesem Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher im Kiez unterwegs sind. Wären sie dies auch bei Twitter, dann wüssten sie wahrscheinlich, dass es sich bei der Frau mit den dunklen Locken, dem grauen Mantel, den Leggings und dem Hund an der Leine um die Schriftstellerin der Stunde handelt.

          Menschen unterm Deckglas

          Jasmin Schreibers Debütroman „Marianengraben“ steht in der vierten Woche in der Bestsellerliste. Es geht viel um den Tod in dem Buch, aber noch mehr um das Leben und wie man es sich zurückerobert. Über der Trauer um ihren geliebten kleinen Bruder ist die Protagonistin Paula in einer Depression versunken, metaphorisch bis zum Grund des elf Kilometer tiefen Marianengrabens. Durch Zufall gerät sie an einen knorrigen Rentner und dessen verhaltensauffälligen Hund, und wie dieses unwahrscheinliche Dreiergespann alsbald zusammenwächst, das kommt für die Leser weniger überraschend als für Paula selbst, die mit der Balance von „Nähe und Distanz“ ein Problem hat: „Ich hasse Menschen nicht, so ist das nicht. Ich interessiere mich sogar sehr für sie, allerdings nicht unbedingt aus der Nähe“, sinniert sie. Wie Mikroorganismen würde sie, die Biologin, ihre Mitmenschen „lieber aus der Ferne und mit Deckglas dazwischen“ beobachten.

          Schreiber konnte nicht ahnen, dass ihre Buchpremiere in eine Zeit fallen würde, in der fast alle Menschen einander gezwungenermaßen aus der liebsten Perspektive Paulas betrachten: aus der Ferne, wie mit einem Deckglas dazwischen, einem Smartphone- oder Computerbildschirm. Und dass die Fragen nach Nähe und Distanz, nach Leben und Tod sich noch einmal in viel größerer Dringlichkeit stellen würden als noch Wochen zuvor.

          Für Schreiber als Schriftstellerin bedeutet dies, wie für viele Kollegen, dass sich ihre Tage nun völlig anders gestalten als erträumt. Drei Lesungen hat sie noch machen können, dann war’s vorbei mit dem direkten Publikumskontakt und den Honoraren. Und auch mit der netten, auf Twitter dokumentierten Idee der Autorin, in einige ihrer Bücher, die in Frankfurter Buchläden auslagen, Zettelchen mit persönlichen Botschaften oder Zeichnungen zu schmuggeln. Keine große Sache, doch Schreiber widmete sich ihr mit der für sie typischen Hingabe, Kreativität und nahezu kindlichen Freude. Cleveres Marketing – Schreiber hat in Teilzeit einen PR-Job – war es außerdem: Die zu Glückskeksen umgewidmeten Bücher waren rasch weg.

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