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„Ich wusste nicht mehr, wer ich war“, sagt Maria Dragus über ihre Anfänge als Schauspielerin. Inzwischen - etwa beim Shooting in Berlin - tritt sie eher entschlossen auf. Bild: Andreas Pein

Schauspielerin Maria Dragus : Es wird nie gesagt: Du bist okay!

Sie ist 23, kann auf Knopfdruck weinen und liebt rumänischen Rap. Die Schauspielerin Maria Dragus regt sich über die Ideale, denen junge Frauen heute entsprechen sollen, mächtig auf. Ein Treffen.

          Wie spielt man blind? Der Film „Licht“ beginnt mit einer Klavierszene, ein Wiener Salon im Jahre 1777 voll mit Menschen in Rüschen und Brokat, das Rokoko ist eine Epoche der Äußerlichkeiten. Die Pianistin (Maria Dragus) trägt ein mit Stoffrosen besetztes Kleid, hoch wie ein Bienenstock türmt sich die graue Perücke über ihrem blassen Gesicht mit den geröteten Wangen. Auch die Augen wirken gerötet. Die Pupillen irrlichtern herum, schieben sich nach oben unter das Lid, rutschen seitlich weg. Während die Finger über die Tasten fliegen, verzieht sich der Mund zu einem schiefen Lächeln. Aber das gilt nicht dem Publikum, sondern ist Ausdruck innerer Regungen. Jedenfalls denkt man das, und wer jemals einen blinden Musiker beobachtet hat, der weiß: Dragus vollbringt hier eine großartige Leistung. Auch auf der Leinwand klappert Applaus. Einer der Rokoko-Zuhörer raunt seiner Nachbarin in Wienerischem Singsang zu: „Schön ist’s net. Aber spielen tut’s gut.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Wintertag in Berlin, Maria Dragus hat eines dieser Berliner Cafés ausgesucht, in denen das Personal vor allem Englisch spricht. Sie trägt eine auffällige Brosche am Kragen ihrer Bluse, dazu einen karierten Mantel und weiße Turnschuhe mit dicker Sohle. Zwei Stunden Zeit, Minestrone, Wasser ohne Kohlensäure. Hin und wieder fallen Sätze, wie man sie oft in Schauspielerinneninterviews zu hören bekommt:

          „Wenn man Gefühle preisgibt, die sehr tief blicken lassen, dann ist man nackter, als wenn man sich physisch auszieht.“

          „Ich hasse Schubladen. Es gibt nichts Schlimmeres, als kategorisiert zu werden.“

          „Ich habe mit der Zeit gemerkt – und das ist ein Luxus, auf den ich zuarbeite –, ich möchte nur Filme machen mit Menschen, die man liebt und mit denen man wirklich etwas schaffen will.“

          Nie Schauspielunterricht genommen

          Nicht, dass Dragus vorgestanzte Phrasen von sich gäbe, im Gegenteil. Keine zehn Minuten dauert das Gespräch, da erkundigt man sich sicherheitshalber noch einmal nach ihrem Alter: wirklich erst 23? Und sie hat nie Schauspielunterricht genommen? Wie kommt es, dass sie so präzise Auskunft geben kann über das, was sie vor – und auch jenseits – der Kamera tut? Dragus redet in einem Tempo, als wären ihre Sätze auf der Flucht. Das passiert ihr immer, wenn sie aufgeregt ist, „dann stolpere ich über meine eigenen Worte“. Was sie jedoch sagt, scheint das Ergebnis ernsthafter Auseinandersetzungen zu sein.

          Aussehen und Können: Andere Schauspielerinnen, die mit Anfang Zwanzig Vollprofis sind, haben Telleraugen, Samtlippen oder die Statur einer Elfe. Maria Dragus wird für das besetzt, was sie ausdrücken kann. Gleich für ihre allererste Rolle in Michael Hanekes verstörendem Drama „Das weiße Band“ bekam sie den Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin. Und wer den Film, der 2009 die Goldene Palme von Cannes gewann, heute noch einmal sieht, wundert sich vor allem, wie selten ihre Pfarrerstochter im Bild ist, obwohl sie einem so deutlich in Erinnerung geblieben ist. Denn es ist dieses wohlerzogene blasse Mädchen mit den blonden, streng aus dem Gesicht gekämmten Haaren, das besser als jede andere Figur das Grauen und die Gewalttätigkeit verkörpert, die Hanekes Filmdiagnose zufolge am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der deutschen Gesellschaft schlummerten.

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