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Schauspielerin Maria Dragus : Es wird nie gesagt: Du bist okay!

Schon möchte man die Schauspielerin ermuntern, doch bitte wenigstens ihre Suppe aufzuessen, die sie in ihrem Redefluss vergessen hat. Dragus aber bestellt lieber Schokokuchen, und allein die Begeisterung, mit der sie ihre Gabel in den Mund schiebt, mit den Augen funkelt und „boah, richtig lecker“ sagt, würde für einen kleinen Werbefilm für diesen schwarztriefenden Brownie taugen und damit als Ansage gegen all die Fitness-, Gesundheits- und Schönheitstrends, die Frauen heutzutage verrückt machen. Dragus zumindest betrachtet den Kampf gegen solche Maßstäbe als Herausforderung ihrer Zeit. „Ich glaube, das ist der Punkt, wo meine Generation gerade ihre Frauenbewegung hat“: Immerzu bekomme man gesagt, wie man auszusehen und zu sein habe. „Aber es wird nie gesagt: Du bist okay. Du kannst so sein, wie du bist, ohne dass du dich unter Druck gesetzt fühlst.“

Drei harte Jahre in Berlin

Heute schwärmt Dargus selbstbewusst von den Normalo-Frauen aus Lena Dunhams Fernsehserie „Girls“, die sie als „interessant und schön und beruhigend“ empfindet. Damals, mit 16, schlitterte sie in eine „ganz klassische, schöne, pubertäre Identitätskrise“. Sie hatte sich für einen Film die Haare abgeschnitten und war nach sieben Jahren Internat erst zurück zu den Eltern und dann nach Berlin gezogen. „Und dann war so – Stille“, sagt Dragus. Die radikale Typveränderung, die Pubertät, die neue Lebensplanung: „Ich wusste nicht mehr, wer ich selber war, und das hat sich dann auch darin widergespiegelt, dass die Leute nicht mehr wussten, wie sie mich besetzen oder nehmen sollten.“ Wie geht man mit Stille um? Mit der bedingungslosen Freiheit, „wenn einem keiner sagt, was zu tun ist“? Zwei, drei Jahre lang, sagt Dragus, habe sie sehr zu kämpfen gehabt. „Aber wenn man Ziele hat, kann man die, glaube ich, auch erfüllen, wenn man hart dafür arbeitet.“

Verstörend wohlerzogen: Für ihre Klara in „Das weiße Band“ bekam Maria Dragus 2010 den Deutschen Filmpreis.

Rückhalt fand sie in dieser Zeit bei ihren Eltern, die ebenfalls Künstler sind: der Vater Cellist, die Mutter Tänzerin. „Die haben immer versucht, mich zu unterstützen.“ Dabei seien sie jedoch überzeugt gewesen, dass die Tochter ihren eigenen Weg finden und gehen müsse. „Meine Eltern glauben nicht so sehr an...“, Dragus unterbricht sich. „Wie sagt man das? Jetzt fällt mir nur das rumänische Wort ein!“ Ratschlag. Auf Rumänisch: sfat. Es ist der einzige Moment bei diesem Treffen, an dem man glauben mag, dass diese junge Frau mit ihrem akzentfreien flotten Deutsch sich tatsächlich als Rumänin fühlt. Dabei kommt sie aus Dresden, schon ihre Mutter, die russische Wurzeln hat, ist in der DDR aufgewachsen. Aber der Vater ist Rumäne. Dragus’ Kindheit war geprägt von der Gemeinschaft einer Handvoll rumänischer Familien, die ihren Nachwuchs gemeinsam zur Schule schickte und zusammen Feste feierte. Die Familie ist orthodox, die Großmutter in Rumänien eine wichtige Bezugsperson. Dragus hat nie bei ihr gelebt, aber immer wieder viele Monate dort verbracht, und schon als Kleinkind spürte sie, dass sie weder in dem einen noch in dem anderen Land richtig dazugehörte. Sie kann rumänische Kinderlieder und liebt rumänischen Rap. Und sie weiß inzwischen, dass diese Multinationalität, wie sie es nennt, durchaus von Vorteil ist.

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