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Schauspielerin Maria Dragus : Es wird nie gesagt: Du bist okay!

Dragus weiß sehr wohl, warum sie, die angehende Tänzerin, damals Schülerin der staatlichen Palucca-Schule in Dresden, für diese Rolle prädestiniert war: „Natürlich habe ich sehr viel mitgebracht so an Steifheit, an Kontrolle, die meine Figur einfach auch hatte.“ Die Abgründigkeit ihrer Klara, die mit Unschuldsmiene lügt, während sie maßgeblich für schwere Verbrechen im Ort verantwortlich ist, verdankt sich Dragus zufolge allein der manipulativen Kunst des Regisseurs: „Das ist reine Projektion. Ich habe nie irgendwas böse gespielt.“ Trotzdem traut man ihrer Klara alles, wirklich alles, zu. Und natürlich ist das unbedingt auch Dragus’ Verdienst.

Heulen auf Knopfdruck

Inzwischen hat die junge Schauspielerin mit einem zweiten Film einen Preis in Cannes gewonnen („Bacalaureat“ von Cristian Mungiu). Sie war „Shooting Star“ des europäischen Films bei der Berlinale, hat in Mehrteilern und Mini-Serien gespielt („Die Pfeiler der Macht“, „Tannbach“) und Fernsehhauptrollen übernommen („Tod einer Kadettin“). In dem vielbeachteten Kinofilm „Tiger Girl“ von Jakob Lass prügelte sie sich vergangenes Jahr an der Seite ihrer Kollegin Ella Rumpf, mit der sie eng befreundet ist, durch ein räudiges Berlin. Weil es weder ein Drehbuch noch eine klare Rollenbeschreibung gab, muss man ihr spätestens seitdem attestieren, dass sie die Klischeeattribute der Ballerina, Steifheit und Kontrolle, hinter sich gelassen hat. Man könnte vielmehr feststellen: Offenbar bewährt sich das Prinzip Tanz auch in der Schauspielerei.

„Ich bin jemand, der sehr technisch arbeitet“, sagt Dragus. Ein Beispiel: Wenn sie vor der Kamera weinen soll, weiß sie genau, welche Stelle ihres Körpers sie nur visualisieren muss, damit Tränen fließen. Heulen, gewissermaßen auf Knopfdruck. Jüngst, erzählt sie, sei sie nach körperlich strapaziösen Dreharbeiten zum Chiropraktiker gegangen, der habe nur aus Versehen ebendiesen Punkt berührt, schon ging es los. „Es ist auch nicht, dass ich traurig bin. Es ist einfach da.“

Sieben Jahre lang hat sie das Tanz-Internat besucht, und Dragus glaubt, diese Ausbildung habe sie auf alles vorbereitet, „was ich in meinem Berufsalltag heute zu bewältigen habe“. Kampfszenen wie in „Tiger Girl“ – Choreographie. Klavierspielen wie in „Licht“, sich als Blinde durch den Raum tasten –, alles Choreographie. Sie weiß, wie sie einen Bewegungsablauf erst komponiert und dann abspult, ohne dass es mechanisch wirkt. Dass sie genauer ist, je bewusster sie agiert. Dass es bei allem darum geht, einen Impuls zu setzen, der beim Zuschauer etwas auslöst.

Knieverletzung beendet Tanzkarriere

Dass die Kritiker regelmäßig hingerissen sind von Dragus’ Arbeit, heißt allerdings nicht, ihr Weg wäre leicht gewesen. Während des Drehs mit Haneke – „das war wie ein großes Ferienlager, ein niemals endender Spaß“ – ahnte sie zwar, dass diese Arbeit sie glücklich machen könnte. Aber erst nach dem Realschulabschluss und einer Knieverletzung beschloss sie, dem Tanz endgültig den Rücken zu kehren – auch, weil sie sich dem geforderten Körperbild entziehen wollte. Tänzerinnen, erzählt Dragus, würden immerzu anhand von Äußerlichkeiten bewertet, anhand physischer Gegebenheiten wie der Größe oder der Auswärtsdrehung der Hüfte. „Aber das ist nicht richtig“, sagt sie, „dafür kann man nichts.“ Sie erzählt von einer Freundin, die inzwischen für ein Pariser Varieté arbeite, wo sie einmal die Woche gewogen werde und sogar der Taillenumfang vorgeschrieben sei, weil sie in das Kostüm ihrer Vorgängerin passen müsse. Bis zu einem gewissen Alter, sagt Dragus, habe sie diesem Ideal entsprochen. Dann kamen die Pubertät und die verletzungsbedingte Pause. „Dann nimmt man zu, und dann wird man zur Frau. Das war für mich erst mal ein Schock.“ Anstatt sich eine Essstörung zuzulegen – „das war schon so ein Trend“ –, wechselte Dragus die Branche.

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