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Kirchenstreik Maria 2.0 : „Wir ertragen es nicht mehr“

Gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche und für Frauen und für Frauen als Priesterinnen: Mahnwache in Münster am vergangenen Sonntag. Bild: dpa

Eine Woche lang protestierten Katholikinnen in Münster unter dem Titel „Maria 2.0“. Ihr Ziel: endlich Gleichberechtigung für die Frauen in der katholischen Kirche. Eine Mitbegründerin der Bewegung zieht im Interview Bilanz.

          Frau Voß-Frick, mit diesem Samstag geht Ihr Streik zu Ende, eine Woche lang haben Sie und viele andere Katholikinnen keine Kirche betreten und Ihre ehrenamtlichen Pflichten ruhenlassen. Wie war das?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Immer dann, wenn eine Messe in der Kirche stattfand, haben wir zu Gotteswortfeiern oder Andachten auf dem Platz vor der Kirche eingeladen, um deutlich zu machen, dass wir draußen sind. Und immer sind mehr Menschen gekommen, als wir Liedzettel hatten, viele Frauen, aber auch Männer. Am Sonntag bei der zentralen Mahnwache vor dem Dom in Münster waren wir fast 1000 – und so viele hatten Tränen in den Augen. Das Gefühl, das in dieser Gemeinschaft entstanden ist, hat mich sehr berührt. Die Augenhöhe, das Einfache, das Schlichte. Viele von uns tragen Weiß, um unsere Sehnsucht und Hoffnung auf einen Neubeginn auszudrücken, aber auch unsere Trauer und unser Mitgefühl.

          Warum haben Sie sich zu diesem ungewöhnlichen Protest entschlossen?

          Weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was in dieser Kirche geschehen ist: Die sexualisierte Gewalt und der spirituelle Missbrauch an sich sind grauenvoll genug. Aber die Systematik, mit der verdunkelt und vertuscht wurde, haben Empörung und Entsetzen ausgelöst. Das ist das Gegenteil der Botschaft Jesu, sich auf die Seite der Schwachen, der Opfer, der Ausgegrenzten zu stellen.

          Sie und Ihre Mitstreiterinnen aus Münster haben schon im Februar einen offenen Brief an den Papst geschrieben. Was fordern Sie?

          Einen grundsätzlich anderen Umgang mit dem Thema Missbrauch. Die Sorge um die Opfer muss glaubhaft sein und im Zentrum der Bemühungen stehen. Die Täter müssen nicht nur intern gemeldet, sondern auch weltlichen Gerichten überstellt werden. Auch die Vertuscher müssen mit Konsequenzen rechnen. Wer sich schuldig gemacht hat, darf kein Amt mehr in der Kirche haben. Und weil wir glauben, dass die männerbündische, machtorientierte Struktur der Kirche ein paternalistisches System geschaffen hat, in dem dieses Grauen überhaupt erst möglich wurde, fordern wir auch den Zugang von Frauen zu allen Ämtern, Weiheämter eingeschlossen. Wir sind für die Abschaffung des Pflichtzölibats. Und wir wünschen uns die Anpassung der Sexualmoral an die Wirklichkeit der Menschen. Wer geschieden und wiederverheiratet ist oder homosexuell, darf nicht ausgegrenzt werden.

          Andrea Voß-Frick ist eine der Initiatorinnen des Kirchenstreiks „Maria 2.0“. Die Psychologin ist 48 Jahre alt und lebt in Münster.

          Warum gleich ein Streik? Das hat Ihnen viel Kritik eingebracht.

          Anscheinend genügt all das Reden, Hoffen, Fordern und Beten nicht mehr. Das tun viele kluge Menschen schon seit Jahren, und wir tun es auch. Aber es ist fünf nach zwölf. Menschen, die in den Gemeinden mitgestalten und denen die Kirche am Herzen liegt, kehren ihr jetzt den Rücken. Die Kirche muss endlich merken, wie wütend, enttäuscht und verletzt wir sind. Sonst schrumpft sie sich krank.

          Was für Auswirkungen hatte ihr Streik konkret?

          Das war in den Gemeinden unterschiedlich. Es sind weniger Menschen in den Gottesdiensten gewesen, mal ist ein Strickkreis ausgefallen, dort blieb eine Bücherei geschlossen. Aber diese Leerstelle als Symbol dafür, was geschieht, wenn Frauen in dieser Kirche fehlen, war nur das eine. Vor allem wollten wir zeigen, wie viele Menschen die Sehnsucht nach einer geschwisterlichen und liebenden Kirche teilen, die alle Menschen willkommen heißt.

          Wie groß war denn die Beteiligung, auch in anderen deutschen Städten?

          Das können wir hier von Münster aus gar nicht überblicken. Ursprünglich wollten wir ja nur, dass der Funke überspringt. Inzwischen sind viele Leuchtfeuer entstanden. Wir sind fast ein bisschen überrollt worden von dieser Entwicklung.

          Wie hat Ihr Bischof reagiert?

          Gar nicht.

          Der Hamburger Erzbischof zeigte sich wohlwollend, in Essen, Würzburg und Mainz gab es Verständnis für Ihren Protest. Mehrheitlich jedoch haben die deutschen Bistümer verhalten oder kritisch reagiert. Sind Sie enttäuscht?

          Nein. Ich bin froh, dass sie sich äußern. Wovon ich enttäuscht bin, ist, dass das Schweigen in Münster so laut ist. Wir wollen ja reden, und wir wünschen uns sehr, dass wir auch in unserem eigenen Bistum in Kontakt und Dialog kommen. Aber das Bistum Münster gehört zu den drei Bistümern, die sich nicht geäußert haben.

          Warum „Maria 2.0“?

          Maria wurde von den Männern der katholischen Kirche auf einen Sockel gestellt, sie ist demütig, sie schweigt, sie ist gehorsam, überspitzt formuliert, sagt sie zu allem ja und amen. Dieses Marienbild hat das Frauenbild der katholischen Kirche wesentlich geprägt. Mit beiden sind wir nicht einverstanden. Für uns ist Maria eine starke Frau, die sich bewusst auf etwas eingelassen hat, was zu ihrer Zeit hieß, das eigene Leben zu riskieren, nämlich ohne Mann schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Dazu ja zu sagen erfordert Mut, nicht nur Demut. Außerdem war sie die Lehrerin und Mutter ihres Sohns – und was ist da für ein Mensch daraus hervorgegangen? Diese Frau kann nicht nur geschwiegen und geduldet haben.

          Gehen Sie am heutigen Sonntag wieder in die Kirche?

          Ja, und ich freue mich darauf, auch das ist Teil meines Christseins. Aber wir wissen, dass wir Geduld haben müssen mit dieser Kirche. Deswegen werden wir weitermachen. Sonst wäre es ja nur ein Strohfeuer gewesen. Erst mal Atem schöpfen. Uns besser mit anderen Reformbewegungen vernetzen. Und dann weiter darüber nachdenken, wie wir unsere Sehnsucht nach Erneuerung sichtbar machen.

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