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Konservatorin von Auschwitz : Die Hüterin der hunderttausend Schuhe

  • -Aktualisiert am

Erhalten, nicht erneuern: Das ist das Prinzip von Margrit Bormanns Arbeit. Bild: Marcin Lachowicz

Margrit Bormann ist Konservatorin im Museum von Auschwitz. Sie bewahrt die Habseligkeiten der Holocaust-Opfer vor dem Verfall – und deren Geschichten vor dem Vergessen.

          6 Min.

          Am schlimmsten war der Anblick der Kinder. Wie sie zu den Gaskammern marschieren mussten, wie es bald nach verbranntem Fleisch stank, wie durch den Schornstein der Rauch aufstieg. Jacek Zieliniewicz sah das Tag für Tag, und als er abends auf seiner Pritsche lag, durchnässt, ohne Decke und ohne Strohsack, fragte er sich, ob er vor Hunger und Leid nicht schon längst verrückt geworden war. „Meine Antwort ist heute: Ja“, sagt er. „Wir waren alle verrückt.“

          Es ist ein kalter Abend im Frühjahr, an dem Zieliniewicz seine Geschichte erzählt. Wie er am 20. August 1943 in der westpolnischen Kleinstadt Janowiec Wielkopolski verhaftet wurde, weil es hieß, in der Nähe versteckten sich polnische Widerstandskämpfer. Wie ihm nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz die Haare geschoren wurden und man ihm verlauste Lumpen hinwarf. Wie der damals Siebzehnjährige seine Schuhe verlor und barfuß im Schnee stehen musste. Und wie er das Grauen schließlich überlebte, auch wegen der Essenspakete, die ihm seine Eltern schickten. Als politischer Häftling genoss er dieses Privileg, anders als die jüdischen Gefangenen, von denen viele „bald aussahen wie Skelette“.

          Wer erzählt die Geschichten der ehemaligen KZ-Häftlinge weiter?

          Eineinhalb Stunden spricht Zieliniewicz vor bestürzten Zuhörern, es sind junge Frauen und Männer Mitte zwanzig, viele sind zum ersten Mal zu einem Zeitzeugen-Treffen nach Auschwitz gekommen. Das Sprechen fällt Zieliniewicz schwer. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, die Stimme klingt brüchig. Die Fragen der Zuhörer muss ihm eine Begleiterin noch einmal laut und deutlich ins Ohr sagen. Mit der rechten Hand umklammert er die Stuhllehne, als würde er sonst herunterfallen. Zieliniewicz ist 88 Jahre alt. Von den fünf Überlebenden, mit denen er vor Jahren anlässlich einer Ausstellung vom Holocaust erzählte, ist er der Letzte. Lange, das weiß er, wird er seine Geschichte nicht mehr schildern können.

          Die Generation der Holocaust-Überlebenden wird immer kleiner. Nach Zahlen der Jewish Claims Conference gibt es nur noch etwa 400 000 von ihnen. In einigen Jahren wird niemand mehr am Leben sein. Wer aber soll die Geschichten der ehemaligen KZ-Häftlinge dann erzählen, die von Jacek Zieliniewicz und von den anderen?

          110.000 Schuhe, 3800 Koffer und 350 Häftlingsanzüge

          Eine Antwort darauf findet man bei Margrit Bormann. In der Arbeitsstätte der 34 Jahre alten Frau sieht es aus wie in einem Chemielabor: Die weißen Tische sind in Neonröhrenlicht getaucht, darauf stehen Mikroskope, Messbecher und Flaschen mit Desinfektionsmitteln. In einem Raum stapeln sich Kisten mit alten, fleckigen Schuhen. Das braune Leder ist rissig, die Schnürsenkel fehlen. Es sind Schuhe, die die SS-Leute den Menschen abnahmen, als diese nach Auschwitz kamen. Stattdessen gab man den Häftlingen Holzpantinen, in denen sie sich die Füße wund scheuerten. Oder sie mussten barfuß im Schnee stehen, wie Jacek Zieliniewicz.

          Bormanns Job ist, dafür zu sorgen, dass die Schuhe erhalten bleiben, indem sie sie desinfiziert und einfettet. Sie sollen von den Geschichten ihrer früheren Besitzer erzählen, vor allem dann, wenn diese nicht mehr am Leben sind. Mit dem Aussterben der Opfergeneration werden die Relikte aus dem früheren Konzentrationslager für die Gedenkstätte Auschwitz noch wichtiger als bisher.

          Bormann ist eine von 14 Konservatoren, die das Museum in Auschwitz beschäftigt. Lange war sie die einzige Deutsche, mittlerweile gibt es eine weitere Kollegin. Sie kümmert sich nicht nur um Schuhe, sondern um unzählige Habseligkeiten der ehemaligen Häftlinge, auch um die Baracken des Konzentrationslagers. Der Fundus ist riesig, umfasst etwa 110 000 Schuhe, 3800 Koffer, 12 000 Pfannen und Töpfe und 350 Häftlingsanzüge, dazu Brillen, Kämme, Zahnbürsten, Berge von Dokumenten. Und das ist nur ein Ausschnitt.

          Woher kommen die Flecken?

          Bormanns Ziel: Alles so zu erhalten, wie es 1945 vorgefunden wurde, als die sechzigste Armee der ersten Ukrainischen Front das Lager befreite. Daher bezeichnet sie sich als Konservatorin und nicht als Restauratorin: Sie erhält, aber sie erneuert nicht.

          Am Ende des langen Laborflurs biegt Bormann nach rechts ab und hält einen cremefarbenen Tallit in die Höhe. In dem Gebetsschal klafft ein Riss, daneben sind bräunliche Flecken. Vielleicht ist es Blut, vielleicht etwas anderes. „Wir wissen nicht, woher die Flecken stammen“, sagt die Konservatorin. Und vor allem nicht: von wann. Sollten die Fachleute herausfinden, dass die Flecken erst nach der Befreiung 1945 hinzukamen, werden sie entfernt. „Im Zweifel lassen wir sie aber lieber drin, denn was einmal weg ist, ist für immer verloren.“ Eine exakte Methode zur Datierung der Flecken muss erst noch erfunden werden. Auch daran arbeiten Bormann und ihre Kollegen. Sie fahren zu Konferenzen, halten Vorträge und veröffentlichen wissenschaftliche Aufsätze. Bormann übersetzt gerade Diplomarbeiten zur Behandlung alter Koffer ins Polnische.

          Der Aufwand für die Konservierung ist groß. Dutzende Mitarbeiter sind in der Gedenkstätte Auschwitz mit dem Erhalt von Gegenständen und Gemäuern beschäftigt, neben den Konservatoren etwa Maler, Schreiner, Gärtner und Statiker. Jedes Jahr gibt die Gedenkstätte dafür Millionenbeträge aus. Seit 2009 wurden der Stiftung Auschwitz-Birkenau etwa 120 Millionen Euro an Spenden zugesagt, 60 Millionen allein von der deutschen Regierung. Ein Großteil des Geldes ist allerdings noch nicht eingetroffen.

          Schuhe von damaligen Lagerinsassen desinfiziert die Konservatorin, anschließend werden sie eingefettet.
          Schuhe von damaligen Lagerinsassen desinfiziert die Konservatorin, anschließend werden sie eingefettet. : Bild: Marcin Lachowicz

          Schwere Stiefel und feine Sandalen

          Das Ergebnis der konservatorischen Arbeit ist in Block fünf des Stammlagers Auschwitz I zu besichtigen. Unweit des berüchtigten Eingangstors, über dem die Aufschrift „Arbeit macht frei“ prangt, erhebt sich ein staubiger Berg aus Koffern. Die Konservatoren haben sie gereinigt und die Metallschließen mit Schutzlack überzogen. „Berta Sara Lenzberg, Wien IX., Harmoniegasse 7“ steht auf einem Koffer aus braunem Leder, viele andere Häftlinge haben ebenfalls ihre Adressen auf den Kofferdeckeln notiert. Die kreideweißen Buchstaben erzählen von der Hoffnung der Opfer auf eine Heimkehr. Die Ecken der Koffer sind abgestoßen – vielleicht vom Transport, an dessen Ende die zusammengepferchten Menschen den Zügen entstiegen und die SS-Leute viele von ihnen direkt ins Gas schickten. Vielleicht liegt in dem Haufen irgendwo der Koffer von Jacek Zieliniewicz, vielleicht derjenige eines seiner verstorbenen Freunde.

          In einem anderen Raum des Museums türmt sich ein noch größerer Berg aus Schuhen, er überragt den Besucher um Längen. 80.000 sind es insgesamt, schwere Stiefel und feine Sandalen. Die übrigen Schuhe lagern im Archiv, so wie viele andere Gegenstände auch. Ausgestellt wird nur ein kleiner Teil. Ein kleines Stück weiter blickt der Besucher auf ein Meer von Kochtöpfen. An einigen Stellen glänzt noch blaue und rote Emaille, andere Töpfe hat der Rost befallen. Eben so, wie es schon 1945 war. An den Töpfen, sagt Bormann, lasse sich Tragisches ablesen.

          Blaue Gummihandschuhe, um sich selbst zu schützen

          „Viele Menschen kamen mit dem festen Glauben nach Auschwitz, hier ihre Bräuche und Traditionen weiterleben zu können.“ Die Kochtöpfe leuchten nicht zufällig in Rot und Blau. Die unterschiedlichen Farben halfen jüdischen Familien beim Kochen: In den einen Töpfen wurde Fleisch zubereitet, in den anderen Gerichte mit Milch, strikt getrennt, so wie es Tradition der aschkenasischen Juden ist. Als sie die Töpfe einpackten, ahnten sie nicht, dass es in Auschwitz nur „stinkende Suppe und hartes Brot“ aus den Zentralküchen zu essen geben würde, wie es Jacek Zieliniewicz ausdrückt.

          Von den Gegenständen auf deren frühere Besitzer und ihr Leid zu schließen, das sei eigentlich nicht ihre Aufgabe, sagt Margrit Bormann. „Ich bin Konservatorin und nicht Historikerin. Das muss ich mir immer wieder sagen, damit ich mir nicht zu viele Gedanken mache.“ Unter ihrem Arbeitskittel lugen blaue Gummihandschuhe hervor. Bei der Arbeit trägt sie sie immer. Sie sagt, damit schütze sie nicht nur die historischen Gegenstände, sondern auch sich selbst.

          Der Selbstschutz gelingt ihr heute besser als früher. Einmal, Bormann arbeitete noch nicht lange im Museum, fiel ihr ein Kamm in die Hände. Am Rand war ein kleiner Schriftzug eingeritzt: der Name eines ungarischen Häftlings. „Das war ein großer Glücksmoment“, sagt Bormann. Sie sei Konservatorin geworden, um historischen Objekten nahe sein, sie anfassen, ihre Geschichte spüren zu können. Mit dem Namen würde sich vielleicht der Eigentümer des Kamms ausfindig machen lassen, vielleicht seine Angehörigen. Die Konservatorin benachrichtigte das Archiv des Museums, schließlich konsultierte man die Datenbank der Holocaust-Opfer der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Die spuckte für den Namen neun Treffer aus – zu viele, um auf den Eigentümer schließen zu können.

          „Es ist gut, dass ich hier bin“

          Margrit Bormann kam nicht weiter, die Suche war gescheitert. Wochenlang fühlte sie sich niedergeschlagen und enttäuscht. Ein anderes Mal, als Bormann Schuhe von Holocaust-Opfern konservierte, fiel ihr die Arbeit plötzlich sehr schwer. Mit jedem Schuh wurde sie trauriger. Am Wochenende darauf saß Bormann in ihrer Wohnung und überlegte, wie es weitergehen solle. „So ging es nicht mehr, es musste etwas passieren.“ Dann kamen die Tränen. „Ich habe gemerkt, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nie um die Gesamtheit der Shoa-Opfer getrauert habe, sondern nur um manches Einzelschicksal. Dass ich auf einmal um alle trauern konnte, das war eine Befreiung.“

          Seitdem fällt Bormann die Arbeit leichter. Etwas anderes zu machen, das könne sie sich nicht vorstellen, sagt sie. Auf die Frage, warum das so ist, erzählt sie eine Geschichte von einem ihrer polnischen Kollegen. Der sagte ihr einmal, dass er seine Wut auf die Deutschen und deren schreckliche Verbrechen erst besiegen konnte, als er sie kennenlernte. „In solchen Momenten merke ich: Es ist gut, dass ich hier bin.“ Auch der Überlebende Jacek Zieliniewicz wird da nicht widersprechen.

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