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Mangelhafte Inklusion : Weil das einfach nicht vorgesehen ist

Gebraucht werden ein aufopferungsbereite Mutter und ein starker Willen: Sabrina Vielmayer in den Weinbergen. Bild: Junker, Patrick

Sie ist jung, gebildet, motiviert – und behindert. Ihr Leben ist schon immer ein Kampf gewesen. Doch jetzt sucht sie einen Job. Eine Geschichte aus dem sozialen Deutschland.

          7 Min.

          Sabrina Vielmayer, 25, ist eine schmale junge Frau mit hübschem Gesicht. Ihre Arme und Beine sind so dünn, dass man meinen könnte, sie sei schwer magersüchtig. Aber das ist sie nicht. Sabrina, die eigentlich anders heißt, leidet an spinaler Muskelatrophie. Einer Krankheit, bei der Impulse aus dem Rückenmark nicht an die Muskeln weitergeleitet werden. Die Folge ist, dass Sabrina kaum Muskeln hat und weder stehen noch laufen und ihre Arme zwar bewegen, aber fast nichts mit den Händen halten kann.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem Computer schreiben kann sie jedoch gut, und nicht nur das: Sie hat einen Master in Betriebswirtschaft, Note 2,5, Auslandssemester inklusive, und einen unbändigen Willen zu arbeiten. Was sie lange nicht hatte, war: ein Job. Sabrina kann eine unfassbare Geschichte darüber erzählen, wie schwer es ist, als körperlich behinderter Mensch in den ersten Arbeitsmarkt zu streben. Und wie viel Glück man braucht, bis am Ende doch noch alles gut wird.

          Los geht die Geschichte schon nach dem Kindergarten, als sie sechs ist. Da weigert sich das Landratsamt, die Kosten zu übernehmen, die entstehen würden, wenn Sabrina auf eine normale Grundschule gehen würde. Sie bräuchte dazu einen Assistenten, der ihr die Trinkflasche anreichen, die Bücher und Hefte aus ihrer Schultasche holen und ihr das Pausenbrot geben müsste. Sabrina, so das Landratsamt, müsse deshalb auf eine Sonderschule gehen oder in ein Behinderteninternat.

          Falsches Denken bei den Ämtern

          Der Rektor der Regelgrundschule, auf die Sabrina gehen will, und ihre Erzieherin aus dem Kindergarten engagieren sich indes für das Mädchen. Sie tun sich zusammen und finden heraus, dass sie Anspruch auf einen Zivildienstleistenden hat. Ruth Vielmayer, Sabrinas Mutter, die von Hartz IV lebt, erklärt sich bereit, in den großen Pausen vorbeizukommen und ihre Tochter auf die Toilette zu begleiten. Der Rektor und die Erzieherin erklären dem Amt, dass dies alles viel billiger sei als das Behinderteninternat. Erst da lenkt die Behörde ein. „Vieles, was ich erreicht habe, war, weil mir die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort geholfen haben“, sagt Sabrina. „Die Mitarbeiter in den Ämtern dagegen denken nicht wirtschaftlich, sondern überlegen immer nur, ob ihnen was mehr Arbeit macht als normal.“

          Am Ende der vierten Grundschulklasse erhält Sabrina eine Hauptschulempfehlung. Weil sie in den Wochen zuvor sehr oft krank gewesen ist. Gemeinsam mit ihrem Zivildienstleistenden geht sie ohne Wissen ihrer Mutter zum Grundschulrektor und sagt: „Ich will einen Test machen, um mich für das Gymnasium zu qualifizieren“ – ein in Baden-Württemberg, wo sie lebt, üblicher Weg, um die Empfehlung der Grundschule zu umgehen. Sie macht den Test, bekommt eine Gymnasialempfehlung, entscheidet sich aber für die Realschule, weil sie nicht weiß, ob ihr Körper ihr nicht wieder einen Strich durch die Rechnung machen wird.

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