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Mangelhafte Inklusion : Weil das einfach nicht vorgesehen ist

Die Angst der Unternehmer vor Fragen nach der Krankheit

Sie glaubt, dass die Entscheider in den Unternehmen nicht genug über ihre Krankheit wissen und deswegen davor zurückschrecken, sie einzustellen. „Die sehen mich und machen dann mental zu“, vermutet sie. Nie werde sie in Vorstellungsgesprächen zu ihrer Behinderung befragt, es gehe nur um Stärken und Schwächen, so als sitze sie gar nicht im Rollstuhl. Und wenn sie dann von sich aus frage, ob nicht jemand noch was über ihre Behinderung wissen wolle, dann fühlten sich manche Personaler sogar ein bisschen angegriffen. „Aber die müssten doch eigentlich viele Fragen haben, und wenn sie die nicht stellen, bleibt eine Unsicherheit“, sagt Sabrina. Was vielleicht auch nicht alle wissen: Wenn sie Sabrina einstellen, bekommen sie hohe Zuschüsse von der Agentur für Arbeit.

Ansonsten kann die ihr aber auch nicht helfen. „Die schicken mir immer nur Stellenanzeigen, die bereits online sind, das ist keine Hilfe, die sehe ich selbst“, sagt Sabrina. Die Mutter hat die Sachbearbeiterin von der Agentur für Arbeit gefragt: „Wie viele behinderte Akademiker betreuen Sie?“ Ihre Tochter ist die einzige, wie immer. Und fällt so durch jedes Raster. Denn um im Rollstuhl und mit dieser Krankheit so weit zu kommen wie Sabrina, braucht man nicht nur eine festen Willen und einen scharfen Verstand, sondern auch eine Mutter wie Ruth Vielmayer, die voll hinter ihrer Tochter steht. Eine seltene Kombination, so exotisch, dass der Gesetzgeber darauf nicht reagiert hat.

„Das Problem“, sagt Sabrina, „ist, dass es keine Regel gibt, wie eine pflegerische Tätigkeit während der Arbeitszeit finanziert werden soll. Ob die Pflegekasse oder das Sozialamt oder die Agentur für Arbeit die bezahlen soll. Weil das einfach nicht vorgesehen ist, dass Menschen wie ich auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Das gesamte Pflegegesetz gilt nur für Leute, die nicht berufstätig sind.“ Während sie das Praktikum gemacht hat, ist nach wie vor zweimal am Tag ihre Mutter vorbeigekommen, um ihr beim Toilettengang zu helfen. Doch Sabrina gibt die Hoffnung nicht auf, „dass jemand mal so mutig ist, mir eine Chance zu geben“.

Und dann, nach dem 18. Vorstellungsgespräch und der 17. Absage, bekommt sie plötzlich eine Mail von einem Mann, der sie während ihrer Schulzeit als Zivildienstleistender unterstützt hat und mit dem sie immer noch in Kontakt ist. Er weiß von ihrer Jobsuche und hat einen Kontakt in eine Firma hergestellt, in der er jemanden kennt. Sabrina führt ein Gespräch mit diesem Mitarbeiter, „der war sehr ergriffen danach“, erzählt sie. Dann lädt der Geschäftsführer sie zu einem Vorstellungsgespräch ein und fragt direkt drauflos: Was ist das für eine Behinderung? Welche Einschränkungen hat Sabrina genau? Was traut sie sich zu, was nicht? Wie organisiert sie sich die nötige Hilfe?

Vier Tage später unterschreibt sie ihren ersten Arbeitsvertrag. Befristet auf ein Jahr. Ein riesiger Stein fällt ihr vom Herzen. Alles ist so aufregend. Sie muss umziehen, sucht ab 1. August eine Wohnung in Oberndorf am Neckar. Ruth Vielmayer kommt fürs erste wieder mit. Auf Dauer will Sabrina aber jemanden privat engagieren und bezahlen, der die Mutter entlasten wird. Damit die nicht immer bereitstehen muss.

Sie kann nun dem Staat endlich etwas zurückgeben in Form von Steuern und Sozialabgaben. Und muss ihm nicht mehr auf der Tasche liegen. Sie wird ein selbstbestimmtes Leben führen, ihre Mutter auch. Sie wird frei sein und ihre Behinderung nur noch eine Fußnote.

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