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Mangelhafte Inklusion : Weil das einfach nicht vorgesehen ist

Keine staatlichen Beiträge für die Mutter – trotz Pflege

Für Ruth Vielmayer bedeutet dies, dass sie Sabrina Stück für Stück loslassen muss, weil die immer selbständiger wird. Das ist schwer. „Als Sabrina klein war, habe ich alles entschieden. Und nun hatte ich Angst. Ich fürchtete, dass jemand ihr wehtut oder sonst irgendwas Schlimmes passiert. Aber ich musste es akzeptieren“, sagt sie rückblickend. Wenn Sabrina nicht an der Uni ist, hilft ihr die Mutter aber nach wie vor: Körperpflege, kochen, einkaufen, putzen.

Nach den Bachelor möchte Sabrina ein Auslandssemester im irischen Cork einlegen. Nun streicht das Jobcenter endgültig alle Leistungen für ihre Mutter, die natürlich wieder an Sabrinas Seite ist. Nicht mal die Beiträge für Krankenkasse und Pflegekasse übernimmt das Amt noch. Diesmal springt der Deutsche Akademische Auslandsdienst ein. „Denen war es wurscht, ob meine Mutter mich pflegt und unterstützt oder ein staatlicher Pflegedienst“, sagt Sabrina. Den Master-Abschluss mit Schwerpunkt Personalmanagement und Personalentwicklung macht sie schließlich in Bamberg, sie möchte als Personalreferentin arbeiten, aber auch Controlling oder Marketing kann sie sich vorstellen.

Schwierigkeiten bei der Jobsuche

Fast ein Jahr später hat sie mehr als hundert Bewerbungen geschrieben. „Die freie Wirtschaft sagt immer gleich ab, und der öffentliche Dienst lädt mich ein und sagt danach ab“, fasst Sabrina die Reaktionen zusammen. Die Absagen lauten immer gleich: Nach Beratung mit der Behindertenbeauftragten haben wir uns für einen anderen Bewerber entschieden. „Ich weiß halt nie, was der wirkliche Grund ist.“ Sie glaubt, dass die Personaler aus Unsicherheit keine Fragen zu ihrer Behinderung stellen.

Anfang dieses Jahres bekommt sie schließlich eine Zusage für ein Praktikum in der Nähe von Pforzheim, in der Personalabteilung eines großen amerikanischen Konzerns, in dem ihre Tante seit vielen Jahren arbeitet. Dort schreibt sie Stellenanzeigen und übersetzt sie ins Englische, sie erarbeitet Stellenprofile, wertet Mitarbeiterbefragungen aus, schreibt Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und auch Absagen. Eine Stelle bietet man ihr nach den zweieinhalb Monaten nicht an, obwohl sie gern geblieben wäre, um Berufserfahrung zu sammeln. „Es war keine Stelle frei, und die Personalleiterin hat mir gesagt, ich sei überqualifiziert, weil die Abteilung sehr klein und sehr operativ war und man wenig konzeptuell arbeiten konnte“, sagt Sabrina.

Dass ihre Behinderung die Ursache für das ausbleibende Stellenangebot gewesen sein könnte, hält sie für ausgeschlossen. „Ich bin in dem Bereich genauso leistungsfähig wie jeder nichtbehinderte Mitarbeiter auch, und ich kann 38,5 Wochenstunden arbeiten und bin so gut wie nie krank.“ Und für Tätigkeiten, die sie anstrengen, gebe es Hilfsmittel, die sie bereits besitzt und mit zur Arbeit bringen kann: Headset, Spezialmaus, elektronischen Locher und Tacker, flache Tastatur.

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