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Mangelhafte Inklusion : Weil das einfach nicht vorgesehen ist

Erst Stiftungen ermöglichen das Gymnasium

Doch alles geht gut, die mittlere Reife macht sie mit einem Durchschnitt von 2,2, danach will sie aufs Gymnasium wechseln. Doch gibt es kein barrierefreies in ihrer Nähe, außer einem privaten, das Schulgeld erhebt. Doch wovon soll sie das bezahlen? Vom Hartz IV der Mutter? Vom Pflegegeld? Vom Kindergeld?

Ruth Vielmayer schreibt 63 Stiftungen in ganz Deutschland an, sechzehn zahlen, zusammen so viel, dass sie das Schulgeld auftreiben können. Nach wie vor hat Sabrina einen Zivildienstleistenden, und weiterhin fährt die Mutter sie in die Schule und kommt in den Pausen, um ihr auf die Toilette zu helfen. „Wenn ich morgen sterben würde, würde das nicht mehr funktionieren“, sagt die Mutter damals. Denn Zivildienstleistende sind nicht für die Körperpflege zuständig und somit auch nicht für den Toilettengang. Dafür müsste jemand von einem Pflegedienst kommen. Kosten laut Pflegetarif: 1200 Euro im Monat.

Das Abitur macht Sabrina mit einem Schnitt von 2,4. Dann will sie studieren. Sie schreibt acht Bewerbungen und bekommt Zusagen von sieben Universitäten. So weit, so gut. Doch dann geht der Behördenkrieg wieder los. „Warum will Ihre Tochter überhaupt studieren?“, will die Sachbearbeiterin im Jobcenter wissen, bevor sie beschließt, Ruth Vielmayer das Wohngeld zu streichen. Denn unter der Woche ist Ruth Vielmayer nun in Studentenwohnheim bei Sabrina in Konstanz, etwa 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. „Aber wenn die Eltern von gesunden Studenten Hartz IV beziehen, nimmt man deren Eltern doch auch nicht das Wohngeld weg“, sagt Sabrina. „Und außerdem hätten wir dann ja auch unsere Möbel einlagern müssen – wer hätte das bezahlt?“

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Ruth Vielmayer ruft in ihrer Verzweiflung den Behindertenbeauftragten des Landtags an. Der sagt: „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Sie Ihre Wohnung behalten können.“ Und er hat Erfolg. Fortan bewohnen Mutter und Tochter die beiden Zimmer im Studentenwohnheim in Konstanz, die sie von Sabrinas Bafög bezahlen. Zum Leben bleibt ihnen das Pflegegeld in Höhe von 430 Euro und das Hartz IV der Mutter. Mit dem Wohngeld, das nun doch nicht gestrichen wird, zahlen sie die Miete für ihre kleine Wohnung im Schwäbischen. Trotzdem sind Mutter und Tochter enttäuscht von den Behörden. „Ich habe noch nie von einer Behörde gehört: Wir sind für Sie da und tun, was uns möglich ist“, sagt Sabrina.

Die Tage an der Uni verbringt Sabrina nun mit Hilfe eines Stabs von fünf jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und sie abwechselnd unterstützen. Doch auch von anderer Seite erfährt sie viel Unterstützung, sie erlebt Professoren und Studenten als sehr offen. „Alle haben sich über eine Studentin im Rollstuhl gefreut. Und ich habe viel Bewunderung bekommen, auch von den Professoren“, erzählt sie.

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