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Führerlosen Wagen gestoppt : „Na gut, dann bin ich eben ein Lebensretter“

Tesla vor VW: Dieses Bild machte Manfred Kick nach seiner Rettungsaktion. Bild: Kick

Manfred Kick sitzt in Bayern für die CSU im Stadtrat, fährt einen Tesla – und ist seit Montag für viele ein Held. Er stoppte mit seinem Auto ein führerloses Fahrzeug auf der Autobahn. Im Interview erzählt er, warum das für ihn nichts ganz Neues war.

          Herr Kick, ein Feuerwehrsprecher hat am Dienstag gesagt, Sie hätten „unglaubliche Courage“ bewiesen und einen „extrem schweren Unfall“ auf der A9 bei München verhindert. Was war da los?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich bin am frühen Montagabend Richtung Nürnberg gefahren, es herrschte dichter Feierabendverkehr. Mir fiel auf, dass viele Autofahrer wütend hupend an einem VW-Passat vorbeifuhren, der auf der linken Spur relativ langsam fuhr. Ich habe mich gewundert, dass der Fahrer keine Warnblinker anmacht, wenn er ein Problem hat. Also bin ich langsam neben ihn gefahren und habe meinen Warnblinker angemacht. Dann sah ich, dass der Fahrer leblos rechts übergebeugt in seinem Sitz hing. Sein Auto fuhr mit etwa 40 Kilometern pro Stunde weiter und schrammte dabei die ganze Zeit an der linken Schutzleitplanke entlang. Mir war klar, dass ich das Auto so schnell wie möglich stoppen musste, um zu verhindern, dass es zu folgenschweren Zusammenstößen mit anderen Autos kommen konnte. Der Mann brauchte schnellstmöglich Erste Hilfe.

          Wie stoppt man ein Auto auf der linken Spur der Autobahn?

          Ich habe zuerst überlegt, ob ich es von der Seite ramme und in die Leitplanke drücke. Aber dann dachte ich, dass man dann weder an die Fahrer- noch an die Beifahrertür kommt. Also entschloss ich mich, mich vor den VW zu setzen, um ihn zu stoppen. Meiner Meinung nach gab es hierzu keine Alternative.

          Manfred Kick

          Wenn in einem Auto noch Gas gegeben wird, hat man dann überhaupt eine Chance, es zu stoppen?

          Das ist kein Problem, selbst kleine Autos haben eine Bremswirkung von 800 bis 900 PS. Selbst wenn ein Auto Vollgas gibt, kann man es ausbremsen. Viel schwieriger ist es dagegen, ein bremsendes Auto anzuschieben.

          Das klingt irgendwie alles, als kennen Sie sich bei dem Thema aus.

          Das stimmt. Meine Firma baut Leitplanken für Testzwecke auf. Da werden dann Autos ferngesteuert reingelenkt. Wir haben auch schon Autos konzipiert, die andere Wagen anschieben. Ich kenne mich also tatsächlich etwas aus und habe ein Gefühl dafür, was passiert, wenn ein Auto auf eine Leitplanke trifft. Man glaubt kaum, was Leitplanken aushalten.

          Wie haben Sie dieses Wissen am Dienstag genutzt?

          Ich bin vor den VW gefahren und habe meine Geschwindigkeit langsam reduziert. Dabei habe ich aber darauf geachtet, dass es einen leichten Rums gibt, damit die Crash-Sensoren reagieren. Sonst kann es sein, dass die Türen verriegelt bleiben, dann hätte ich noch die Scheibe einschlagen müssen. Ich habe den Wagen zum Stehen gebracht, bin zur Beifahrertür gegangen, die sich auch tatsächlich öffnen ließ. Ich habe die Handbremse eingelegt, den Motor ausgeschaltet und Erste Hilfe geleistet.

          Der Schaden am Tesla hält sich in Grenzen. Und wegen eines sogenannten „Aufopferungsfalls“ übernimmt ihn wohl die Versicherung des VWs.

          Was war auf der Straße los, das Ganze spielte sich ja auf der linken Spur ab?

          Eine Frau, die das Ganze auch beobachtet hatte und anhielt, kam hinzu. Ich wies sie an, nicht nur den Rettungswagen anzufordern, sondern auch den Notarzt zu rufen, da der Patient nicht mehr ansprechbar war, Schleim aus dem Mund kam und er sehr schwer atmete. Dann hielten zwei Männer an, die habe ich angewiesen, die Unfallstelle mit ihrem Auto und einem Warndreieck nach hinten abzusichern.

          Auch das klingt erstaunlich professionell.

          Ich habe erst kürzlich meinen Rettungstaucherschein mit einem sehr guten Lebensretter-Kurs gemacht. Es war, als würde ein Film ablaufen. Ich habe mich um die Erstversorgung gekümmert, den Puls gefühlt, probiert, ihn anzusprechen, brachte seinen Sitz in eine Liegeposition, schaute, dass sein Kopf leicht überstreckt war und er atmen konnte. Der Fahrer kam etwas zu sich und hielt sich seinen Brustkorb, war aber nicht ansprechbar. Als der Notarzt ankam, ließ ich das Fahrerfenster herunter, damit sich ein Arzt durch die Seitenscheibe um ihn kümmern konnte. Dem zweiten Arzt machte ich dann den Beifahrersitz frei.

          Würden Sie ihn gerne noch mal treffen?

          Wegen mir muss das nicht sein. Aber wenn er das gerne hätte, kann man das bestimmt machen. Er soll sich erst mal erholen. Er hatte wohl einen Kreislaufkollaps und ist auf dem Weg der Besserung. Hoffentlich ist er bald wieder auf den Beinen.

          Wie fühlt man sich als Lebensretter?

          Ich war kein Lebensretter. (Im Hintergrund ruft seine Frau: „Doch, das warst du!“) Na gut, dann bin ich eben ein Lebensretter.

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