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Mafiosi bauen Gemüse an : Die sichersten Bio-Tomaten der Welt

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Die Gärtner sind hier oft die Mörder: Zu lebenslangen Haftstrafen verurteilte Mafiosi bauen in einem Gefängnis in Neapel Bio-Gemüse an. Bild: Timo Jaworr

Sie haben gemordet, erpresst, mit Drogen gehandelt. Heute sitzen die Mafiosi lebenslang in einer Haftanstalt in Neapel mit einer neuen Aufgabe: Sie züchten Bio-Gemüse. Im Gefängnisgarten.

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          Eines Tages, hofft Concetto B., wird Gott allen vergeben. Mitten in der Nacht nimmt er sich eine Pause vom Schlaf, nur eine halbe Stunde, länger braucht er nicht. Er holt das Gebetbuch, das ihm ein Priester geliehen hat, setzt sich auf das Bett, hält einen Gottesdienst nur für sich, kurz vor zwei Uhr. Zwei Jesusbilder hängen an der Wand. Concetto versucht, wie jede Nacht, so still wie möglich zu bleiben, um die Nachbarn nicht zu wecken, legt sich schließlich wieder hin, schläft. Um sieben Uhr steht er auf, wäscht sich, dann wartet er und wird unruhig, wenn der Mann, der ihn um 8.30 Uhr abholen soll, nicht pünktlich erscheint.

          Endlich läuft er mit seinen Nachbarn die Treppen hinunter. Der Weg führt durch eine Kapelle hinaus auf den Hof, vorbei an Lavendelsträuchern und Olivenbäumen. Concetto taucht in die tropische Wärme eines Gewächshauses, schlüpft in gelbe Stiefel, die Sonne prallt, eine Espressomaschine gurgelt. Er tritt wieder ins Freie, lehnt sich von außen an ein Fenster der Kapelle, den Trauring am linken Ringfinger, die Augen auf die Pflanzen vor ihm geheftet, auf Chilischoten und grüne Bohnen. „Im Garten geht es mir gut, hier komme ich zur Ruhe.“

          Concetto ist Häftling im Gefängnis von Secondigliano, einem Viertel in der nördlichen Peripherie von Neapel, das mit hoher Arbeitslosigkeit und den kriminellen Machenschaften der Camorra zu kämpfen hat. Er arbeitet mit fünf weiteren Insassen im Gefängnisgarten, Montag bis Samstag, 8.30 bis 11 Uhr, dann noch eine Stunde, manchmal anderthalb nach der Mittagspause, trotz der Hitze. Gärtner und Pflanzen haben sich dem Gefängnisrhythmus zu beugen.

          Gemüse mit sehnsuchtsvollen Namen

          Seit drei Jahren kultivieren und ernten sie saisonales Gemüse nach Bioregeln, darunter lokale Sorten und solche, die sich die Gefangenen wünschten, weil sie nach Heimat schmecken. Concetto wollte unbedingt weiße Zucchini, typisch Sizilien. Viele Namen der Gemüsesorten haben einen sehnsuchtsvollen Klang: Tunis-Auberginen, Tropea-Zwiebeln, Vesuv-Tomaten.

          Der Vulkan ist weniger als zwanzig Kilometer von hier entfernt, tagsüber sieht man ihn gut von Secondigliano aus, für Concetto dagegen bleibt er verborgen hinter einer Mauer, von der niemand so recht weiß, wie hoch sie ist: fünf Meter, sagt ein Beamter, acht, ein anderer. Hellgrau ist sie jedenfalls, wie die asphaltierten Wege und Gebäude, die den Garten rahmen, der eigentlich gar kein zusammenhängender Garten ist, sondern ein Puzzle aus Parzellen, insgesamt einen Hektar groß.

          Die Gärtner stammen aus Sizilien, Kalabrien, Apulien. Sie waren Bosse oder wichtige Mitglieder verschiedener Mafia-Organisationen, wurden zu lebenslangen Haftstrafen wegen Mordes und Zugehörigkeit zur Mafia verurteilt. Früher waren sie unter den Bestimmungen des Gesetzes „41 bis“ für besonders harte Fälle inhaftiert: Einzelhaft, Hofgang allein, Gespräche mit Angehörigen nur hinter einer Glaswand. Erst in den vergangenen Jahren wurde der Strafvollzug gelockert, aber in ihren Akten steht immer noch: „Fine pena mai“, Ende der Strafe: nie.

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