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Madonna wird 60 : Aus einer Stadt, die übel riecht

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Madonna 2018 in Berlin: In den deutschen Charts plazierte Madonna ganze 62 Songs und zwölf Nummer-eins-Alben. Bild: ddp

Madonna ist die wohl erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Dennoch wird sie von ihrer Geburtsstadt Bay City missachtet. Das wird sich auch an ihrem 60. Geburtstag am Donnerstag nicht ändern.

          Madonnas letzter Besuch in ihrer Geburtsstadt Bay City liegt schon eine Weile zurück. „Das muss im Frühjahr 2011 gewesen sein, bei der Beisetzung ihrer Großmutter Elsie Fortin. Madonna hat aus den Besuchen hier immer ein Geheimnis gemacht“, sagt der Musikhistoriker Gary Johnson, der wie sie in der Industriestadt am Huronsee in Michigan aufwuchs. Der Drang der Popsängerin, die Aufenthalte in Bay City geheim zu halten, hat nicht nur mit ihrer Prominenz zu tun.

          Trotz Grammys, Golden Globes und mehr als 300 Millionen verkauften Tonträgern gilt die Künstlerin in ihrer Geburtsstadt als Persona non grata. An der Stadtgrenze grüßt kein Schild mit der Aufschrift „Birthplace of Madonna“, vor dem Rathaus steht keine Skulptur der berühmtesten Tochter von Bay City. „Die Stadt zeigt ihr die kalte Schulter“, sagt Johnson. Die Gründe dafür sind schnell genannt: „Unser früherer Bürgermeister Timothy Sullivan, der Schlüssel zur Stadt und ein paar Nacktfotos.“

          Johnsons Recherchen über das gespannte Verhältnis zwischen Bay City und der „Queen of Pop“ begannen vor fast 15 Jahren. Damals gründete der frühere Lehrer die „Michigan Rock and Roll Legends Internet Hall of Fame“, kurz MRRL, um Künstler und Musikströmungen des von der Automobilindustrie geprägten Great Lakes State zu würdigen. Als auch Madonna aufgenommen wurde, wuchs Johnsons Neugier. „Ich fragte mich, was da vorgefallen war. Was veranlasste die Stadtväter, die erfolgreichste Musikerin aller Zeiten zu ignorieren und auf Millioneneinnahmen durch Besucher zu verzichten?“

          Bilderstrecke

          Elvis’ Geburtsstadt Tupelo zieht mit Memorabilien des „King of Rock ’n’ Roll“ jedes Jahr Zehntausende Fans nach Mississippi. Als Michael Jackson vor neun Jahren starb, kamen Tausende nach Indiana, um vor dem schlichten Holzhaus seiner Familie in der Industriestadt Gary Blumen niederzulegen. Auch Michigan versteht es, aus Prominenz Kapital zu schlagen. In Saginaw, etwa 20 Kilometer entfernt von Madonnas Geburtsstadt Bay City, besannen sich die Stadtväter vor einigen Jahren auf Stevland Hardaway Judkins, also Stevie Wonder. Zu Ehren ihres wohl berühmtesten Sohns veranstaltet die Stadt jedes Jahr das „Wonderfest“ – obwohl der Namensgeber, der schon als Vierjähriger mit seiner Familie nach Detroit übersiedelte, der Heimat seit Jahrzehnten fernbleibt.

          Madonna fühlt sich Bay City dagegen bis heute verbunden. Während eines Sommerurlaubs ihrer Eltern Madonna und Silvio „Tony“ Ciccone kam sie am 16.August 1958 in der heute knapp 33000 Einwohner großen Stadt, der Heimat ihrer Mutter, zur Welt. Als ihre Mutter fünf Jahre später an Brustkrebs starb, zog es Madonna und ihre fünf Geschwister immer wieder zu ihrer Großmutter Elsie Fortin an der Smith Street. Nach dem Besuch katholischer Schulen in Vororten von Detroit und ein paar Semestern an der Universität von Michigan buchte die Zwanzigjährige schließlich ein Flugticket nach New York. Sie trat an kleinen Tanztheatern auf, verdiente Geld als Background-Sängerin und gründete die Rockband Breakfast Club. Zwischendurch kam sie immer wieder nach Bay City, um ihre Großmutter sowie Onkel und Tanten zu besuchen.

          Provokante Stilikone

          Nach einem Vertrag mit dem Label Sire Records brachte Madonna im Herbst 1982 dann ihre erste Solo-Single „Everybody“ heraus. Der Rest ist Musikgeschichte. Im Sommer 1983 erschien „Madonna“, ihr erstes Album, im Herbst 1984 das zweite Album „Like A Virgin“, begleitet von einem Musikvideo mit Stripperposen und Kruzifixen. Für Millionen Mädchen wurde Madonna zur Stilikone. Ihre Outfits aus Röcken über Capri-Hosen zu Haarbändern und rot geschminkten Lippen wurden in aller Welt kopiert.

          Nach der erster Hauptrolle in der Komödie „Susan... verzweifelt gesucht“ im Frühjahr 1985 erinnerte sich auch Bay City an die Tochter der Stadt. „Bürgermeister Sullivan kam plötzlich die Idee, sie mit dem Schlüssel der Stadt zu ehren“, sagt Johnson. Während der Rathauschef des konservativen katholischen Ortes die Übergabe des goldenen Symbols der Verbundenheit plante, erreichte ihn allerdings die Nachricht von Nacktfotos aus Madonnas Jugend. „Die Stadtväter waren schockiert. Die Fotos stammten aus der Zeit, bevor sie berühmt wurde.

          Ein Fotograf hatte sie damals in New York aufgenommen und verkaufte sie später an ,Playboy‘ und ,Penthouse‘“, erinnert sich der Historiker. Bürgermeister Sullivan meinte, Bay City vor Madonna schützen zu müssen. Er zog das Angebot, ihr den Schlüssel der Stadt zu übergeben, kurzerhand zurück. „Kein Schlüssel für Madonna. Er repräsentiert die Bürger unserer Stadt. Es wäre geschmacklos, ihr unter diesen Umständen den Schlüssel zu überreichen“, sagte der Politiker der „Bay City Times“ damals.

          Vorwurf „Pornografie“

          Die moralische Keule des inzwischen verstorbenen Bürgermeisters empört Johnson bis heute. „Sullivan spielte sich als Sittenwächter auf, verwies darauf, dass er den Stadtschlüssel zuvor einer Nonne der Kirchengemeinde St. Stanislaus verliehen hatte, und wetterte gegen Pornografie. Allein das Wort Pornografie in einem Atemzug mit Madonna hielt viele davon ab, sich für sie einzusetzen.“

          Als der „Playboy“ im Juli 1985 die ersten Nacktbilder veröffentlichte, entpuppte sich die zur Schau getragene Empörung der Stadtväter als übertrieben. Madonna war kaum zu erkennen, die Fotos eher erotisch als anzüglich. „Für Sullivan lohnte sich die Geschichte trotzdem. Bei den Bürgermeisterwahlen einige Monate später schlug er seinen Mitbewerber Patrick Ryon um Längen“, sagt Johnson. Madonna, die einige Wochen nach dem Foto-Skandal an ihrem 27. Geburtstag den Schauspieler Sean Penn heiratete, ließ durch ihre Sprecherin Liz Rosenberg mitteilen, nie ein Hehl aus ihrer Arbeit als Nacktmodell gemacht zu haben.

          „Eine übelriechende Stadt in Michigans Norden“

          Dr. J, wie Madonnas Fürsprecher Johnson unter Michigans Musikern heißt, macht auch die Medien für die Verbannung der Sängerin aus den Annalen von Bay City verantwortlich. Bei einem Fernsehinterview hatte sie im Jahr 1987 auf die Frage der Moderatorin Jane Pauley geantwortet, sie stamme aus einer „übelriechenden Stadt in Michigans Norden“. Obwohl sie den Gestank im nächsten Satz der chemischen Industrie zuschrieb und auf Pauleys Nachfrage beteuerte, sich Bay City verbunden zu fühlen, brach ein Sturm der Entrüstung los. „Wenige Stunden nach dem Interview veröffentlichte die Lokalzeitung auf der Titelseite einen Kommentar mit der Überschrift ,Das ist herzlos, Madonna‘“, berichtet Johnson. „Der anonyme Autor interpretierte Madonnas ,smelly city‘-Satz als Racheakt für den nicht überreichten Stadtschlüssel. Völliger Unsinn!“

          Vorsichtige Versuche mehrerer folgender Bürgermeister, sich mit der Künstlerin zu versöhnen, scheiterten. Auch Kathleen Newsham, die jetzige Bürgermeisterin von Bay City, hält sich mit dem Olivenzweig zurück. „Sie hat signalisiert, dass sie nicht den ersten Schritt tut“, sagt Johnson. Selbst Madonnas Engagement für Aids-Forschung, Schulen in Malawi und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) brachte keine Pluspunkte. Auch das Leben als alleinerziehende Mutter des biologischen Nachwuchses Lourdes und Rocco sowie die Adoption von vier malawischen Kindern, David Banda, Mercy James und den Zwillingsmädchen Esther und Stella, öffnete am Huronsee keine Herzen.

          „Die Menschen hier sind eben sehr konservativ, manchmal schon hardcore“, sagt Johnson. „Bei der Wahl 2016 hat Donald Trump in Bay City mehr Stimmen bekommen als Hillary Clinton.“

          Wie erwartet, muss Madonna auch an ihrem 60. Geburtstag an diesem Donnerstag auf offizielle Glückwünsche aus der Heimat verzichten. „Es ist einfach traurig“, sagt Johnson. Vor einigen Tagen hat er auf der Facebook-Seite von Bay City aber einen ersten Hinweis auf mögliches Tauwetter entdeckt. „Ein Bewohner erwähnte ihren Geburtstag, und ich erwartete schon die üblichen Madonna-Verrisse. Es kamen aber fast ausschließlich positive Kommentare. Vielleicht ist die Beziehung der Stadt zu Madonna doch noch zu retten?“

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