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Madonna wird 60 : Aus einer Stadt, die übel riecht

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Ein Fotograf hatte sie damals in New York aufgenommen und verkaufte sie später an ,Playboy‘ und ,Penthouse‘“, erinnert sich der Historiker. Bürgermeister Sullivan meinte, Bay City vor Madonna schützen zu müssen. Er zog das Angebot, ihr den Schlüssel der Stadt zu übergeben, kurzerhand zurück. „Kein Schlüssel für Madonna. Er repräsentiert die Bürger unserer Stadt. Es wäre geschmacklos, ihr unter diesen Umständen den Schlüssel zu überreichen“, sagte der Politiker der „Bay City Times“ damals.

Vorwurf „Pornografie“

Die moralische Keule des inzwischen verstorbenen Bürgermeisters empört Johnson bis heute. „Sullivan spielte sich als Sittenwächter auf, verwies darauf, dass er den Stadtschlüssel zuvor einer Nonne der Kirchengemeinde St. Stanislaus verliehen hatte, und wetterte gegen Pornografie. Allein das Wort Pornografie in einem Atemzug mit Madonna hielt viele davon ab, sich für sie einzusetzen.“

Als der „Playboy“ im Juli 1985 die ersten Nacktbilder veröffentlichte, entpuppte sich die zur Schau getragene Empörung der Stadtväter als übertrieben. Madonna war kaum zu erkennen, die Fotos eher erotisch als anzüglich. „Für Sullivan lohnte sich die Geschichte trotzdem. Bei den Bürgermeisterwahlen einige Monate später schlug er seinen Mitbewerber Patrick Ryon um Längen“, sagt Johnson. Madonna, die einige Wochen nach dem Foto-Skandal an ihrem 27. Geburtstag den Schauspieler Sean Penn heiratete, ließ durch ihre Sprecherin Liz Rosenberg mitteilen, nie ein Hehl aus ihrer Arbeit als Nacktmodell gemacht zu haben.

„Eine übelriechende Stadt in Michigans Norden“

Dr. J, wie Madonnas Fürsprecher Johnson unter Michigans Musikern heißt, macht auch die Medien für die Verbannung der Sängerin aus den Annalen von Bay City verantwortlich. Bei einem Fernsehinterview hatte sie im Jahr 1987 auf die Frage der Moderatorin Jane Pauley geantwortet, sie stamme aus einer „übelriechenden Stadt in Michigans Norden“. Obwohl sie den Gestank im nächsten Satz der chemischen Industrie zuschrieb und auf Pauleys Nachfrage beteuerte, sich Bay City verbunden zu fühlen, brach ein Sturm der Entrüstung los. „Wenige Stunden nach dem Interview veröffentlichte die Lokalzeitung auf der Titelseite einen Kommentar mit der Überschrift ,Das ist herzlos, Madonna‘“, berichtet Johnson. „Der anonyme Autor interpretierte Madonnas ,smelly city‘-Satz als Racheakt für den nicht überreichten Stadtschlüssel. Völliger Unsinn!“

Vorsichtige Versuche mehrerer folgender Bürgermeister, sich mit der Künstlerin zu versöhnen, scheiterten. Auch Kathleen Newsham, die jetzige Bürgermeisterin von Bay City, hält sich mit dem Olivenzweig zurück. „Sie hat signalisiert, dass sie nicht den ersten Schritt tut“, sagt Johnson. Selbst Madonnas Engagement für Aids-Forschung, Schulen in Malawi und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) brachte keine Pluspunkte. Auch das Leben als alleinerziehende Mutter des biologischen Nachwuchses Lourdes und Rocco sowie die Adoption von vier malawischen Kindern, David Banda, Mercy James und den Zwillingsmädchen Esther und Stella, öffnete am Huronsee keine Herzen.

„Die Menschen hier sind eben sehr konservativ, manchmal schon hardcore“, sagt Johnson. „Bei der Wahl 2016 hat Donald Trump in Bay City mehr Stimmen bekommen als Hillary Clinton.“

Wie erwartet, muss Madonna auch an ihrem 60. Geburtstag an diesem Donnerstag auf offizielle Glückwünsche aus der Heimat verzichten. „Es ist einfach traurig“, sagt Johnson. Vor einigen Tagen hat er auf der Facebook-Seite von Bay City aber einen ersten Hinweis auf mögliches Tauwetter entdeckt. „Ein Bewohner erwähnte ihren Geburtstag, und ich erwartete schon die üblichen Madonna-Verrisse. Es kamen aber fast ausschließlich positive Kommentare. Vielleicht ist die Beziehung der Stadt zu Madonna doch noch zu retten?“

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