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Luca Tonis Kirchensteuer : Gott muss nichts kosten

Jetzt mal schön die Kirche im Dorf lassen – und nicht ans Konto: Luca Toni Bild: dpa

Weil er sich von seinen Steuerberatern im Stich gelassen fühlt, forderte Luca Toni von ihnen Kirchensteuer in Millionenhöhe zurück. Hätten sie ihn über die Steuer aufgeklärt, wäre er aus der Kirche ausgetreten, sagt der Fußballer – das Gericht gibt ihm Recht.

          Kruzifix noch amol! Oder vielmehr glei goa ned. Nicht etwa ein Kreuzchen trug die Sekretärin der Geschäftsstelle des FC Bayern München in den Meldebogen von Luca Toni ein, der im Mai 2007 in die Dienste des Vereins trat. Dort, wo die Religionszugehörigkeit des Neu-Münchners anzugeben war, zog sie einen schnöden Querstrich, der kaum als halbes Kreuz durchgehen kann. Ob deshalb einer ihrer Chefs hinter verschlossener Vorstandstür drei Kreuze machte, konnte auch in zwei Instanzen eines Prozesses nicht geklärt werden, den jetzt das Oberlandesgericht München mit einem Urteil zugunsten Tonis beendet hat.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Jedenfalls kam es für den Verein günstig, dass er überraschenderweise in Person des aus Pavullo nel Fignano bei Modena (Schutzpatron: der Apostel Bartholomäus) gebürtigen Stürmers einen anscheinend konfessionslosen Profi ins katholische München geholt hatte. Tonis Vertrag sah Nettovergütungen vor; der Club zahlte die Steuern und konnte sich die Kirchensteuer sparen. Vielleicht hatte die Sekretärin es ja falsch verstanden, dass Toni sich nach einem Torerfolg nicht bekreuzigt, und die berühmte Schraubbewegung, die er stattdessen am rechten Ohr vollführt, als Geste des geheimen Trotzes gegenüber dem Herrgott gedeutet, wie sie dem Erzketzer Giordano Bruno hätte gefallen können. Tonis Steuerberater kam nicht auf die Idee, dass ein Liebling des Fußballgottes aus dem System des deutschen Religionsgruppenrechts herausfallen könnte, und trug in einen Steuerfragebogen „r.-k.“ für römisch-katholisch ein.

          So wurde eine Nachzahlung von 1,5 Millionen Euro plus 200000 Euro Säumniszuschlag fällig. Toni konnte sie nicht auf den Verein abwälzen, den er bei der Rückkehr nach Italien 2010 von allen Forderungen freigestellt hatte. Er verklagte den Berater wegen schlechter Beratung. Vor Gericht erklärte er: „Hätte ich gewusst, wie teuer es ist, hier Katholik zu sein, wäre ich sofort ausgetreten.“ Dieses Argument hat das OLG jetzt akzeptiert. Der Steuerberater muss den größten Teil der Steuerschuld begleichen, knapp 1,25 Millionen Euro. Tonis Restschuld von rund 500000 Euro ist geringer als der Anteil, den ein von den Parteien verworfener Vergleichsvorschlag des Gerichts für ihn vorgesehen hatte. Damals hätte auch der FC Bayern zahlen sollen.

          Das Urteil könnte der deutschen Kirchensteuerdebatte einen neuen Dreh geben. Hartnäckig versuchen einige sehr fromme Katholiken durchzusetzen, trotz Austritt aus der fiskalischen Organisationseinheit weiter als Kirchenmitglieder geführt zu werden. Ihrer oft als fanatisch wahrgenommenen Kampagne bietet sich Luca Toni als Sympathieträger an. Aus ihm spricht die von Natur aus christliche Seele: „Wenn jemand an Gott glaubt, dann muss er nicht die Kirche bezahlen.“ Für den begnadeten Abstauber ist auch der Glaube ein Geschenk.

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