https://www.faz.net/-gum-9sfco

Lotte Tobisch ist tot : Eine Grande Dame wider Willen ist gestorben

Lotte Tobisch mit Robert Hysek, bei Übungen für den Opernball. Bild: akg-images / Imagno

Die Opernball-Grande-Dame und Burgschauspielerin Lotte Tobisch ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Die beliebte Wienerin leitete 15 Jahre Jahre den Wiener Opernball – Österreich verneigt sich.

          1 Min.

          Grande Dame wollte Lotte Tobisch nicht gern genannt werden. Aber wenn man diesen klischeebehafteten Begriff überhaupt gelten lassen möchte, dann war sie es natürlich, und zwar nicht nur die des Opernballs, sondern man möchte fast sagen Österreichs. Nicht von ungefähr „verneigten“ sich, als die Nachricht vom Tod „der Tobisch“ bekannt wurde, die Repräsentanten des Staats vom Bundespräsidenten abwärts, Politiker von links bis rechts, überhaupt alles, was Rang und Namen hat. Der ORF änderte sein Programm.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Lotte Tobisch war eine „Tochter aus gutem Hause“, wie man noch sagte, als es mit dem Adel von Gesetzes wegen vorbei war. Gegen den Willen ihrer Familie ging sie auf die Bühne, immerhin gleich das Burgtheater. Erst recht gegen den Willen der Familie ging sie eine Liaison mit einem wesentlich älteren Mann ein, Erhard Buschbeck.

          Das waren „die schönsten Jahre meines Lebens“, wie sie einmal in einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte. Sie war eigenwillig, dabei aber nicht leichtfertig, weder sich selbst gegenüber noch anderen. Was sie machte, machte sie ernsthaft und tüchtig. So gewann sie das Vertrauen der Größen der Wiener Gesellschaft, der Politik, auch des Geistes. Theodor Adorno war sie eine Muse, ohne ihm als Geliebte zu Willen zu sein. Bei Bruno Kreisky ging sie ein und aus und schenkte ihm einen Albino-Boxer, „ein Hund wie ein Meerschweinderl“.

          Projektionsfläche der Illusionen

          Von 1981 bis 1996 leitete sie den Opernball, 15 Jahre, in denen sich die Wiener Welt um sie, die selbst gar nicht gern tanzte, im Dreivierteltakt drehte. Es war auch die Zeit, in der der Opernball von Linken, zunehmend aus ganz Europa, zu einem Kristallisationspunkt protestierender Selbstvergewisserung gemacht wurde. Tobisch trat dem ohne Furor entgegen: „Gegen den Opernball zu sein ist lächerlich, da kann man auch gegen Cremeschnitten sein.“

          Für sie war der Opernball im Grunde ein großes Theater, eine Projektionsfläche der Illusion. Und wenn Millionäre dabei viel Geld für eine Loge ausgeben wollen, sollen sie doch! Der Opernball ist ein Wirtschaftsfaktor, aber er hat einen karitativen Kern. Insofern war es ganz konsequent, dass Tobisch sich nach ihrem Rückzug für soziale Projekte engagierte, zuvörderst für „Künstler helfen Künstlern“ in Baden.

          „Das ist ein schöner Kontrapunkt: Am Opernball habe ich die Debütantinnen glücklich gemacht, jetzt bin ich für die Alten da und bin doch selbst eine. Ich weiß alle Kümmernisse und kann alles nachfühlen.“ Am Samstag ist Lotte Tobisch im Alter von 93 Jahren in Baden bei Wien gestorben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.