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Lokomotivführer : Schadenersatz nach Suizid?

Ein Mann hatte sich 2013 vor einen Zug geworfen und damit Suizid begangen. Nun fordert der Lokführer Schadenersatz (Symbolbild) Bild: dpa

Nach dem Suizid eines Mannes, der sich vor einen fahrenden Zug geworfen hat, fordert der Lokführer Schadenersatz. Er könne seinen Beruf nicht mehr ausüben und habe einen „psychischen Schock“ erlitten.

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          Am 28. November 2013 stürzte um die Mittagszeit ein Mann im Bahnhof des oberbayerischen Ortes Freising auf die Gleise. Er wurde von einem einfahrenden Regionalzug erfasst und tödlich verletzt – der Mann hatte sich offenbar in suizidaler Absicht vor den Zug geworfen. Der heute 42 Jahre alte Lokomotivführer des Zuges war nach dem Unglück mehrmals krankgeschrieben. Danach versuchte man, ihn wieder in seinen Arbeitsplatz einzugliedern, es kam jedoch zu weiteren Beinahe-Unfällen. Die Wiedereingliederung gelang somit nicht, und der Arbeitgeber des Lokführers kündigte das Arbeitsverhältnis zum 31. Januar 2017.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Lokführer hatte nach Angaben des Oberlandesgerichts München schon im November 2016 von der Haftpflichtversicherung des Verstorbenen gefordert, den ihm entstandenen Schaden zu begleichen. Er gab an, dass er seinen Beruf als Lokführer nicht mehr ausüben könne, da er durch den Unfall einen „psychischen Schock“ erlitten habe. Doch die Versicherung lehnte eine Begleichung des Schadens ab. Der Lokführer klagte daraufhin vor dem Landgericht Landshut auf Schadenersatz. Er sei durch das Erlebte derart traumatisiert, dass er nie wieder als Lokführer arbeiten könne. Auch sei nicht zu erwarten, dass er eine Tätigkeit mit einem ähnlich hohen Verdienst werde ausüben können.

          Auf Grundlage seiner erlittenen Schäden und des Unfallhergangs hat der Kläger ein Schmerzensgeld in Höhe von 10000 Euro veranschlagt. Er macht zudem finanzielle Schäden in Höhe von insgesamt 27000 Euro geltend. Darüber hinaus fordert er, dass ihm bis zum Renteneintritt – er ist Jahrgang 1977 – finanzielle Einbußen ersetzt werden. Zu diesen Einbußen in Höhe von 700 Euro je Monat kommt es nach seinen Angaben, weil er nicht mehr als Lokführer arbeiten kann. Der Streitwert des Verfahrens liegt somit insgesamt bei 187000 Euro. Die Versicherung vertritt hingegen die Ansicht, dass sie wegen „vorsätzlicher Schadenszufügung durch ihren Versicherungsnehmer“ keine Leistungen zu erbringen habe.

          Im Mai 2018 sah das Landgericht Landshut in seiner Entscheidung die Klage als unbegründet an. Es bestehe kein direkter Anspruch gegen die Versicherung nach Paragraph 115 des Versicherungsvertragsgesetzes. Bei der privaten Haftpflichtversicherung handelt es sich demzufolge nicht um eine Pflichtversicherung, deren Sinn neben dem Schutz des Versicherungsnehmers auch der Schutz des Geschädigten sei. Die private Haftpflichtversicherung diene als „freiwillige“ Versicherung nur dem „Schutz und Interesse“ des Versicherungsnehmers.

          Gegen diese Entscheidung des Landgerichts legte der Kläger Berufung zum Oberlandesgericht München ein. Am Mittwoch wurde nun ein „widerruflicher Vergleich“ geschlossen: Die Versicherung soll 70.000 Euro an den Lokführer zahlen. Beide Parteien haben zwei Wochen Zeit darüber nachzudenken, ob sie es dabei belassen wollen. (Aktenzeichen 20 U2088/18)


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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