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Militärausbildung für Bürger : Wie Litauer ihr Land verteidigen wollen

  • -Aktualisiert am

Verteidigungsbereit: Alina Sinicė und ihr Mann Vaidas sind Mitglieder der Litauischen Schützenunion. Bild: privat

Seitdem Russland die Ukraine überfallen hat, treten immer mehr Litauer einer paramilitärischen Organisation bei. Der Litauer Schützenbund bildet seit mehr als 100 Jahren Zivilisten für den Einsatz aus.

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          Geht es um die Verteidigung ihres Landes, hat Smiltė Juraitė eine eingängige Metapher ge­funden. „Selbst eine Wimper im Auge, wie klein und dünn sie auch sein mag, kann einen Menschen in den Wahnsinn treiben“, sagt die Schützin. „Jeder von uns ist eine kleine Wimper, aber wenn wir ins Auge eines bösen Feindes gelangen, können wir vielleicht etwas bewirken.“

          Juraitė ist Mitglied der „Lietuvos Šaulių Sąjunga“. Die 1919 gegründete Litauische Schützenunion ist eine staatlich unterstützte, freiwillige paramilitärische Organisation, die Zivilisten militärisch ausbildet. Der 24. Februar 2022 markierte eine neue Ära, auch für die baltischen Staaten. Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stellten sich viele Litauer die Frage, wie sie zur Sicherheit ihres Landes beitragen können – und entschieden sich, der Schützenunion beizutreten.

          Ende 2021 zählte die Union mehr als 10.000 Mitglieder. Normalerweise treten jährlich 500 bis 600 Personen in die Union ein. In den vergangenen acht Mo­naten kamen mehr als 4000 Mitglieder hinzu. Nur etwas mehr als die Hälfte der rund 14.000 Mitglieder sind älter als 18 Jahre, ein Drittel sind Frauen. Nicht jedes Mitglied ist ein Kampfschütze, man­che etwa engagieren sich im sportlichen oder kulturellen Bereich.

          Juraitė hat ihren Antrag auf Mitgliedschaft schon vor dem 24. Februar ge­stellt. Zufälligerweise trug sie ihre Uniform zum ersten Mal genau am Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine. „Ich fühlte unendliche Aufregung und eine große Verantwortung. Das war ein Ge­fühl, das ich noch nie zuvor empfunden habe“, sagt sie. Beigetreten ist sie wegen ihrer familiären Vergangenheit. Die Sowjetunion besetzte Litauen am 15. Juni 1940, inhaftierte und deportierte rund 280 000 litauische Bürger. Unter ihnen waren auch Juraitės Großvater und die Eltern ihres Mannes.

          Nicht bloß Floskeln

          Juraitė ist überzeugt, dass man mit der Schützenunion am besten die Verteidigungs- und Widerstandskraft des Landes stärken könne. Der Verband fördere das Einheitsgefühl der Nation und bringe die Zivilgesellschaft zusammen. Für Juraitė sind das nicht bloß Floskeln. Sie möchte ihren Kindern ein Vorbild sein, damit sie nie die Frage stellten, was Litauen ihnen „gegeben“ habe. Sie sollen fragen: „Wie kann ich meinem Land nützlich sein?“

          Eine der neuen Frauen in der Union ist Alina Sinicė. Am Tag des Einmarschs der Russen in die Ukraine besuchte sie gerade ge­meinsam mit ihrem Sohn eine Buchmesse in Vilnius. Dort kam sie ins Gespräch mit Mitgliedern der Union. „Der Krieg hat mich ins Grübeln gebracht, ob ich im Ernstfall in der Lage sein würde, richtig zu reagieren und für Familien und Nachbarn zu sorgen“, sagt Sinicė.

          Und sie habe erkannt, dass ihr das nötige Wissen und die Fähigkeiten dafür fehlten. Noch am selben Tag beschloss sie beizutreten. Sie will an Bildungsprogrammen mitwirken und Kindern in Schulen und Kindergärten die Bedeutung der Union vermitteln.

          „Es ist wichtig, besser zu werden, an­deren zu helfen, sich gegenseitig zu inspirieren und eine neue Generation heran­zuziehen, die ihr Land liebt“, sagt Sinicė. „Das sehe ich beim ukrainischen Volk. Ich denke, es zeigt auch, wie stark unsere Nation ist.“ Ihr Mann Vaidas ist ihrem Beispiel gefolgt und ebenfalls beigetreten.

          „Wir ­können nicht vor den Gefahren weglaufen“

          Die Litauische Schützenunion bildet ihre Mitglieder für den bewaffneten und gewaltfreien zivilen Widerstand aus, um die öffentliche Sicherheit zu gewähr­leisten und die Unabhängigkeit und In­tegrität Litauens zu verteidigen. Im Falle eines Angriffs würde die Union die li­tauischen Streitkräfte mit Kampfeinheiten unterstützen und beim Schutz der kritischen Infrastruktur helfen. Die Mitglieder zahlen nur einen geringen jährlichen Beitrag von rund zwölf Euro, müssen aber für Anschaffungen wie etwa ihre Uniform aufkommen.

          Wer schon vor dem 24. Februar zur Union gestoßen ist, dessen Rollenwahrnehmung hat sich seither verändert. Die Schützin Emilė Balodytė etwa spürt nun stärker die Bedeutung ihrer Mission und die Notwendigkeit, den von ihr eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Russland habe bewiesen, dass seine imperialistischen Ambitionen nicht verschwunden seien. Die Gefahren seien real. „Wir ­können nicht vor ihnen weglaufen oder versuchen, sie zu ignorieren.“ Die Mitglieder lernten praktische Dinge, „aber Gott bewahre, dass wir sie jemals anwenden müssen“, sagt Balodytė.

          Seit der Gründung haben Frauen eine wichtige Rolle im Litauischen Schützenbund gespielt. Früher engagierten sie sich eher im karitativen Bereich, richteten Spielplätze für Kinder ein, boten Schulungen und medizinische Kurse an. Heutzutage seien die Frauen mutiger, wenn es darum gehe, eine Schützin mit Waffe zu werden, sagt Dovilė Pukertaitė, die für das Magazin „Trimitas“ des Schützenbundes schreibt. Immer mehr Frauen gingen mit in den Wald und absolvierten die Übungen. Dort lernen sie dasselbe wie die Männer: Taktik und Schießen.

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