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Lagerkoller nach 35 Jahren : Wie ein Fan der ersten Stunde über das Aus der Lindenstraße denkt

Die größte, wenn auch fiktive Volkshochschule des Landes: Die Außenkulisse der Lindenstraße in Köln-Bocklemünd, 2010. Bild: Edgar Schoepal

Nach 35 Jahren macht die Lindenstraße Schluss – und das ist gut so! Vom Ende einer Serie, deren Aus die natürliche Konsequenz für einen Mikrokosmos aus privatem Drama und nationalen Fragen ist.

          Oh Mann, ich bin schuld. Jahrzehnt um Jahrzehnt habe ich der Lindenstraße die Treue gehalten, aber dann hat sie sich aus meinem Leben geschlichen. Erst habe ich sie nicht mehr am Sonntagabend gesehen, sondern nur noch in der Mediathek. Dann blieb ich immer weiter zurück, schaute auf dem Rechner Folgen, in denen Mutter Beimer den Tannenbaum schmückte, während draußen längst die Osterglocken blühten. Und guckte sowieso nur noch nebenbei, beim Sortieren der Socken, eher aus einer Art Pflicht.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Im endlosen Sommer dieses Jahres schließlich habe ich die Lindenstraße einfach vergessen. Als ich im Herbst wieder nachschauen wollte, was die Bewohner der Serie diesmal gerade so durchmachen, waren einige Episoden, die mir noch fehlten, schon nicht mehr in der Mediathek. Das war ein Zeichen. Ich stieg aus. Und jetzt, kaum ein paar Wochen später, die Nachricht: 2020 wird die Serie eingestellt. Muss an mir liegen. War ich wirklich der Letzte, der auf der Lindenstraße die Straßenbeleuchtung ausgeknipst hat? Mannomann!

          In der Lindenstraße war klar, wer gut und böse ist

          Dabei schien sie doch einst so hell, diese Gasse auf dem Filmgelände in Köln-Bocklemünd, die vorgab, eine Münchener Vorortadresse zu sein, aber nicht in einem der Reiche-Leute-Viertel, in denen Oberinspektor Derrick ermittelte, sondern an der gesichtslosen Peripherie, wohin nicht einmal die U-Bahn fährt, sondern bloß ein Linienbus, von den Anwohnern reichlich genutzt. Als die Deutschen 1985 in die Lindenstraße einbogen, war Helmut Kohl gerade drei Jahre Kanzler, das Vaterland trennscharf geteilt, und die politischen Verhältnisse waren noch in Ordnung: Die CDU war so schwarz, wie sie sich heute mancher wieder wünscht, die SPD erholte sich gerade in der Opposition von den Zumutungen des Regierens bis 1982, und in der ARD meinte man offenbar, es sei an der Zeit, der geistig-moralischen Wende, die Kohl beim Regierungsantritt etwas leichtfertig vor dem ersten großen Spendenskandal seiner Partei versprochen hatte, ein erzieherisches Projekt entgegenzusetzen.

          Denn die Lindenstraße war die größte Volkshochschule des Landes, das einzige Schulfernsehen im ersten Programm, in dem nach und nach sämtliche Fragen der Bundesrepublik verhandelt werden, wobei natürlich stets klar war, wer zu den Guten zählte und wer zu den Bösen. Die Letzteren waren etwa die Atomindustrie, die Pharmahersteller, die Versicherungsvertreter und die Miethaie, die den vorwiegend redlichen Bewohnern des Mehrfamilienhauses Lindenstraße 3 abwechselnd übel zusetzten.

          Das bescherte ihnen aber andererseits ein bisschen Ablenkung von ihrem anstrengenden Alltag mit dem ganzen Fremdgehen, Anbandeln und Scheiden. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden mit dem überschaubaren Personal so ziemlich alle Konstellationen an Pärchen durchgespielt, die rechnerisch möglich waren, Homo- und Bisexualität eingeschlossen. Die Frauen waren dabei mehrheitlich taff, die Männer eher traurige Gestalten, weshalb es ein bisschen wundert, dass die Lindenstraße niemals als feministisches Projekt angesehen wurde, wiewohl sie auch das war.

          Themen aus dem realen Leben – aber mit Happy End

          Von Anfang an wurde zu viel reingestopft in die kurzen Folgen, aber über lange, sehr lange Zeit schaute ich doch gerne einmal in der Woche nach, wie es der kratzbürstigen Else Kling ging und welches Konfuzius-Zitat Gung parat hatte, wen Dr. Ludwig Dressler gerade piesackte und ob die schöne Marcella wieder einmal kellnerte, und es war immer hübsch anzusehen, wie die Autoren einen Großkonflikt der Bundesrepublik nach dem anderen in die Lindenstraße beamten, Tschernobyl, Aids, Rechtsextremismus, Sterbehilfe, Sekten, Legalisierung von Cannabis, die Flüchtlingswelle. Allein vor den Themen „Flugzeugabsturz im Wohngebiet“ und „Autolobby fordert sechsspurigen Straßenausbau“ waren die Familien in der Lindenstraße sicher. Das hätte ja die Kulisse gekostet.

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