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Liebesbeziehung auf Facebook : Uns wurde ganz süß zumute

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Der neunundzwanzigjährige Zirndorfer, Kurzhaarschnitt, Kruzifix um den Hals, reiste 2007 zum ersten Mal mit einem deutsch-taiwanischen Freund nach Taiwan. Die herzlichen Menschen, die atemberaubende Natur: Die Insel gefiel ihm. Zudem lernte er Meizi kennen. Und blieb. Nach etlichen Sprachkursen ließ ihn eine taiwanische Hochschule zum Studium zu, und er schrieb sich für einen Bachelor in chinesischer Literatur ein. „Am liebsten mag ich die Gedichte der Sechs Dynastien und die Lyrik der Song-Dynastie“, sagt der Student, der vor wenigen Jahren noch Kohlefaserteile für die Armaturen deutscher Autos herstellte.

Auch den Spitznamen hat er seiner literarischen Ader zu verdanken. Die großen Namen der klassischen chinesischen Literatur enden meist auf ein „zi“, was so viel wie „Meister“ bedeutet, etwa bei „Kongzi“ (Konfuzius) oder „Mengzi“ (Menzius). So wurde aus seinem chinesischen Namen Bao Ande kurzerhand Baozi.

„Das ist schon so ein Phänomen“, sagt Baozi. „In Taiwan gibt es wirklich Mädchen, die nur weiße Ausländer als Freunde haben, Amis, Südafrikaner, Europäer. Das hat auf jeden Fall mit der Geschichte Taiwans zu tun, mit der Rolle der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Einfluss amerikanischer Kultur.“ Natürlich dürfe man nicht alle Taiwanerinnen über einen Kamm scheren, das wisse er selbst ja am besten, aber merkwürdig sei das schon.

Wie findet er es eigentlich, dass Meizi auf einer Facebook-Seite Details ihrer Beziehung in der Öffentlichkeit ausbreitet? „Ich bin nicht so begeistert davon, aber in der Regel bestimme ich mit, was veröffentlicht wird. Und ein bisschen muss man den Leuten ja bieten.“

Für westliche Liebe gibt es ein eigenes Schimpfwort

Die überwiegend weibliche Fangemeinde der Facebook-Seite „Der deutsche Baozi + die taiwanische Meizi“ hinterlässt meist bewundernde Kommentare, etwa: „Ich bin bewegt! (Heul, heul) Ich spüre die Aufmerksamkeit und den Einsatz von Baozi für Meizi. So sweet ^^ Ihr werdet bestimmt sehr glücklich sein! Wünsche euch alles Gute~~~.“ Manchmal aber mischen sich männliche Rowdys unter die Kommentatoren. Dann ändert sich der Tonfall, und es fallen wüste Beschimpfungen. „Die unterstellen mir, dass ich Ausländer blind vergöttere“, sagt Meizi. „Aber da bin ich kein Einzelfall. Die schmeißen dann alle Frauen, die eine Beziehung mit einem Ausländer führen, in einen Topf.“

Meizi und Baozi: „Ein bisschen muss man den Leuten ja bieten“

Sogar ein eigenes Schimpfwort haben chinesische Männer gefunden, um junge Frauen, die nur mit Westlern Liebesbeziehungen eingehen, zu diffamieren. Darauf angesprochen, antwortet Meizi, ohne das Wort „Xicanmei“ selbst zu benutzen. „Xican“ bedeutet „westliche Küche“, „Mei“ heißt „jüngere Schwester“ beziehungsweise „Mädchen, junge Frau“. Wörtlich übersetzt ist eine „Xicanmei“ ein „westliches Küche-Mädchen“. In vielen seriösen Quellen ist zu lesen, dass der Ursprung des Wortes in Taiwan und nicht etwa in anderen chinesischsprachigen Ländern, zum Beispiel China oder Singapur, liegt.

„Die Vorliebe der Frauen für Westler und die Schmähworte der Männer sind zwei Seiten derselben Sache“, sagt der Psychologe Cheng Wei-Chuan, der kürzlich ein Buch über Liebespsychologie veröffentlicht hat und nun für ein Skype-Interview im Café eines großen Buchladens in Taipeh sitzt. „In den taiwanischen Medien kursieren Stereotype von Westlern, „die sie für Frauen attraktiv machen. Aber die demonstrative Vorliebe für Westler führt zu Frust und Wut unter den taiwanischen Männern.“

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