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Libertas Schulze-Boysen : Ein Weihnachtsengel vor der Hinrichtung

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„Ich bleibe jung in Eurem Gedächtnis“: Libertas Schulze-Boysen (hier 1933) war erst 29 Jahre alt, als sie am 22. Dezember 1942 ermordet wurde Bild: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Vor 70 Jahren wurde Libertas Schulze-Boysen hingerichtet. Sie kämpfte im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Erinnerung an eine bemerkenswerte Frau.

          Auf Schloss und Gut Liebenberg, 60 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, findet an den Adventswochenenden ein Weihnachtsmarkt statt. Den Besuchern wird eine zauberhafte Atmosphäre versprochen, „wenn die historischen Gebäude ins warme Licht der Leuchtsterne, Lichterketten und Fackeln getaucht werden“. Kaum jemand wird dann bei Glühwein und Leckereien, bei Handwerkertreiben und Turmbläsern an jene vorweihnachtlichen Schrecken denken, denen vor 70 Jahren eine Schlossbewohnerin und ihr jüngstes Kind ausgesetzt waren.

          Viktoria Gräfin zu Eulenburg, die sich Thora nannte, stand während der letzten Wochen des Jahres 1942 - als unter Hitlers fanatischer Führung die deutsche Wehrmacht unaufhaltsam auf die Katastrophe von Stalingrad zusteuerte - in brieflichem Kontakt mit ihrer Tochter: Libertas wartete im Gefängnis Kantstraße 79 in Berlin-Charlottenburg auf ihren Prozess. Und sie sehnte sich zurück ins Löwenberger Land. Dort war sie in ihrer Kindheit oft gewesen, dort hatte sie am 26. Juli 1936 Harro Schulze-Boysen geheiratet, dort wollte sie am liebsten beerdigt werden. Ihre Gedanken kreisten hin und wieder um das Lebensende, obwohl sie am 20. November erst 29 Jahre alt geworden war. Noch hoffte sie, dem Tod entrinnen zu können.

          Zehn Tage nach dem Geburtstag dankte Libertas ihrer Mutter für Kuchen, Äpfel und die „beiden singenden Engel aus der Mappe“ - die „stehen Tag für Tag auf meinem Tischchen und tuen mir wohl“. Der Schmerz mache langsam das aus ihr, was sie sich als Kind zu sein wünschte: eine Dichterin. Überhaupt sei sie ihrer Kindheit „so nahe“ und erinnere sich, wie sie vor vielen Jahren zu Weihnachten in der Halle von Liebenberg auf dem Flügel gestanden habe, um als „Engel des Herrn“ das „Fürchtet Euch nicht“ zu den Hirten zu sagen. Daran möge ihre Mutter am Weihnachtsfest denken.

          Werben für die „Liquidierung des Diktats von Versailles“

          Libertas war eine Enkelin des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld. Der Diplomat und Dichter galt lange als Intimus des Kaisers, der ein häufiger Gast in Liebenberg war. Als Teile der Presse „Phili“ Eulenburgs homosexuelle Neigungen publik machten und sein „Liebenberger Kreis“ in Verruf geriet, ließ Wilhelm II. den Fürsten fallen. Ein Prozess gegen Eulenburg musste 1907 wegen seines angeblich schlechten Gesundheitszustand unterbrochen und dann ausgesetzt werden. Eulenburg zog sich auf sein Schloss zurück. Die 1913 in Paris geborene Libertas Hass-Heye verdankte ihren Vornamen dem Großvater, der 1921 starb. In jenem Jahr ließen sich ihre Eltern - der Modeschöpfer und Professor an der Berliner Kunsthochschule Otto Ludwig Haas-Heye und Thora, die wieder ihren Geburtsnamen annahm und zurück nach Liebenberg zog - scheiden.

          Von 1926 bis zum Abitur 1932 besuchte Libertas ein Internat in Zürich. Am 30. Januar 1933 erlebte sie vor der Reichskanzlei in Berlin den Vorbeimarsch der SA. Ihr Onkel, Fürst Friedrich Wend zu Eulenburg-Hertefeld (Thoras ältester Bruder), war nach einem Treffen mit Hitler Anfang 1931 Mitglied der NSDAP geworden. Und Rudolf von Engelhardt, Gutsdirektor von Liebenberg und mit einer Kusine von Libertas verheiratet, leitete die Liebenberger NSDAP-Ortsgruppe. Ihr trat Libertas - die Pressereferentin bei Metro-Goldwyn-Mayer und spätere Filmkritikerin - am 1. März 1933 bei.

          Ein Jahr darauf lernte sie Harro Schulze-Boysen kennen. Der Sohn eines Seeoffiziers und Großneffe des Großadmirals Alfred von Tirpitz hatte sein Jurastudium abgebrochen und 1932 die Schriftleitung der Zeitschrift „Gegner“ übernommen, um für die Abschaffung des kapitalistischen Systems, eine Einführung der Planwirtschaft und die „Liquidierung des Diktats von Versailles“ zu werben. Auf Hitlers Machtantritt erfolgte kein sofortiges Verbot des „Gegners“. Ende April wurde aber die Redaktion besetzt. Schulze-Boysen und sein jüdischer Mitarbeiter Henry Erlanger mussten sich von SA-Männern auspeitschen lassen. Erlanger überlebte die Tortur nicht, und Harro wurde nur durch seine beherzte Mutter gerettet, die sich an den Berliner Polizeipräsidenten wandte, einen früheren Marinekameraden ihres Mannes. Als „Ausweg“ und Karrierestart musste Harro eine fliegerische Ausbildung zum See-Beobachter machen. Im März 1934 kam der Sprachenbegabte zur Abteilung „Fremde Luftmächte“ des Reichsluftfahrtministeriums und wurde bald auch Reserveoffizier.

          Intensivierung der Spionagetätigkeit

          Im Juli 1936 heirateten Harro und Libertas in Liebenberg. Anschließend führten die beiden eine recht unkonventionelle Ehe, weil sie weiterhin „von allen begehrt werden“ wollte und auch er Selbstbestätigung in Affären suchte. Libertas trat übrigens am 12. Januar 1937 aus der NSDAP unter dem Vorwand aus, als Ehefrau „zeitlich und gesundheitlich“ nicht mehr in der Lage zu sein, „allen Anforderungen der Parteiarbeit zu entsprechen“. Ihr künftiger Einsatz für die „Bewegung“ müsse sich „stets im Rahmen dessen halten, was mir der Hausstand und meine sonstigen Pflichten dem Mann und der Familie gegenüber gestatten“. Die Schulze-Boysens pflegten alsbald Kontakte zu dem Nationalökonomen Arvid Harnack vom Reichswirtschaftsministerium. Harnack hatte an der Universität Wisconsin studiert und dort seine Frau, die Amerikanerin Mildred Fish kennengelernt, aber auch die deutsche Studentin Greta Lorke, die 1937 den Schriftsteller Adam Kuckhoff heiratete. Die Kuckhoffs freundeten sich Mitte der dreißiger Jahre mit Harro und Libertas Schulze-Boysen an.

          Mitte Januar 1941 erfuhr Harnack über Schulze-Boysen von den Vorbereitungen des Russlandfeldzuges und gab diese Information nach Moskau weiter (wie er zuvor Geheimnisse nach Washington übermittelt hatte). Doch trotz der Intensivierung ihrer Spionagetätigkeit verstanden sich Harnack, Schulze-Boysen, Kuckhoff und andere vor allem als Widerstandskämpfer. Schließlich flogen die Hitler-Gegner nicht wegen ihrer wagemutigen Aktionen auf (vom Zettelkleben trotziger Texte über das Verstecken von Juden bis zur Störung des Schienenverkehrs), sondern wegen der Inkompetenz von Moskauer Geheimdienstlern, die Namen und Adressen einiger Berliner Mitglieder der Gruppe in einem Funkspruch erwähnten, den die Abwehr entschlüsselte.

          Am 31. August 1942 wurde Schulze-Boysen aufgrund dieses Funkspruchs und Beobachtungen der Gestapo enttarnt. Nach der Rückkehr von einer Reise rief Libertas, mittlerweile in der Kulturfilm-Zentrale des Reichspropagandaministeriums zuständig für die „Sachgebiete Kunst, deutsches Land und Volk, Völker und Länder“, am 2. September im Reichsluftfahrtministerium an. Sie erfuhr, dass ihr Mann sich angeblich auf einer unvorhergesehenen Dienstreise befinde. Bald wurde ihr jedoch klar, dass er in Haft war. Horst Heilmann, der bei der Dechiffrierungs-Abteilung arbeitete, zeigte ihr sogar den Funkspruch aus Moskau mit ihrem Nachnamen. Sie informierte daraufhin Freunde über Harros Verhaftung und vernichtete eine Fotosammlung über Gewalttaten an der Ostfront. Diese war 1942 entstanden - mit Unterstützung ihres Mitarbeiters Alexander Spoerl, dessen Vater Heinrich Spoerl mit Romanen wie „Die Feuerzangenbowle“ und „Der Maulkorb“ berühmt geworden war - und hatte als Ausgangspunkt für ein Flugblatt gedient, mit dem Kuckhoff Verbrechen an Zivilisten anprangerte und an die deutschen Soldaten appellierte, sich dem „Meuchelmord“ zu entziehen und mit russischen Partisanen zusammenzuarbeiten.

          „Keine bewusste Verräterin“

          Aus dem D-Zug nach Traben-Trarbach heraus wurde Libertas am 8. September in Wannsee festgenommen und ins Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht. Sie vertraute sich dort unter dem Druck der Verhöre während einer Vernehmungspause einer Stenotypistin der Gestapo an und bat sie, Gefährten von Harro zu warnen - worauf es zu weiteren Verhaftungen kam. Die Schauspielerin Marta Husemann meinte rückblickend über Libertas: „Ein Mensch, den man niemals in die illegale Arbeit hätte einweihen dürfen. Keine bewusste Verräterin. Aber durch ihre maßlose Eitelkeit leicht zum Sprechen zu bringen.“ Und der damals ebenfalls inhaftierte Schriftsteller Günther Weisenborn erzählte später davon, dass Libertas anfangs darüber lachen konnte, „dass sich die Zellen des Hauptquartiers der Geheimpolizei in den Gebäuden der ehemaligen Kunstschule befanden, deren Direktor ihr Vater gewesen war“.

          Von Mitte September bis zum 14. Dezember 1942 saß Libertas - wie die meisten anderen Frauen der von der Abwehr und der Gestapo als „Rote Kapelle“ bezeichneten Gruppe - im Gerichtsgefängnis Berlin-Charlottenburg ein. Dort verfasste sie mehrere Gedichte, darunter „In Zelle 20“: „Sie nahmen den Namen mir an der Tür/ Das Wünschen an der Schwelle./ Die Träume einzig blieben mir/ in meiner kahlen Zelle.“ Vom 15. Dezember bis zum 19. Dezember stand sie - gemeinsam mit elf weiteren Angeklagten, darunter ihr Mann Harro, die Harnacks und der Funker Horst Heilmann - vor dem Reichskriegsgericht, angeklagt wegen Hochverrats, Kriegsverrats und Landesverrats. Im Todesurteil vom 19. Dezember hieß es, Libertas sei „ein Opfer ihres Mannes“: „Sie war ursprünglich Nationalsozialistin und hatte die Absicht, Führerin im Arbeitsdienst zu werden. Sie ist dann aber ihrem Mann gefolgt, hat seine Auffassung zu der ihrigen gemacht und ist auch für ihre Person aktiv geworden.“

          „Lasst mir doch, lasst mir doch mein Leben“

          Hingerichtet wurde sie am Abend des 22. Dezember in Plötzensee durch das Fallbeil - zum Tode verurteilte Männer, so auch Harro, wurden meist gehängt. Zuvor tröstete sie in einem Abschiedsbrief ihre Mutter Thora: „Ich wachse mit jeder Minute mehr in den Himmel hinein, Harro ist mir nahe, Horst ist mir nahe, und wenn ich Dich glaubensvoll lächelnd weiß, ist alles gut. Ich leide überhaupt nicht mehr und alles ist menschlich erfreulich und ohne Schrecken. Ich schrieb Dir, hoffentlich bekamst Du den Brief vom ,Weihnachtsengel‘, als den ich mich wieder fühle, meiner Kindheit so nahe. Alle Strömungen meines bunten Lebens fließen zusammen und alle Wünsche werden erfüllt: Ich bleibe jung in Eurem Gedächtnis.“ Als letzten Wunsch hatte sie darum gebeten, dass man ihre „Materie“ ihrer Mutter überlasse für ein Begräbnis „an einem schönen Ort mitten in der sonnigen Natur“, am liebsten in Liebenberg. Und vor der Enthauptung schrie sie (wie Weisenborn überlieferte): „Lasst mir doch, lasst mir doch mein Leben.“

          Libertas war - neben zahlreichen Männern - eine jener 19 Frauen, die 1942/43 im Zusammenhang mit der Verfolgung von angeblichen und tatsächlichen Mitgliedern der „Roten Kapelle“ zum Tode verurteilt wurden. Nur bei Greta Kuckhoff wandelte man das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe um. Die Frauenleichname wurden meist sofort an Hermann Stieve, den Leiter des Anatomischen Instituts der Berliner Universität, übergeben, der „zwanghaft an den physiologischen Auswirkung von Angst auf die weiblichen Fortpflanzungsorgane“ interessiert war (so die Historikerin Anne Nelson). Zu seinen „Studienobjekten“ gehörte auch Libertas. Und Greta Kuckhoff wies 30 Jahre später in ihrem Buch „Vom Rosenkranz zur Roten Kapelle“ darauf hin, dass an jenen 22. Dezember 1942 „diejenigen, die der Hinrichtung beiwohnten, danach gemütvoll das Weihnachtsfest für die Ihren vorbereiteten, ohne dass ihr Gewissen im geringsten belastet war“.

          Seit der Wiedervereinigung wird im Liebenberger Schloss, das nach Sanierung als Tagungsstätte, Restaurant und Hotel dient, an Libertas gedacht. Zunächst widmeten ihr die Geschwister zum 50. Todestag eine Gedenktafel in der kleinen Kapelle, die Philipp Eulenburg einst zum Andenken an seine Mutter errichten ließ. 1994 beschloss der Gemeindekirchenrat, dass die Schlosskapelle den Namen „Libertas-Kapelle“ tragen soll. Und 2004 richtete die Berliner „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die sich große Verdienste um eine historisch nüchterne Würdigung der „Roten Kapelle“ erwarb, die sowohl die ostdeutsche Heroisierung vom kommunistischen Kundschafterdienst und vom Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit als auch die westdeutsche Verteufelung vom moralisch verkommenen und ideologisch verblendeten Landesverrat überwand, eine kleine, sehenswerte Dauerausstellung über Libertas und ihr Umfeld im Seitenflügel jener Kapelle ein, wo Harro und Libertas sich das Ja-Wort gaben. Dort können sich Vermählungs-Willige kirchlich trauen lassen - nicht nur zur Weihnachtszeit.

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