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Letzte Worte von Hingerichteten : „Das häufigste Wort ist Liebe“

  • Aktualisiert am

Strenges Protokoll: Jon Millward, der „Todeszellen-Blogger“ Bild: privat

Der „Todeszellen-Blogger“ Jon Millward hat die letzten Worte von 484 Verbrechern untersucht, die im amerikanischen Bundesstaat Texas hingerichtet wurden. Ein Gespräch.

          3 Min.

          Herr Millward, Sie haben die letzten Worte von 484 Mördern untersucht, die der amerikanische Bundesstaat Texas in den vergangenen 30 Jahren hinrichten ließ. Bei den „last statements“ aus dem berüchtigten Gefängnis in Huntsville entdeckten Sie neben den unvermeidlichen Abschiedsworten der Todeskandidaten auch unerwartete Bekenntnisse zu Liebe und Familie. Alle 22 Tage wird in Texas ein Mensch hingerichtet. Ist dort heute schon jemand durch die Giftspritze gestorben?

          Nach 18 Jahren in der Todeszelle hat es in der vergangenen Woche Marvin Wilson getroffen. Er galt als geistig zurückgeblieben, da sein Intelligenzquotient unter 70 lag. Die texanischen Justizbehörden lehnten eine Begnadigung aber ab. Wenige Stunden vor der Exekution verweigerte auch der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten einen Hinrichtungsaufschub.

          Hat Wilson noch etwas gesagt, bevor er in Huntsville hingerichtet wurde?

          Exekutionen unterliegen einem strengen Protokoll. Sobald der Straftäter auf der Trage festgeschnallt worden ist und die Infusionsschläuche an beiden Armkanülen hängen, legt der Gefängniskaplan ihm als tröstende Geste eine Hand auf den Fußknöchel. Anschließend fragt ein Wächter, ob der Todeskandidat noch etwas sagen möchte. Bevor Wilson das Bewusstsein verlor, sagte er in das Mikrofon über seinem Kopf, von einem Sünder zu einem Heiligen geworden zu sein. Seine letzten Worte waren: „Ich liebe euch alle. Ich bin bereit.“

          Ist der versöhnliche Ton bei einer Hinrichtung nicht eher ungewöhnlich?

          Im Gegenteil. Das Wort, das texanische Mörder unmittelbar vor dem letzten Atemzug am häufigsten aussprechen, ist „Liebe“. Das zweithäufigste Wort lautet „Familie“, dann „Dank“. Oft reisen die Angehörigen nach Huntsville, um die Hinrichtung hinter einer Glaswand zu beobachten. Die Todeskandidaten drücken ihnen das letzte Mal ihre Zuneigung aus.

          Sind Ihnen die „last statements“ unter die Haut gegangen?

          Zu Beginn meiner Recherchen haben mich die Erklärungen schon erschüttert. Nachdem ich ein paar Dutzend gelesen hatte, klangen die letzten Worte aber eher ähnlich, fast wie von einer Person. Auf der Website des Texas Department of Criminal Justice stehen sie zudem direkt neben der Beschreibung der Vergehen, deretwegen die Straftäter zum Tod verurteilt wurden. Das lässt die „last statements“ in einem anderen Licht erscheinen. Zudem warten die Todeskandidaten in Amerikas hinrichtungsfreudigstem Bundesstaat im Durchschnitt fast elf Jahre auf die Hinrichtung. Ihnen bleibt daher viel Zeit, sich emotional vorzubereiten.

          Die texanischen Justizbehörden haben die letzten Worte von 484 Hingerichteten - 481 Männern und drei Frauen - veröffentlicht. Haben Sie darunter auch unerwartete Kommentare entdeckt?

          Einige Todeskandidaten haben Gedichte vorgetragen oder einen Wärter gebeten, von ihnen verfasste Sätze zu verlesen. Fast schon unterhaltsam äußerte sich Vincent Gutierrez, der vor fünf Jahren durch einen Giftcocktail in Huntsville starb. Als das Pentobarbital minutenlang in seine Venen floss, fragte er in die Runde: „Wo ist der Ersatzmann, wenn man ihn braucht?“ Dass Gutierrez zehn Jahre vor der Exekution einen 39 Jahre alten Soldaten ermordet hatte, um das Auto seines Opfers als Ersatzteillager zu nutzen, ist dagegen eine andere Geschichte.

          Ist Ihnen ein „last statement“ als besonders abstoßend aufgefallen?

          Die letzten Worten des Gärtners James Jackson empfand ich als unangebracht. Er verglich seine Freundin Eve in der Todeszelle mit einem unbezahlbaren Diamanten, nachdem er seine Ehefrau Sharon und ihre beiden Töchter Sonceria und Ericka brutal erwürgt hatte. Jackson verabschiedete sich im Februar 2007 schließlich mit dem Befehl „Wärter, ermorde mich!“ von der Welt.

          Nachdem der Supreme Court die Todesstrafe vor 40 Jahren als „grausame und ungewöhnliche Bestrafung“ für verfassungswidrig erklärt hat, wurde sie im Jahr 1974 unter anderem in Texas wiedereingeführt. Beteuern einige Todeskandidaten mit den letzten Worten auch ihre Unschuld?

          Während zwei von zehn Straftätern in der Todeszelle stumm bleiben, erklärt jeder zehnte Todeskandidat, die Tat nicht begangenen zu haben. Das ist ein erschreckender Gedanke, da in Texas nach Angaben des Informationszentrums für Todesstrafe seit der Wiedereinführung des „capital punishment“ zwölf Menschen für unschuldig erklärt wurden.

          Sie haben im vergangenen Jahr eine Studie zu Online-Bewertungen von Callgirls durch ihre Kunden veröffentlicht. Passen die Recherchen zu käuflichem Sex zur Analyse der „last statements“ texanischer Todeskandidaten?

          Beides hat mit gesellschaftlichen Phänomenen zu tun, die ich zum besseren Verständnis auf einige Worte herunterbrechen wollte. Die Auswertung von 5000 Berichten der Callgirl-Kunden mit insgesamt einer Million Worten zeigte, dass die Freier den Frauen als vermeintlicher Ware unerwartet hohen Respekt zollen. In der Todeszelle von Huntsville haben die Hingerichteten der vergangenen 30 Jahre etwa 40.000 Worte von sich gegeben, die sich mehr um Zuneigung und Liebe als um Gott und Vergebung drehten.

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