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Lebensmittelverschwendung : „Gemüse wächst nicht nach Normen, sondern so wie die Natur es will“

Nordrhein-Westfalen, Köln: Passanten sammeln auf einem Acker Gemüse auf, das der Landwirt Christian Fuchs auf einem Feld bei Köln ausgekippt hat. Bild: dpa

Ein Kölner Landwirt verschenkt frisches Gemüse, das er nicht verkaufen kann, weil es zu krumm ist. Er macht das schon seit Jahren so – doch um gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen, müsse woanders angesetzt werden. Ein Interview.

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          Der Kölner Landwirt Christian Fuchs, 43, hat tonnenweise Süßkartoffeln und Kürbisse auf einem Feld bei Köln ausgekippt. Bis zu 30 Prozent seiner Ernte entspreche nicht der Norm und könne somit nicht verkauft werden. Hier kann sich jeder seine Portion krummes Gemüse abholen – umsonst. Sein Hof entsorge schon seit 15 Jahren überschüssiges Gemüse auf dem Acker, früher habe das wenige interessiert. Seit die Fotos von den Gemüsebergen in den sozialen Medien geteilt wurden, kämen scharenweise Menschen vorbei, um es mitzunehmen. Im Interview erklärt er, was sich noch gegen Lebensmittelverschwendung tun ließe.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Herr Fuchs, warum kippen Sie tonnenweise Gemüse, das man noch essen könnte, auf Ihr Feld?

          Das ist Ware, die nicht für den Handel geeignet ist. Der Verbraucher würde diese Ware, wenn sie im Regal liegen würde, nicht kaufen. Bei uns sind das Kürbisse oder Süßkartoffeln, die nicht gerade gewachsen, die zu klein oder untergewichtig sind, oder kleine Deformationen haben. Wir haben gewisse Normen zu erfüllen in manchen Bereichen und Handelsklassen. Doch Kürbisse und Süßkartoffeln wachsen nicht nach Normen, sondern so wie die Natur es will.

          Was halten Sie von diesen Handelsnormen?

          Sie sind zum einen nicht verkehrt. Wir dürfen den Verbraucherschutz nicht außer Acht lassen. Aber manchmal ergeben diese Handelsnormen keinen Sinn. Handelsnormen bei Erdbeeren, Spargel oder dem Kürbis zum Beispiel: Wenn ich eine nur leicht deformierte Frucht habe, die nicht verfault ist, sagt das gar nichts über Geschmack oder Inhaltsstoffe aus.

          Wann haben Sie angefangen, Ihr Gemüse auf das Feld zu kippen?

          Wir haben hier schon seit über 200 Jahren Landwirtschaft. Das ist eine gängige Praxis. Früher, als wir noch Tiere hatten, wurde der Überschuss an die Schweine verfüttert. Jetzt sind wir mittlerweile ein viehloser Betrieb und bringen die Lebensmittel deshalb auf diesen Weg in den Kreislauf zurück.

          Gibt es keine anderen Möglichkeiten für Sie, diese noch essbaren Nahrungsmittel anders loszuwerden?

          Wir haben zum Teil Kanäle, über die wir das absetzen können. Das sind Kunden, denen es egal ist, wie der Kürbis aussieht, weil er in die Verarbeitung geht: Hauptsache, er ist nicht faul oder verschimmelt. Aber die nehmen auch nicht genug.

          Warum ist der Andrang bei Ihnen in diesem Jahr so groß?

          Da fragen Sie ich mich was. Das weiß ich nicht. Es kann sein, dass das mal in der richtigen Gruppe in den sozialen Medien gepostet wurde und es dann eine Initialzündung gab. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es der Gesellschaft schlechter geht und die Leute darauf angewiesen sind. Mir hat heute auf dem Feld ein Russe gesagt: Das ist ja wie in der Sowjetunion hier. Ein anderer sagte mir: Wenn das mein Vater sehen würde, der würde wahrscheinlich mitmachen. Der hat das in Kindestagen auch schon erlebt.

          Wer kommt alles zu Ihnen?

          Alle. Wirklich alle. Quer durch die Gesellschaft.

          Wie viele Leute sind das?

          Ich habe eben mal gezählt. Da waren um die 80 Personen auf dem Feld. Es ist ein Kommen und Gehen. Ich weiß nicht, wie viele Hunderte das dann sind am Tag.

          Eine WWF-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent aller weltweit produzierten Lebensmittel entweder in der Produktion, der Verarbeitung oder später weggeworfen werden. Wie viele Lebensmittel müssen Sie wegwerfen, weil Sie nicht der Norm entsprechen?

          Das sind zwanzig bis dreißig Prozent aktuell. Das hat aber in Teilen auch mit dem sehr nassen Jahr zu tun. Wir haben bei den Kürbissen zum Beispiel Verschorfungen, die auf das Wetter zurückzuführen sind. Da sind wir wieder beim Thema: Im Inneren hat die Frucht überhaupt keinen Makel. Das ist eine rein optische Sache.

          Und wegen der Optik kaufen Verbraucher solche Waren nicht…

          Das liegt daran, dass immer genug da ist. Das ist das Problem. So lange man aus dem Vollen schöpfen kann, wird sich nichts ändern. Erst wenn alles mal ein bisschen knapper sein sollte, haben wir das Problem nicht mehr. Dann wird auch mal ein krummer oder leicht deformierter Kürbis genommen, der ja meist eh zur Suppe verkocht wird. Es hängt viel vom Verbraucher ab und viel mit dem Unwissen des Verbrauchers zusammen. Ich verstehe das nicht: Warum soll ich mir einen wunderschönen Kürbis kaufen, wenn ich ihn danach im Thermomix für viel Geld schreddere?

          Ärgert Sie das Verhalten der Verbraucher?

          Ja, na klar. Die Leute können auch kaum noch kochen. Deswegen haben wir gesagt: Wenn hier jemand etwas spenden will, dann werden wir das Geld an eine karikative Einrichtung hier in der Nähe spenden. Das ist eine Jugendfarm, wo Kindern und Jugendlichen beigebracht wird, wie man Gemüse anbaut, wie man mit Produkten umgeht und aus ihnen Mahlzeiten herstellt.

          Was muss getan werden, damit wir weniger Lebensmittel verschwenden?

          Es fängt schon zu Hause an. Es ist wichtig, Kindern und Jugendlichen schon früh beizubringen, wie man mit Lebensmitteln umgeht. Das Kaufverhalten muss sich ändern. Damit der Handel auch bereit ist, diese Ware zu listen. Der Handel kann gar nichts dafür. Der verkauft ja nur das, was er verkaufen kann.

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