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Sensationsfund : Das wahre Gesicht des Zweirad-Erfinders Karl Drais

  • -Aktualisiert am

So sah er aus: Karl Drais Bild: Hans-Erhardt Lessing

Wiederentdeckt: Die Lebendmaske von Karl Drais lag 150 Jahre in einem Pariser Museumsdepot. Für seinen Reitpferdersatz wurde er damals weltberühmt.

          2 Min.

          Claude Reynaud ist ein erfolgreicher Bioweinbauer in der Provence und leidenschaftlicher Sammler antiker Fahrräder. Jüngst saß er am Laptop in seinem sehenswerten Musée Moto Vélo an der Route Nationale 100 westlich von Avignon, als er online auf einen alten Museumsführer ganz anderer Art stieß. Darin ging es 1837 um den Vorläufer des Musée de l’Homme zu Paris, das er schon immer mal besuchen wollte.

          Doch dann stockte ihm der Atem: Unter Nummer 52 stand da „Baron de Drais“, und gelistet wurde ein Gesichtsabguss. Dem Begleittext zufolge konnte nicht der Vater des Erfinders gemeint sein: „Dieser Mann, dessen Fortüne und soziale Stellung ihn von manuellen Tätigkeiten fern zu halten schienen, ist mit Leidenschaft mechanischen Konstruktionen verfallen und hat in dieser Sparte geniale Geräte realisiert. Er ist der Schöpfer der kleinen Wagen, die unter dem Namen Draisinen bekannt wurden.“ Auf einen Schlag konnte die Fahrt nach Paris nicht mehr warten. Die Museumsethnologin brachte eine etwas angestaubte Büste aus dem Keller. Reynaud schreibt vom Schaudern, das ihn befiel, wie er da nach 200 Jahren dem authentischen Erfinder ins Gesicht sah. Von den Wimpern steckten einzelne noch im Gips, eine fiel auf den Tisch herab.

          Diesen Gipsabguss hat der legendäre Hirnforscher Docteur Gall abgenommen und seiner Sammlung der Berühmtheiten der Zeit einverleibt - darunter auch die einzige Maske Goethes. Zum Abguss der Lebendmaske kam es wohl 1818 in Paris, wohin Drais aus Mannheim in mehreren Tagen auf seiner Laufmaschine über Nancy zu seinem Importeur gefahren war - mit 550 Kilometern eine beachtliche Leistung. Der gebürtige Badener Franz-Joseph Gall gilt als Pionier der Hirnforschung, wenn auch speziell seine Kraniometrie oder Schädellehre sich nicht halten ließ: Menschliche Eigenschaften sollten sich an Auswölbungen des Schädels ablesen lassen.

          Kommt es noch zur Rehabilitation?

          Der Museumsführertext beschreibt die Rolle des Weißer-Kragen-Erfinders Karl Drais ohne eigene Werkstatt schon richtig, wenn auch der Sohn eines Beamtenadligen ohne Grundbesitz keine großen Sprünge machen konnte. Vom Erfinden konnte man in der vorindustriellen Gesellschaft ohne Patentschutz nicht leben. Aber sein Reitpferdersatz in der Klimakatastrophe 1816/17 mit Hungersnot, Hafermangel und Pferdesterben machte ihn damals im ganzen Abendland berühmt, wenn auch das günstige Fenster für die Erfindung mit den guten Ernten ab von 1817 schnell wieder geschlossen war. Fahrverbote auf den Bürgersteigen, auf denen allein man balancieren konnte, machten dann den auf der ganzen Welt raubkopierten Zweirädern ein Ende.

          Zum 300. Gründungstag soll nun der Stadt Karlsruhe eine Ausstellung ihren zu Unrecht verspotteten Sohn wieder nahebringen. Seine vollständige Rehabilitierung als politisch verfolgter Demokrat durch die Biographie von 2003 kam bislang kaum voran. Nur ein Beispiel: Im Slapstick-Video der Drais-Realschule, mit dem sich ihr Schüler Pierre Krause beim Südwestrundfunk als Comedian bewarb, äußert der ehemalige Schulleiter, eigentlich hätte man seine Schule nicht nach einem Herumtreiber benennen dürfen.

          Kein Wunder, dass von den Politikern niemand auf die Idee kam, das Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“ 2017 neben Luther und Bauhaus in die Koalitionsvereinbarung zu schreiben. So wird es kein Draismuseum, aber drei neue Bauhausmuseen geben. Ergo wird vor der anglophonen Welt, in der das Fahrrad als „freedom machine“ und Wegbereiter der Motorisierung gilt, die Bundesrepublik 2017 eine recht armselige Figur machen.

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