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Leben mit Demenz : Der alte König nimmt den Hut

  • -Aktualisiert am

„Was ist mit meinem Kopf los?”, fragt August Geiger in wachen Momenten Bild: Wonge Bergmann

Jahrelang wurde er zu Hause gepflegt. Doch irgendwann ging das nicht mehr: Nun ist August Geiger im Pflegeheim. Dort kennt man ihn nicht erst, seit er dement ist. Sondern sieht den ganzen Menschen. Arno Geiger über die Zeit mit seinem kranken Vater.

          Die Alzheimererkrankung meines Vaters macht sich seit über einem Jahrzehnt bemerkbar. Die Schnittbilder des Gehirns, die der Neurologe anfertigt, zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung. Trotzdem tritt mein Vater fast täglich für kurze Momente aus seiner Krankheit heraus und fragt auf die eine oder andere Art verzweifelt: „Was ist mit meinem Kopf los?“ Er klopft sich gegen die Stirn: „Da stimmt doch etwas nicht. Kannst du mir sagen, wie wir das reparieren können?“ Dann schaut er mich Hilfe suchend an und ist enttäuscht, wenn ich wenig überzeugend antworte: „Hilfe kommt aus Bregenz.“

          Das hat Franz Kafka fast auf den Tag genau zehn Jahre vor der Geburt meines Vaters in sein Tagebuch notiert, am 6. Juli 1916. Und wie ein Kafkascher Held muss sich mein Vater fühlen, obwohl er vom Garten seines Hauses nach Bregenz sehen kann.

          Kafka fährt fort: Und als der Kranke angestrengt die Augen zusammenzog, fügte der Arzt hinzu: „Bregenz in Vorarlberg.“ - „Das ist weit“, sagte der Kranke.

          August Geiger mit seiner Enkelin Eva bei einem Spaziergang vor dem Seniorenheim im österreichischen Wolfurt

          „Wo ist mein Gehirn?“

          Auch für meinen Vater ist Bregenz weit, zumindest gemessen an dem, wie wenig man ihm helfen kann. In den hellen Momenten, die er hat, windet er sich vor Verlangen nach einem funktionierenden Gehirn - doch Besserung tritt nicht ein. Das Hämmern mit der Faust gegen den Kopf hat nicht dieselbe Wirkung wie in meiner Kindheit, als mein Vater aufstand und mit der Faust auf den Fernseher haute, weil das Bild zu wandern angefangen hatte.

          Vor einiger Zeit machte Daniela, die Betreuerin, die ihm am nächsten stand, meinen Vater zum Spazierengehen fertig. Er trug bereits Straßenschuhe und Jacke. Daniela setzte ihm den Hut auf und sagte: „Hier hast du deinen Hut.“ - „Das ist recht und gut. Aber wo ist mein Gehirn?“ - „Dein Gehirn ist unter dem Hut“, sagte ich von der Küche aus; ich machte einen meiner sporadischen Besuche.

          Mein Vater nahm den Hut wieder ab, schaute hinein und erwiderte: „Das wäre aber ein Wunder.“ Er zögerte, dachte nach, und indem er den Hut wieder aufsetzte, fragte er schüchtern: „Ist es wirklich unter dem Hut?“ - „Ja, es ist dort, wo es hingehört“, sagte ich. Er zog die Brauen hoch und ging verdattert hinter Daniela zur Tür.

          Wutausbrüche wegen Medikamenten

          Solch surrealistische Momente häufen sich in letzter Zeit, und wenn man davon erzählt, hört es sich gut an, ein wenig komisch und auch bizarr. Doch wenn man genau hinhört, vernimmt man neben der Komik, die befreiend ist, auch die Beunruhigung und die Verzweiflung dahinter. Und immer öfter bleibt die Komik aus.

          In der Phase, in der sich mein Vater momentan befindet, ist die Krankheit ein Schwert mit zwei Klingen. Einerseits ist er oft verwirrt, andererseits macht er in seiner Verwirrung denen, die ihn betreuen, das Leben schwer. Wenn die Betreuenden an ihre Belastungsgrenzen stoßen, wirkt sich das negativ auf die Lebensqualität meines Vaters aus. Die Abwärtsspirale dreht sich.

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