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Dresden : Es ist jetzt anders hier

„Ein Kampf im Alltag“: Das Leben in Dresden hat sich durch Pegida verändert. Bild: Reuters

Sachsen macht im Moment vor allem mit bedrückenden Meldungen von sich reden. Eine Dresdnerin erzählt, wie es sich anfühlt, in einem zwiegespaltenen Land zu leben. Ein Protokoll.

          6 Min.

          Leider muss man sagen, dass „Clausnitz“ nichts Ungewöhnliches war. Dass Flüchtlingen der Zugang zu Unterkünften verstellt wird, dass Blockaden stattfinden, gehört in Sachsen inzwischen dazu. Das ist bittere Realität. Und dieser Brandanschlag in Bautzen – dass da die Löscharbeiten behindert wurden, ist natürlich eine neue Qualität. Aber auch Brandanschläge sind hier fast schon „normal“.

          Julia Schaaf
          (sha.), Leben

          Natürlich bin ich darüber entsetzt. Aber noch entsetzter bin ich, wenn man das überhaupt sagen kann, über die Rechtfertigung des Polizeipräsidenten. Dass er sich vor seine Leute stellt – in Ordnung. Man kann sagen, es tut uns leid, es hätte nicht so weit kommen müssen, aber wir stehen alle unter einem gewissen Druck. Dafür hat jeder Verständnis. Aber zu sagen, die Flüchtlinge haben provoziert und sind mit schuld? So etwas geht überhaupt nicht. Das ist ein Denken, das bringt mich so auf die Palme, dass ich es kaum ausdrücken kann. So eine Hartherzigkeit. Ohne jedes Mitgefühl. Nicht nachvollziehen zu können oder zu wollen, wie dem anderen zumute sein mag. Ich kann das nicht verstehen, und das treibt mich wirklich um: Hier geht die Menschlichkeit verloren.

          Plötzlich lag eine giftige Wolke über der Stadt

          Ich weiß noch genau, wie es angefangen hat mit Pegida, mit ein paar hundert Leuten, und man dachte, ach Gott, was sind das wieder für Spinner. Dann bekamen die Zulauf, und plötzlich lag eine giftige Wolke über der Stadt, die sich ausbreitete und so langsam in alles einsickerte. Diese Hetzerei an den Montagen, dieses Schamlose, das hat in den vergangenen anderthalb Jahren viel kaputtgemacht.

          Seit 24 Jahren wohne ich in Dresden. Unsere Tochter ist hier geboren und hat hier eine gute Kindheit und Jugend gehabt. Ich fühle mich wohl, wir haben viele Freunde, es war immer eine Stadt, in der ich gerne gelebt habe. Das barocke Flair, diese Pracht und Gemütlichkeit, es gibt die Elbwiesen, viel Grün, das macht es lebenswert. Es ist auch immer noch eine Stadt, in der ich gerne lebe. Aber das Leben ist anstrengender geworden.

          Ist man eher pro Pegida? Lehnt man das ab? Engagiert man sich in der Flüchtlingsfrage oder nicht? Wie positioniert man sich? Entweder das Thema wird angesprochen, oder es wird extra nicht angesprochen. Aber es ist immer da, und es betrifft jeden, überall.

          Du thematisierst das nicht

          Ich habe eine Freundin, die ist Ärztin und behandelt Flüchtlinge, obwohl sie weiß, dass ihre Sprechstundenhilfe das nicht gut findet. Eine befreundete Physiotherapeutin setzt sich mit ihren Patienten auseinander, wenn die ihre vorurteilsbehafteten Tiraden loslassen. Ich kenne Journalisten, die kriegen Leserbriefe, die sind nicht nur böse, sondern mit übelsten Beschimpfungen und Drohungen gespickt. Durch manche Familien geht der Riss quer durch: die einen pro Pegida, die anderen dagegen.

          Du thematisierst das nicht, wenn du beim Frisör bist, weil es könnte ja sein, dass deine Frisörin anderer Meinung ist als du. Leute, bei denen du nicht weißt, wo sie stehen, checkst du ab, oder du redest den ganzen Abend anderes Zeug, um es nicht auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Man geht nicht mehr unbefangen aufeinander zu. Ich kann akzeptieren, wenn jemand den Islam als Religion eher kritisch sieht. Ich kann akzeptieren, wenn jemand der Asylpolitik eher mit Bedenken gegenübersteht. Was ich nicht nachvollziehen kann und was ich auch nicht akzeptieren kann, ist, wenn das in Hass und Hetze ausartet, wo der Flüchtling nicht mehr als Mensch gesehen wird. Da hört es bei mir auf.

          Ich habe immer das Gefühl, da ist eine latent feindselige Grundstimmung in der Stadt. Sobald ich Leute sehe, bei denen klar ist, dass sie nicht aus Deutschland kommen, weil sie ein bisschen anders aussehen, denke ich: Oh Gott, hoffentlich passiert denen nichts. Dabei gibt es nur selten Übergriffe am helllichten Tag. Aber das Gefühl schwingt mit. Neulich habe ich mit den Teilnehmern des Deutschkurses, den ich unterrichte, einen Ausflug ins Museum gemacht. Da guckst du plötzlich: Wer steigt in die Straßenbahn ein? Wie gucken die? Abschätzig? Desinteressiert? – Was ja okay ist. Oder hast du das Gefühl, da braut sich was zusammen? Schlimm ist das.

          An der Grenze dessen, was ich leisten kann

          Anfang vergangenen Jahres bin ich bestimmt zwei Monate lang montags auf diese Gegendemos gegangen. Irgendwann hat sich das erschöpft. Jeder Montagabend war dafür reserviert, du bist da in einem kleinen Häuflein Leute, die Musik ist meist schlecht, das Wetter auch, man könnte den Abend netter verbringen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Dabei ist es wichtig, weil es sich furchtbar anhört, wenn in den Nachrichten gesagt wird, zur Gegendemonstration fanden sich einige hundert Leute zusammen, während bei Pegida 8000 mitlaufen.

          Im Sommer dachten wir schon fast, der Spuk sei vorbei. Dann sorgte der Flüchtlingsstrom für Auftrieb. Und für mich war plötzlich klar, dass ich nicht nur reden kann oder protestieren. Ich musste dem etwas entgegensetzen, damit ich mich noch wohl in meiner Haut fühle und vor mir selbst bestehen kann.

          Zunächst habe ich einmal die Woche in einem Erstaufnahmelager geholfen. Da musste ich mich nicht verpflichten, das war keine kontinuierliche Arbeit. Daraufhin habe ich bei einer Initiative angefangen, die Deutschkurse für Flüchtlinge anbietet, jeder Kurs geht zweimal die Woche je anderthalb Stunden. Ich habe keine Qualifikation außer meinem Engagement, aber viel mehr braucht man erst mal auch nicht. Es geht um die ersten Sprachkenntnisse, um im Alltag klarzukommen. Seit Januar betreue ich mit einer Ko-Lehrerin einen Kurs. Mir war klar, dass ich fünf, sechs Stunden pro Woche dafür einplanen muss. Aber es bringt mich trotzdem manchmal ans Limit. Ich arbeite 30 Stunden, ich habe Familie, einen Hund, den Haushalt, und ein bisschen Freizeit für meine Hobbys hätte ich gerne auch noch. Es ist an der Grenze dessen, was ich leisten kann.

          Zeigen, dass es auch noch gute Menschen gibt

          Wenn ich in einer anderen Stadt oder in einem anderen Bundesland lebte, würde ich vielleicht Kleider sortieren. Ich würde mich wahrscheinlich nicht in diesem Ausmaß engagieren. Aber hier habe ich das Gefühl: Ich muss zeigen, dass es auch noch gute Menschen gibt, nicht nur Schreihälse und Hetzer. Und es ist Balsam für die eigene Seele, zu merken, wie viele Anständige es gibt – auch wenn sie leiser sind als die Montagsdemonstranten. Aber es ist auch anstrengend, sich zu engagieren. Ein Kampf im Alltag – mit der Zeit, mit eigenen Vorurteilen, mit dem Wunsch, sein eigenes kleines Privatleben zu behalten.

          Inzwischen schaue ich morgens mit als Erstes im Computer nach, was Initiativen, die ich gut finde, an Neuigkeiten gepostet haben. Dabei ist das eine Art, sich zu informieren, die mir nicht liegt. Aber da werden Sachen wie Clausnitz und Bautzen schnell bekanntgemacht. Oder es wird diskutiert, ob man zu diesem Fest für die Ehrenamtlichen geht, zu dem die Landesregierung eingeladen hat, oder ob man sich instrumentalisiert fühlt. Das meiste nehme ich nur zur Kenntnis. Manchmal versuche ich auch, Sachen finanziell zu unterstützen oder in meinem Freundeskreis zu verbreiten: Wenn das Rote Kreuz Freiwillige sucht, die Mützen und Schals stricken, fällt mir vielleicht jemand ein, dem das Spaß machen könnte. Wenn es darum geht, Flüchtlinge zum Sport mitzunehmen, überlege ich, wen ich ansprechen könnte. Das kostet Zeit und nimmt einen gedanklich in Beschlag.

          Auch die Lerner aus meinem Deutschkurs beschäftigen mich oft, auf meinen Spaziergängen mit dem Hund, in meine Abende hinein: Wie kann ich die besser motivieren? Soll ich jemandem eine SMS schreiben, damit er wiederkommt? Ich denke viel darüber nach, wie es weitergeht: Integration ist, miteinander zu reden, Leute kennenzulernen. Viele meiner Lerner sind Pakistaner, die wohnen alle in einem Haus und haben kaum Kontakt zu anderen. Hm, denke ich dann: Lädst du die jetzt mal nach Hause ein? Wie weit öffnest du dich? Ich weiß, wie wichtig das ist, aber ich bin da noch nicht mit mir im Reinen. Und dann denke ich: Wenn ich da noch nicht so weit bin – wie lange wird es dauern, bis jeder Flüchtling deutsche Bekannte hat?

          Dieses Gerede ist die giftige Saat

          Eigentlich bin ich niemand, der sich gerne politisch engagiert. Ich bin froh, wenn mein Leben in ruhigen Bahnen verläuft, wenn mich keiner nervt und keiner ärgert. Aber das geht leider nicht mehr. Oder es geht für mich nicht mehr. Deswegen mache ich jetzt das, was ich mache, denke viel mehr über Dinge nach und rege mich teilweise gewaltig auf. Manchmal sagte ich abends zu meinem Mann, ich will mich darüber jetzt nicht mehr unterhalten, ich kann einfach nicht mehr.

          Dieses permanente Verschärfen der Hetzerei hat die Hemmungen fallenlassen. Davon bin ich überzeugt. Man muss sich nur einmal anhören, wie die Redner bei den Pediga-Demonstrationen vom Leder ziehen. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein. Die rufen zwar nicht: „Brennt die Flüchtlingsheime nieder!“ Aber das Gerede ist da, ein Gerede, dass die Flüchtlinge im Grunde keine gleichwertigen Menschen sind. Sondern Schmarotzer, Kriminelle, Islamisten. Dieses Gerede ist die giftige Saat – und die geht auf.

          Schon seit den ersten Demonstrationen frage ich mich: Warum schämt ihr euch eigentlich nicht? Wenn ich mich schon schäme, dass da Leute mit solchen Parolen auf die Straße gehen – warum schämt ihr euch nicht? Ich verstehe wirklich nicht, wie das kommt. Viele Dresdner sind da fassungslos; bei uns im Freundeskreis ist das immer wieder Thema. Leider hat mir bisher niemand eine schlüssige Erklärung geliefert. Ein paar intolerante Leute, rücksichtslos und ohne Manieren, die gibt es überall. Aber dass es in dieser Massivität ausbricht, dieses allgemeine Fehlen von Anstand, Menschlichkeit, Mitgefühl – das hätte ich nicht für möglich gehalten.

          Dresden ist eine zwiegespaltene Stadt

          Ich weiß auch nicht, wie man da jemals wieder ins Gespräch kommen will. Das Klima ist so vergiftet und der Ton so rüde – grauenvoll. Es gibt ja Versuche: Gesprächsabende, moderierte Diskussionen. Aber das ist so unversöhnlich, so hasserfüllt, so verhärtet, inzwischen von beiden Seiten.

          Dresden ist heute eine zwiegespaltene Stadt mit einem Riss quer durch. Ich lebe hier noch immer gerne. Das barocke Flair ist noch da, die Landschaft, meine Freunde. Aber das Lebensgefühl ist ein anderes. Nicht mehr leicht und unbeschwert, sondern vorsichtig, beobachtend, manchmal auch bedrückend.

          Leute aus unserem Freundeskreis haben schon gefragt: Und? Tragt ihr euch mit dem Gedanken, hier wegzugehen? Aber Dresden ist auch mein Zuhause. Ich will das nicht auf so eine Art und Weise verlieren. Neulich ging es mit Freunden um die Frage, ob man überhaupt noch sagen kann, dass man aus Dresden oder Sachsen kommt. Ich bin der Meinung: Jetzt erst recht. Zeigt das andere Gesicht! Zeigt, dass es auch andere gibt! Wir müssen hier die Fahne hochhalten. Man kann doch Pegida nicht das Feld überlassen.

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