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Dresden : Es ist jetzt anders hier

„Ein Kampf im Alltag“: Das Leben in Dresden hat sich durch Pegida verändert. Bild: Reuters

Sachsen macht im Moment vor allem mit bedrückenden Meldungen von sich reden. Eine Dresdnerin erzählt, wie es sich anfühlt, in einem zwiegespaltenen Land zu leben. Ein Protokoll.

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          Leider muss man sagen, dass „Clausnitz“ nichts Ungewöhnliches war. Dass Flüchtlingen der Zugang zu Unterkünften verstellt wird, dass Blockaden stattfinden, gehört in Sachsen inzwischen dazu. Das ist bittere Realität. Und dieser Brandanschlag in Bautzen – dass da die Löscharbeiten behindert wurden, ist natürlich eine neue Qualität. Aber auch Brandanschläge sind hier fast schon „normal“.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Natürlich bin ich darüber entsetzt. Aber noch entsetzter bin ich, wenn man das überhaupt sagen kann, über die Rechtfertigung des Polizeipräsidenten. Dass er sich vor seine Leute stellt – in Ordnung. Man kann sagen, es tut uns leid, es hätte nicht so weit kommen müssen, aber wir stehen alle unter einem gewissen Druck. Dafür hat jeder Verständnis. Aber zu sagen, die Flüchtlinge haben provoziert und sind mit schuld? So etwas geht überhaupt nicht. Das ist ein Denken, das bringt mich so auf die Palme, dass ich es kaum ausdrücken kann. So eine Hartherzigkeit. Ohne jedes Mitgefühl. Nicht nachvollziehen zu können oder zu wollen, wie dem anderen zumute sein mag. Ich kann das nicht verstehen, und das treibt mich wirklich um: Hier geht die Menschlichkeit verloren.

          Plötzlich lag eine giftige Wolke über der Stadt

          Ich weiß noch genau, wie es angefangen hat mit Pegida, mit ein paar hundert Leuten, und man dachte, ach Gott, was sind das wieder für Spinner. Dann bekamen die Zulauf, und plötzlich lag eine giftige Wolke über der Stadt, die sich ausbreitete und so langsam in alles einsickerte. Diese Hetzerei an den Montagen, dieses Schamlose, das hat in den vergangenen anderthalb Jahren viel kaputtgemacht.

          Seit 24 Jahren wohne ich in Dresden. Unsere Tochter ist hier geboren und hat hier eine gute Kindheit und Jugend gehabt. Ich fühle mich wohl, wir haben viele Freunde, es war immer eine Stadt, in der ich gerne gelebt habe. Das barocke Flair, diese Pracht und Gemütlichkeit, es gibt die Elbwiesen, viel Grün, das macht es lebenswert. Es ist auch immer noch eine Stadt, in der ich gerne lebe. Aber das Leben ist anstrengender geworden.

          Ist man eher pro Pegida? Lehnt man das ab? Engagiert man sich in der Flüchtlingsfrage oder nicht? Wie positioniert man sich? Entweder das Thema wird angesprochen, oder es wird extra nicht angesprochen. Aber es ist immer da, und es betrifft jeden, überall.

          Du thematisierst das nicht

          Ich habe eine Freundin, die ist Ärztin und behandelt Flüchtlinge, obwohl sie weiß, dass ihre Sprechstundenhilfe das nicht gut findet. Eine befreundete Physiotherapeutin setzt sich mit ihren Patienten auseinander, wenn die ihre vorurteilsbehafteten Tiraden loslassen. Ich kenne Journalisten, die kriegen Leserbriefe, die sind nicht nur böse, sondern mit übelsten Beschimpfungen und Drohungen gespickt. Durch manche Familien geht der Riss quer durch: die einen pro Pegida, die anderen dagegen.

          Du thematisierst das nicht, wenn du beim Frisör bist, weil es könnte ja sein, dass deine Frisörin anderer Meinung ist als du. Leute, bei denen du nicht weißt, wo sie stehen, checkst du ab, oder du redest den ganzen Abend anderes Zeug, um es nicht auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Man geht nicht mehr unbefangen aufeinander zu. Ich kann akzeptieren, wenn jemand den Islam als Religion eher kritisch sieht. Ich kann akzeptieren, wenn jemand der Asylpolitik eher mit Bedenken gegenübersteht. Was ich nicht nachvollziehen kann und was ich auch nicht akzeptieren kann, ist, wenn das in Hass und Hetze ausartet, wo der Flüchtling nicht mehr als Mensch gesehen wird. Da hört es bei mir auf.

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