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Dresden : Es ist jetzt anders hier

Auch die Lerner aus meinem Deutschkurs beschäftigen mich oft, auf meinen Spaziergängen mit dem Hund, in meine Abende hinein: Wie kann ich die besser motivieren? Soll ich jemandem eine SMS schreiben, damit er wiederkommt? Ich denke viel darüber nach, wie es weitergeht: Integration ist, miteinander zu reden, Leute kennenzulernen. Viele meiner Lerner sind Pakistaner, die wohnen alle in einem Haus und haben kaum Kontakt zu anderen. Hm, denke ich dann: Lädst du die jetzt mal nach Hause ein? Wie weit öffnest du dich? Ich weiß, wie wichtig das ist, aber ich bin da noch nicht mit mir im Reinen. Und dann denke ich: Wenn ich da noch nicht so weit bin – wie lange wird es dauern, bis jeder Flüchtling deutsche Bekannte hat?

Dieses Gerede ist die giftige Saat

Eigentlich bin ich niemand, der sich gerne politisch engagiert. Ich bin froh, wenn mein Leben in ruhigen Bahnen verläuft, wenn mich keiner nervt und keiner ärgert. Aber das geht leider nicht mehr. Oder es geht für mich nicht mehr. Deswegen mache ich jetzt das, was ich mache, denke viel mehr über Dinge nach und rege mich teilweise gewaltig auf. Manchmal sagte ich abends zu meinem Mann, ich will mich darüber jetzt nicht mehr unterhalten, ich kann einfach nicht mehr.

Dieses permanente Verschärfen der Hetzerei hat die Hemmungen fallenlassen. Davon bin ich überzeugt. Man muss sich nur einmal anhören, wie die Redner bei den Pediga-Demonstrationen vom Leder ziehen. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein. Die rufen zwar nicht: „Brennt die Flüchtlingsheime nieder!“ Aber das Gerede ist da, ein Gerede, dass die Flüchtlinge im Grunde keine gleichwertigen Menschen sind. Sondern Schmarotzer, Kriminelle, Islamisten. Dieses Gerede ist die giftige Saat – und die geht auf.

Schon seit den ersten Demonstrationen frage ich mich: Warum schämt ihr euch eigentlich nicht? Wenn ich mich schon schäme, dass da Leute mit solchen Parolen auf die Straße gehen – warum schämt ihr euch nicht? Ich verstehe wirklich nicht, wie das kommt. Viele Dresdner sind da fassungslos; bei uns im Freundeskreis ist das immer wieder Thema. Leider hat mir bisher niemand eine schlüssige Erklärung geliefert. Ein paar intolerante Leute, rücksichtslos und ohne Manieren, die gibt es überall. Aber dass es in dieser Massivität ausbricht, dieses allgemeine Fehlen von Anstand, Menschlichkeit, Mitgefühl – das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Dresden ist eine zwiegespaltene Stadt

Ich weiß auch nicht, wie man da jemals wieder ins Gespräch kommen will. Das Klima ist so vergiftet und der Ton so rüde – grauenvoll. Es gibt ja Versuche: Gesprächsabende, moderierte Diskussionen. Aber das ist so unversöhnlich, so hasserfüllt, so verhärtet, inzwischen von beiden Seiten.

Dresden ist heute eine zwiegespaltene Stadt mit einem Riss quer durch. Ich lebe hier noch immer gerne. Das barocke Flair ist noch da, die Landschaft, meine Freunde. Aber das Lebensgefühl ist ein anderes. Nicht mehr leicht und unbeschwert, sondern vorsichtig, beobachtend, manchmal auch bedrückend.

Leute aus unserem Freundeskreis haben schon gefragt: Und? Tragt ihr euch mit dem Gedanken, hier wegzugehen? Aber Dresden ist auch mein Zuhause. Ich will das nicht auf so eine Art und Weise verlieren. Neulich ging es mit Freunden um die Frage, ob man überhaupt noch sagen kann, dass man aus Dresden oder Sachsen kommt. Ich bin der Meinung: Jetzt erst recht. Zeigt das andere Gesicht! Zeigt, dass es auch andere gibt! Wir müssen hier die Fahne hochhalten. Man kann doch Pegida nicht das Feld überlassen.

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