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Leben auf Pitcairn : „Das sind wirklich arme Leute“

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Auf der Südsee-Insel Pitcairn lebte Roos über ein Jahr Bild: AP

Der Deutsche Hendrik Roos lebte mit seiner Familie auf der Insel Pitcairn. Damit waren die Nachkommen der Bounty-Meuterer seine Nachbarn. Ein Gespräch über Inselträume, Desillusionierung und spirituell verarmte Inselbewohner.

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          Hendrik Roos (40) aus Leipzig wanderte mit seiner Familie auf die Insel Pitcairn aus. Er lebte dort von 1998 bis 1999 mit seiner Frau und zwei Kindern. Die Insel wurde durch die Besiedlung der legendären Bounty-Meuterer berühmt. Pitcairn sorgte erneut für Schlagzeilen, als bekannt wurde, daß die Inselbewohner wegen Kindesmißbrauchs angeklagt wurden. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählt Hendrik Roos über Inselträume, Desillusionierung, spirituell verarmte Inselbewohner und Pitcairn-Fans aus den Vereinigten Staaten.

          Was verschlug eine deutsche Familie zehn Jahre nach dem Ende der DDR an einen der isoliertesten Orte der Welt?

          Als die Mauer fiel, hatten wir ein Erlebnisdefizit. Ich arbeitete damals in einer Hausverwaltung und las einen Zeitungsbericht von Arved Fuchs. Zehn Zeilen über Pitcairn waren genug, unsere Sehnsucht zu wecken.

          Roos leitet heute ein Schwimmbad in Neuseeland

          Die Pitcairner lassen nicht jeden auf ihre Insel. Wie haben Sie es geschafft?

          Wir schrieben einen emotionalen Brief. Tenor: Wir wollen an eurer unverdorbenen Lebensweise teilhaben. Damals waren auch wir Opfer dieses Klischees. Von solchen Anfragen habe ich später, als wir dort lebten, oft gehört. Das waren immer Menschen, die bestätigt haben wollen, daß die heile Welt noch existiert.

          Existiert sie denn nicht mehr?

          Mit dem Idealbild dort ankommend, bekommt man einen Realitätsschock. Die Desillusionierung hat nicht mal zwei Wochen gedauert. Es ist keine harmonische Menschengemeinschaft am Ende der Welt, sondern es sind materiell und spirituell verarmte Menschen.

          Wie muß man sich den Alltag vorstellen?

          Er ist vom Kleinkrieg zwischen den Familien geprägt. Kaum jemand hat ein wirkliches Interesse an Dingen, die über die Inselgrenzen hinausgehen. Es ist ein armseliges Leben. Manche dort können kaum lesen oder schreiben. Die Inzucht und die beschränkte Umgebung prägen den Menschen unweigerlich.

          Sie waren also restlos enttäuscht.

          Das nicht, denn wir haben ja trotzdem viel Aufregendes und Schönes mitgenommen, haben eine neue Sicht auf die Welt bekommen und vieles erlebt - das eigene Gemüse angebaut, Honig geerntet, vorbeifahrenden Schiffen Bananen und frischen Fisch verkauft. Aber die Leute existieren dahin, statt zu leben, sitzen inmitten von Ungeziefer und Müll und gucken Billigvideos, die sie sich kistenweise aus Neuseeland schicken lassen. Dazu kam die Ernährung: fritierter Fisch, der vor Fett trieft, dazu Kartoffelchips aus der Tüte und tiefgefrorene Pasteten. Dabei wachsen dort die wunderbarsten Früchte. Es war trostlos, langweilig und deprimierend. Starke Menschen, die nicht rückwärtsgewandt sind, gelten auf Pitcairn als Bedrohung.

          Sie kamen also mit den Inselbewohnern nicht klar?

          Uns konnten die Leute gut leiden, auch wenn wir nicht integriert waren. Ich habe in der Schule geholfen, habe Sport gelehrt, im Laden und beim Hausbau mitgemacht. Aber alles war emotionslos, ohne persönliche Beziehung.

          Vier Nachfahren der Meuterer auf der „Bounty“ müssen wegen jahrzehntelanger Kinderschändung, so das Urteil vom Dienstag, jetzt endgültig ins Gefängnis. Es fällt auf, daß Pitcairn-Liebhaber in aller Welt, die sich früher über Funk und jetzt über das Internet verbreiten, den Mißbrauch vielfach leugnen.

          Kein Wunder, wenn nach Jahren der Beschönigung das Ideal der heilen Welt plötzlich zusammenbricht. Ich habe anfangs selbst mit am Mythos gestrickt und für die Inselzeitung Miscellany News kleine Beiträge geschrieben, um im Ort besser integriert zu sein. Es war geschönt. Heute ist es mir peinlich. Aber sonst gab es eben nicht viel intellektuelle Anregung.

          Hat die Lobby-Gruppe aus den Vereinigten Staaten, die jetzt den Unschuldsmythos pflegt, damals bereits die Pitcairner finanziell unterstützt?

          Die Leute bekommen Unterstützung aus aller Welt. Für einige alte Damen in Florida ist das so eine Art Hobby, wie man halt früher was an die armen Kinder in Afrika geschickt hat. Eine Amerikanerin schickte mal tausend Dollar für die Kinder. Aber das nahm sich der, der es zuerst in die Finger bekam. Wir fanden ungeöffnete Geschenkpakete in einem Schuppen. Die lagen da seit drei Jahren.

          Warum haben Sie Pitcairn wieder verlassen?

          Irgendwann haben wir uns gefragt: Was machen wir hier noch? Zwei Wochen später waren wir weg. In unserer anfänglichen Naivität hatten wir gedacht, dort ein Leben lang zu bleiben.

          Würden Sie noch mal zurückkehren?

          Ja, aber nur, um die Insel zu renaturieren. Pitcairn ist einer der faszinierendsten Orte der Erde. Man kann die Präsenz des Überirdischen spüren. Eigentlich sollten dort keine Menschen leben.

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